Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Diamorphin (2)

with 13 comments

„Heroin als Medikament?“
Schwester Paula schüttelt den Kopf.
„Sagte ich doch. Hier in Deutschland allerdings nur zur Behandlung von Drogenabhängigkeit…“
„Heroin für Drogenabhängige? Das ist doch fast so, als wenn die AOK eine Kneipe aufmacht mit Freibier für alle Alkoholiker…“
„Nun ja, nicht ganz…“
Ich trinke an meiner Tasse Krankenhauskaffeeplörre und verziehe angewidert den Mund.
„…das muss man sich so vorstellen…“
Kalle stopft sich ein Stück Kuchen in den Mund.
„Wisst Ihr was?“ fragt er kauend, „Ich wünsche mir, dass man Heroin demnächst im Supermarkt kaufen kann. Für zwei Euro fünfzig das Päckchen.“
Jenny grinst.
„Cool!“ sagt sie.
Schwester Paula hingegen starrt ihn mit großen Augen an.
„Sind Sie jetzt völlig verrückt, Herr Doktor?“
Kalle schüttelt den Kopf und klopft sich die Krümel vom Kittel.
„Nee. Ich habe da nur meine Theorien.“
„Und die wären?“
„Theorie eins: An Alkohol und Nikotin bringen mehr Leute um als Heroin. Und trotzdem sind die ersteren beiden Drogen legal.“
„Genau! Und deswegen sollte man sie auch am besten verbieten, weil..“
Kalle schüttelt erneut den Kopf.
„Theorie zwei. Verbote haben noch niemanden wirklich davon abgehalten, sich das Zeug zu besorgen. Wer etwas haben will, der kriegt es. Egal ob auf legalem oder nicht legalem Weg.“
„Aber die Kriminalität…“
„Theorie drei: Wenn man Heroin im Supermarkt für zwei Euro fünfzig kaufen kann, wird die ganze Sache für die Mafia und alle anderen Gangster plötzlich uninteressant. Und auch die Junkies selbst brauchen weder mein Auto zu knacken noch in meine Wohnung einzubrechen um ihre Sucht zu finanzieren…“
„Und was passiert mit den Abhängigen selbst? Gesünder werden die nicht!“
„O doch! Es gibt zumindest keinen Anlass mehr, sich mit verdreckten Spritzbestecken alle möglichen Infektionen zuzuziehen. Und abgesehen davon glaube ich an das Recht eines jeden Menschen, unvernünftig zu handeln und mit dem eigenen Körper anzustellen, was man will. Sofern man keinen anderen schädigt dabei.“

Written by medizynicus

13. März 2010 um 22:26

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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13 Antworten

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  1. Vollkommen meine Meinung. Es würd ja schon reichen Gras in der Apotheke zu verkaufen oder auch hier coffee shops zu erlauben.
    Vor ein paar Jahren, als ich noch ab und zu einen geraucht habe, hab ich mir in Holland ein Gramm gegönnt was 19 € gekostet hat. Reines Gras, feinster Stoff. Das Zeug hieß nicht umsonst Diamond.
    Im Gegensatz dazu hab ich dann irgenwann mal hier in DE auf ner Geburtstagsfete an ner Tüte gezogen wo Gras drin war was mit irgendwas Chemischen gestreckt war. Hab mir die Seele aus dem Leib gekotzt.

    Einfach legalisieren das Zeug. Beseitigt weitaus mehr Probleme als es schafft. Das ganze (also auch alk und kippen) unter vernünftiger Kontrolle mit extrem schweren Strafen bei Verkauf an Jugendliche.

    An Gras kenn ich keinen der daran zugrunde gegangen oder gar draufgegangen ist. Nichtmal davon gehört. (Bekifft vors Auto laufen zähl ich jetzt mal nicht dazu). Habe aber mehr als genug Leute gekannt und kenne immer noch welche die sich mit Alk kaputtsaufen und 100% irgendwann deswegen draufgehn.

    DerSchuki

    14. März 2010 at 00:16

  2. Ich habe aber schon mal jemanden mit einer akuten Hasch-Psychose gesehen… der war dann in der geschlossenen Psychiatrie mit wenig Aussicht auf komplette Wiederherstellung.
    Ob das gnädiger ist?

    sternenmond

    14. März 2010 at 09:24

  3. Nur weil die Drogen nicht tödlich sind, sind sie noch lang nicht harmlos. Ich find schon dass das Verbot seine Berechtigung hat. Allerdings finde ich auch, dass die Gesetze bei Alk und Co zu lasch sind. Nur wo die Grenze ziehen? Man kann nicht kontrollieren ob der Wein für das gelegentliche Glas am Abend oder für die Bowle beim Komasaufen gekauft wird.

    Blogolade

    14. März 2010 at 12:05

  4. Mich würden vor allem einmal die Erfahrungen in den Niederlanden interessieren. Wie sieht es da statistisch vorher und nachher aus? Wurde es wirklich besser wie erhofft?

    Ich kann als Zürcher nur sagen: Seit wir in den 90ern ein Drogenprogramm eingeführt haben, haben wir massiv weniger Probleme mit der (offenen) Drogenszene und den daraus entstehenden Folgen. Die Beschaffungskriminatlität ist signifikant gesunken, die Krankheiten (HIV etc.) und die Drogentoten ebenso.

    Ich bin durchaus kein Befürworter der Legalisierung (aber auch nicht unbedingt ein Gegner), aber ich bin mir unschlüssig, was in diesem Fall zu tun ist. Ich suche für mich schon seit Jahren eine Antwort auf diese Frage. Ich hatte die Drogenszene an den Hotspots selber zwar nie gesehen, aber ich habe damals miterlebt, wie die Stimmung war und viele Drogensüchtige und hunderte von gebrauchten Spritzen in Zürich gesehen. Das werde ich nie vergessen.

    Einige Links dazu:

    http://www.swissinfo.ch/ger/index.html?cid=4040388
    http://de.wikipedia.org/wiki/Platzspitz#Needle_Park

    Eines der eindrücklichsten Bilder, die mir für immer in Erinnerung bleiben werden (Achtung: nichts für schwache Nerven):

    eyeIT

    14. März 2010 at 13:46

  5. Theorie 1 ist richtig – deutet aber auf keine eindeutige Lösung.

    Theorie 2 ist nicht nützlich, da man damit fast JEDES Gesetz angreifen könnte. Das wäre Anarchie – keine gute Idee.

    Theorie 3
    Ein schlimmer Alkoholkonsument* fährt seine Mitmenschen in den Tod, terrorisiert seine Familie, wird gewalttätig und verursacht bestimmt ähnlich viel Sachschaden wie User harter Drogen.
    Konsumenten letzterer sind auch nicht dafür bekannt, ihre Konsumenten zu friedliebenden verantwortungsbewussten Autofahrern, Eltern, etc zu machen.
    Ich denke eine Legalisierung bedeutet weniger Nebenwirkungen, aber mehr (dennoch negative) Wirkung.

    Bei Gras bin ich unentschlossen.

    NK

    14. März 2010 at 15:21

  6. Ich denke auch nicht, dass Verbote in der Drogenproblematik etwas bewirken. Ausschlaggebender ist hier wohl die gesellschaftliche Akzeptanz.
    Wunderbar währe es wohl, wenn der Alkoholkonsum das gleiche Ansehen hätte wie der Heroinkonsum…

    sc4rfac3

    14. März 2010 at 16:42

  7. NK:
    Wieso unentschlossen bei Gras? Ich habe genug Kiffer kennengelernt die genauso wenig zurechnungsfähig waren wir Sturzbetrunkene oder Junkies. Die hätten auch kein Auto fahren können o.ä.
    Da mache ich keinen Unterschied.

    Blogolade

    14. März 2010 at 18:58

  8. Kenne auch Kiffer mit deutlichen Psychosen, Zwangsstörungen, Panikanfällen etc. Und wenn man da mal gesehen hat, wie sich Menschen durch den Mist verändern…
    Ansonsten – Crystal Meth übernimmt ja inzwischen die Rolle des früheren Heroin und lässt sich mit ein wenig Grundkenntnis, Experimentierfreudigkeit und ein bisschen unauffälligem Platz im Keller aus Supermarktwaren herstellen.
    Von Billigkleber aus dem Ausland etc ganz zu schweigen. Wenn sich jemand mit Drogen zuknallen will, muss er nicht unbedingt viel Kohle für Dealer ausgeben.

    Alk und Nikotin haben nicht deswegen so viele „Anhänger“, weil sie legal sind, sondern in erster Linie deswegen, weil sie sozial anerkannt sind. Ein Verbot würde da nicht viel bringen.

    chaoskatze

    14. März 2010 at 19:08

  9. Okay. Gras==schlimm.

    Übrigens: In Schweden gibt es Alk > 3,5% nur in staatlichen Läden zu einem recht hohen Preis zu beschränkten Öffnungszeiten. Außerdem schreibt der Staat, glaube ich, auch mit, wie viel man kauft.

    Aber für D wär es schon ein Fortschritt, wenn es in Tankstellen – Läden, die für Autofahrer gedacht sind (!!!) – keinen Alk mehr gäbe.

    NK

    14. März 2010 at 19:59

  10. Ich habe da vor einiger Zeit mal nen interessanten Bericht in der SZ oder im Spiegel gelesen. Dort hat ein Experte durchdekliniert, was eine Legalisierung dieser Drogen für Folgen hätte. Unter anderem war auch eine empfindliche Schwächung des Terrorismus (Schlafmohn in Afghanistan) und der organisierten Kriminalität (Mexiko). Das wären zumindest zwei interessante Aspekte, die für die Legalisierung sprechen würden.

    stef

    15. März 2010 at 19:41

  11. Der Kürze halber sei aufs lawblog verwiesen: http://www.lawblog.de/index.php/archives/2009/10/19/der-krieg-gegen-drogen-ist-gescheitert/ – aus den teilweise recht emotionalen Beiträgen habe ich mir zwei Fragen mitgenommen, ohne deren Beantwortung eine Diskussion über Drogenpolitik zu nichts führen wird:
    * Gibt es ein Grundrecht auf Rausch?
    * Wer profitiert von der momentaten gesetzlichen und moralischen Situation?

    Meine Meinung ist unverändert: Der aktuelle Zustand, auch als Ergebnis der repressiven Drogenpolitik der letzten Jahre, ist eine ziemliche Katastrophe. Jeder andere Ansatz kann eigentlich nur besser sein.

    daFux

    16. März 2010 at 13:36

  12. Katastrophe? Die Zahl der Drogentoten sinkt seit 20 Jahren.

    Über die Sache mit dem Organisierten Verbrechen kann man allerdings nachdenken.

    NK

    16. März 2010 at 14:34

  13. Aber um die Fragen zu beantworten:

    * Gibt es ein Grundrecht auf Rausch?
    Das GG befasst sich nicht damit. Eine Interpretation in Richtung Pro erscheint mir ebenso zweifelhaft wie eine Interpretation Richtung Contra.

    * Wer profitiert von der momentanen gesetzlichen und moralischen Situation?
    Die (Noch-)Nicht-Abhängigen. Der illegale Vertrieb.

    Eine andere Sache: Mir stellt sich die Frage, ob legalisierte Drogen nach dem zu erwartenden Nachfrageboom und Aufschlag einer entsprechenden Steuer immer noch so billig wären.

    NK

    16. März 2010 at 15:16


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