Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Doktor sagen Du jetzt Schnauze halten!

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Dieser Kerl ist mir von Anfang an unsympathisch. Er hat schulterlanges, grauweißes und schon schütter werdendes Haar, einen eindrucksvollen Schnauzbart und dazu teure Markenklamotten, an seiner Seite eine schöne Frau, die maximal halb so alt ist wie er selbst. Ich erinnere mich dunkel daran, dass er schonmal hier war, auch damals in weiblicher Begleitung, aber die Jetzige ist noch schöner und noch jünger.
Und um diese Frau geht es.
Eigentlich will ich sie jetzt untersuchen, aber er hat sich zwischen mir und ihr aufgebaut und streckt mir seine Hand entgegen.
„Tut mir leid, meine – ähem – Partnerin spricht kein deutsch!“ sagt er.
Ich nicke ihm zu und wende mich dann an die Patientin.
„Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“
Schnauzbart beugt sich über die Liege und brüllt ihr ins Ohr: „Doktor fragen, wo weh tun!“
Und dann, deutlich leiser, zu mir:
„Sehen Sie, sie kann wirklich kaum Deutsch!“
Die Frau deutet auf ihren Bauch.
„Sie will sagen, sie hat Bauchschmerzen!“
Ach nee, da wäre ich jetzt nicht drauf gekommen!
„Seit wann tut’s Ihnen denn weh?“
„Doktor fragen seit wann Du haben Schmerzen!“
„Seit gestern Abend!“ sagt die Patientin, zwar mit Akzent, aber gut verständlich.
„Ist Ihnen übel? Haben Sie erbrochen? Oder Durchfall?“
„Doktor fragen…“
Hinter mir wird eine Tür geöffnet. Ich fühle eine Hand auf meiner Schulter und dann eine Stimme dicht neben meinem Ohr.
„Doktor sagen Du jetzt Schnauze halten!“
Ich zucke zusammen und der – ähem – Partner der Patientin ist mindestens ebenso überrascht.
Wir drehen uns um. Und da steht Kalle.
„Darf ich Sie freundlicherweise bitten, den Raum zu verlassen?“
Schnauzbart-Goldkettchen will etwas sagen, aber Kalle schiebt ihn durchaus höflich aber bestimmt in Richtung Tür und schließt selbige hinter ihm.
In Ruhe können wir die Untersuchung fortführen und – O Wunder -, die Dame spricht gar nicht so schlecht Deutsch.
Eine halbe Stunde später sitzen wir dann im Aufenthaltsraum.
„Sag mal, weißt Du wer das war?“ fragt Schwester Anna.
Kalle nickt.
„Zehn Jahre Knast wegen Zuhälterei und schwerer Körperverletzung.“
„Da traust Du dich aber was!“
Kalle nimmt in aller Ruhe einen Schluck Kaffee.
„Früher mal war er der Unterweltkönig von Bad Dingenskirchen, aber jetzt braucht man vor ihm keine Angst mehr zu haben!“
„Warum?“
„Die Info habe ich von Madame Jaqueline. Und auf Madame Jaqueline ist immer Verlass!“
Ach wie schön, dass Kalle wieder da ist. Manchmal könnte ich ihn umarmen.

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Written by medizynicus

22. Februar 2010 um 07:06

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

3 Antworten

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  1. Hm was fürn Assi :-/

    Hättest du den den nicht vor die Tür setzen können? So wenn die beiden nicht verheiratet sind!?!

    DeserTStorM

    22. Februar 2010 at 12:28

  2. Oh wie schön. Wir hatten das gleiche mal bei einer Putzfrau. Sie total jung, hübsch und schüchtern und er 50+, ungepflegt und unsympathisch.

    Sie wollte/sollte sich um die Putzstelle bewerben, aber er hat auch mit der Begründung sie spräche kein Deutsch mit uns gesprochen. Mein Lieblingszitat:
    “ Die macht alles“

    Auf Nachfrage kam dann auch raus. Sie war Au-Pair in Deutschland und hat diesen „sympatischen jungen Mann“ ironie off geheiratet und sprach sehr wohl deutsch.

    Toll ich dachte ich suche eine Putzfrau und er bietet mir eine Leibeigene. Wir haben dankend abgelehnt und die Frau tat mir moch lange leid.

    aupairfamilienrw

    22. Februar 2010 at 16:23

  3. „Sie total jung, hübsch und schüchtern und er 50 , ungepflegt und unsympathisch“ – danke! *g*

    gegen Schüchternheit

    14. März 2010 at 02:15


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