Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

beraten und verraten

with 11 comments

Kalle sitzt im Arztzimmer. Er hat sich in seinem Bürostuhl zurückgelehnt und seine Füße liegen auf dem Schreibtisch direkt neben einer Batterie von dreckigen Kaffeetassen. Er blättert in einer Zeitschrift. In seiner rechten Hand hat er einen gelben Textmarker und ab und zu streicht er etwas an.
Er blickt nicht auf, als ich hereinkomme und ihm über die Schulter schaue.
„Du liest Stellenanzeigen?“
„Hmmm.“
„Du willst uns verlassen?“
„Hmmmmmmm.“
„Darf ich daraus schließen, dass aus der Oberarzt-Sache nichts geworden ist?“
„Wie man’s nimmt!“
„Aha?“
„Vom Ersten an bin ich befördert!“
„Oh! Gratuliere!“
„Pech für Dich: Du hast jetzt mehr Dienste. Ich mache stattdessen Hintergrund.“
„Das klingt ja spannend!“
„Noch spannender würde es klingen, wenn ich auch entsprechend bezahlt werde.“
„Wirst Du das nicht?“
„Ich bleibe Assistenzarzt. Also Funktionsoberarzt. Also jede dritte Nacht Hintergrunddienst fürs gleiche Geld wie zuvor. Aber wenigstens kann ich im eigenen Bett schlafen. Zumindest so lange bis Du mich da rausholst.“
„Und wieso…?“
„Wieso ich mich auf diese Scheiße einlasse? Weil es sich in meiner Bewerbung besser macht.“
„Nein, ich meine, wieso machen sie Dich nicht zum richtigen Oberarzt?“
„Da musst Du diese Beratungsfuzzis fragen! Weniger Geld ausgeben ist halt billiger als seine Leute anständig zu bezahlen.“
„A propos: Hast Du von diesen Beratungsheinis noch irgendwas gehört?“
„Die sind wie vom Erdboden verschwunden. Aber freu Dich nicht zu früh! Die hecken irgendwas aus, und das wird nichts Gutes sein, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche!“

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Written by medizynicus

19. März 2010 um 07:00

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

11 Antworten

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  1. Klingt genauso bescheiden wie bei uns in der Pharma Branche. Die investieren auch lieber ein Heidengeld in Beraterfirmen (die dann feststellen, was alle eh schon immer wussten).

    Musste gleich an diese altbekannte aber treffende Geschichte denken:

    Vor einiger Zeit verabredete eine deutsche Firma ein jährliches Wettrudern gegen eine japanische Firma, das mit einem Achter auf dem Rhein ausgetragen werden sollte.

    Beide Mannschaften trainierten lange und hart, um ihre höchste Leistungsstufe zu erreichen. Als der große Tag gekommen kam, waren beide Mannschaften topfit, doch die Japaner gewannen mit einem Vorsprung von einem Kilometer.

    Nach dieser Niederlage war das deutsche Team sehr betroffen und die Moral war auf dem Tiefpunkt. Das obere Management entschied, daß der Grund für diese vernichtende Niederlage unbedingt herausgefunden werden mußte. Ein Projekt-Team wurde eingesetzt, um das Problem zu untersuchen und um geeignete Abhilfemaßnahmen zu empfehlen. Nach langen Untersuchungen fand man heraus, daß bei den Japanern sieben Leute ruderten und ein Mann steuerte, während im deutschen Team ein Mann ruderte und sieben steuerten.

    Das obere Management engagierte sofort eine Beraterfirma, die eine Studie über die Struktur des deutschen Teams anfertigen sollte. Nach einigen Monaten und beträchtlichen Kosten, kamen die Berater zu dem Schluss, daß zu viele Leute steuerten und zu wenige ruderten. Um einer weiteren Niederlage gegen die Japaner vorzubeugen, wurde die Teamstruktur geändert. Es gab jetzt vier Steuerleute, zwei Obersteuerleute, einen Steuerdirektor und einen Ruderer.
    Außerdem wurde ein Leistungsbewertungssystem eingeführt, um dem Ruderer mehr Ansporn zu geben. Wir müssen seinen Aufgabenbereich erweitern und ihm mehr Verantwortung geben. Im nächsten Jahr gewannen die Japaner mit einem Vorsprung von zwei Kilometern.

    Das Management entließ den Ruderer wegen schlechter Leistungen, verkaufte die Ruder und stoppte alle Investitionen für ein neues Boot. Der Beraterfirma wurde ein Lob ausgesprochen und das eingesparte Geld wurde dem oberen Management ausgezahlt.

    Klinkenputzer

    19. März 2010 at 08:03

  2. Darf ich diese Geschichte an anderer Stelle im Internet wiedergeben?

    Sie ist sooooo treffend.

    Nurpatientin

    19. März 2010 at 08:54

  3. GROSSARTIG!!!
    :o)

    Doc-M

    19. März 2010 at 11:36

  4. @Nurpatientin: Grundsätzlich gerne, also:
    Verlinken immer! Zitieren mit Quellenangabe und Link auch sehr gerne!
    Plagiat ohne Quellenangabe natürlich nicht.

    medizynicus

    19. März 2010 at 12:24

  5. Gut, vielen Dank. Dann gebe ich Quelle von oder Link zu medizynicus an.

    Nurpatientin

    19. März 2010 at 13:20

  6. Bei uns in der Bank läuft’s ähnlich. Und wer macht sich die Taschen voll? Da wird mir ganz schlecht…

    emily221

    20. März 2010 at 13:39

  7. CHAPEAU!

    muckeltiger

    20. März 2010 at 22:42

  8. @deutsch-japanisches Wettrudern-Fernsudium-infos.de:
    Danke dass du verlinkt hast. Ich hab die Story seit mindestens 6 Jahren auf meiner Festplatte schlummern und wusste nicht mehr woher sie stammt.
    Allerdings schrieb ich ja dazu: altbekannt 😉

    Klinkenputzer

    23. März 2010 at 02:01

  9. ok – ich reiche ein „t“ nach ^^

    Klinkenputzer

    23. März 2010 at 02:02

  10. Wann genau fühlt man sich eigentlich verraten?
    In dem Moment wo du denkst: hier geht eigentlich nix mehr aber ich mach trotzdem weiter?
    In dem Moment wo du merkst: Dein Chef spielt ein falsches Spiel mit dir aber du machst trotzdem weiter?
    In dem Moment wo es dir allmählich an die Karre geht aber du machst trotzdem weiter?
    In dem Moment wo du deinem Chef die Meinung geigst, die Konsequenzen fürchtest aber trotzdem weiter machst?
    Ich fühle mich in jedem der Punkte verraten – hoffe aber dass man den Schuldigen zeitnah findet! Besonders was den letzten Punkt angeht.Ich bin einfach kein „Blatt vor den Mund“ nehmer und rede mich ggf um Kopf und Kragen.

    Klinkenputzer

    23. März 2010 at 02:47


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