Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Das Dienstplanschwein

with 9 comments

Die Visite dauert ewig.
Ich kenne kaum einen Patienten. Also kämpfe ich mich zunächst durch die Krankenakten und versuche, Martin Bückling’s Aufzeichnungen zu entziffern, aber seine Handschrift ist fast so schlimm wie meine.
Derweil steht Schwester Paula betont gelangweilt herum und gibt mir immer wieder zu verstehen, dass ihre Anwesenheit eine ganz besondere, nicht selbstverständliche Gunst ist und überhaupt haben vor zwanzig Jahren die Ärzte eigentlich immer alleine ohne schwesterliche Hilfe Visite gemacht. Ich überhöre die Bemerkungen.
Endlich sind wir durch. Es geht längst auf Mittag zu. So, und jetzt noch schnell beim Postfach vorbei… da liegt der Dienstplan für den kommenden Monat drin.
Ein Blick und mein Blutdruck schießt in die Höhe.
Das Wochenende mit der geplanten Fortbildung? Dienst.
Der Abend, an dem ich mit Jenny zum Kino verabredet bin? Dienst.
Das geplante verlängerte Kurzurlaubwochendene…?
Ich greife zum nächsten Telefon und funke Martin an.
Der ist gelangweilt.
„Selber schuld, wenn Du nicht zur Dienstplanbesprechung kommst!“
„Wann war die denn?“
„Letzten Donnerstag.“
„Da war ich im Urlaub.“
„Selber schuld.“
„Wieso hat mir keiner Bescheid gesagt?“
Ich hätte ihm einen Zettel ins Fach legen können mit meinen Wünschen und den Daten, an denen ich nicht kann. Es gäbe zwar keinerlei Garantie, dass er diesen Zettel berücksichtigen würde, das tut er grundsätzlich nicht, aber ein Versuch hätte es wert sein können.
„Weil eigentlich jeder Bescheid wusste.“
Dienstplanbesprechung ist an jedem ersten Dienstag im Monat, immer morgens nach der Frühbesprechung. Schon seit Jahren. Im Prinzip wenigstens. Aber nicht immer. Eigentlich nie.
„Warum war die Besprechung nicht am ersten Dienstag?“
„Weil wir den Termin verlegt haben.“
Will sagen: Weil er den Termin verlegt hat.
„Warum?“
„Weil ich nicht konnte.“
Aha.
„Entschuldige, ich habe zu tun!“ sagt Martin und legt auf.
So ein Arschloch! Ich schlucke meinen Ärger hinunter und gehe wieder hinauf auf Station.
Auf meinem Schreibtisch liegt ein Stapel Krankenakten. Die waren vor meinem Urlaub noch nicht da. Sieht nach Arbeit aus.
Und dann klingelt das Telefon. Chef ist dran. Ich weiß schon, was er will. Sarah hätte heute Dienst. Sie ist aber immer noch krank.
„Alles in Ordnung!“ sage ich mit gespieltem Optimismus, „Ich übernehme den Dienst!“
Und jetzt brauche ich wieder mal einen starken Kaffee.

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Written by medizynicus

17. Februar 2010 um 07:00

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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9 Antworten

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  1. Schwester Paula irrt (bzw. lügt!): vor 25 Jahren habe ich auf der Chirurgie mit 2 Schwestern Visite gemacht, eine zum schreiben (Finger sauber) und eine zum verbinden (Handschuhe)!

    Alte Schwestern versuchen immer junge Assistenten auszutrixen und ihnen ihre eigen Arbeit auf’s Auge zu drücken! Lasst euch nichts gefallen!

    der Landarsch

    17. Februar 2010 at 07:48

  2. Ich muss da mal für meinen Chef eine Lanze brechen, meine Freiwünsche werden eigentlich immer berücksichtigt. Und wenn ich mal kurzfristig frei brauche, geht das meistens auch immer.

    alltagimrettungsdienst

    17. Februar 2010 at 08:20

  3. @der Landarsch *zustimm*

    Da fällt mir ein, ich habe Urlaub, und es gibt den neuen Plan 😦

    Doc Brown

    17. Februar 2010 at 08:45

  4. Nun kommt. Seit fair. Die Ärzte drücken uns auch mal gerne ihre tätigkeiten auf. 😦

    Mel

    17. Februar 2010 at 08:53

  5. gemeint ist doch nur die altgedienste Ober-Wichtig-Stationsschwester, nicht die armen Hascherln Schwesternschülerin oder Jungschwester! 😉

    der Landarsch

    17. Februar 2010 at 10:52

  6. Na ja Sarah ist dir da ja wohl einige Dienste Schuldig. Soll sie die doch für dich übernehmen.

    swissresq

    17. Februar 2010 at 14:06

  7. Also, ich kann mich auch nicht beklagen. Eine Schwester geht mit, alleine um Infos für die Übergabe zu bekommen und nicht gegeneinander ausgetrickst zu werden. Eine Schwester zum verbinden. Und unsere Freiwünsche werden auch immer möglich gemacht. Den Dienst für Sarah solltest du dir wieder abnehmen lassen.

    mausel

    17. Februar 2010 at 19:52

  8. Kino mit Jenny?

    Erzähl uns mehr 😉

    Jacob

    17. Februar 2010 at 23:16

  9. Nunja Landarsch. Ich bin weder das eine.. noch das andere.

    Mel

    18. Februar 2010 at 13:15


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