Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Auf dem Raucherbalkon nachts um halb zwei…

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Eine Kleinigkeit unten in der Ambulanz, eine Bluttransfusion anhängen oben auf Station und aus einem unbestimmten Gefühl heraus mache ich nochmal einen Abstecher am Balkon vorbei.
Die Tür steht immer noch offen.
Einen Moment lang gefriert mir das Blut in den Adern.
Ist er etwa doch…?
Aber dann höre ich draußen schlurfende Schritte und sehe das Lichtpünktchen eines Glimmstängels.
Ich bin beruhigt.
Der Glimmstängel ist eine Zigarre und die gehört nicht Herrn Schröder sondern Herrn Waldmüller.
Herr Waldmüller ist so etwas wie ein Stammgast. Eher von der angenehmen oder sagen wir besser harmlosen Sorte. Ungefähr fünfundachtzig Jahre, aber geistig fit. Zwar hat er auch seine Macken, aber das liegt daran dass er als Stammgast glaubt, sich das eine oder Andere herausnehmen zu dürfen. Zum Beispiel nachts um halb zwei auf dem Balkon eine Zigarre zu rauchen.
„Nabend, Herr Doktor!“ sagt er und winkt mit dem Qualmbolzen in meine Richtung, „So spät noch unterwegs?“
Das soll ein Witz sein. Herr Waldmüller weiss natürlich genau, dass ich nicht zum Spaß über die nächtlichen Klinikflure schlurfe. Aber ich tu ihm den Gefallen und gehe drauf ein.
„Unser Lokal ist vierundzwanzig Stunden lang geöffnet, sieben Tage die Woche!“ sage ich.
„Aber das Getränkeangebot ist ziemlich bescheiden, wenn ich das mal so sagen darf. Ich hätte nichts gegen einen Schnaps einzuwenden. Oder einen süffigen Rotwein…“
„Tja, Herr Waldmüller, da kann ich Ihnen leider nicht helfen!“
„Und wissen Sie, was mir wirklich fehlt?“
Er fixiert mich mit seinem Blick. Ich schüttele den Kopf.
Herr Waldmüller schaut sich sorfältig um und senkt dann die Stimme.
„Dass es hier keine Frauen gibt!“ sagt er flüsternd.
„Aber Herr Waldmüller, wir haben so viele hübsche junge Krankenschwestern…“
„Natürlich! Und die sind alle jung und hübsch. Schön fürs Auge. Aber nichts zum Anfassen. Wissen Sie, ich würde gerne mal wieder so richtig…“
Er ballt die linke Hand zur Faust und macht eine obszöne Geste.
„Aber Herr Waldmüller! In Ihrem Alter…“
„Was heißt hier ‚in meinem Alter‘? Glauben Sie, ich kriege keinen mehr hoch? Glauben Sie, ich hätte noch nie etwas von den blauen Pillen gehört?“
Zum Glück ist es dunkel so dass niemand sieht, wie ich rot werde. Und dazu hat es mir völlig die Sprache verschlagen.
Aber Herr Waldmüller scheint gar keine Antwort zu erwarten. Er drückt seinen Zigarrenstummel sorgfältig im Blumentopf aus, wirft ihn in den Mülleimer, grinst kurz in meine Richtung und schlurft dann mit einem „schönen Abend noch!“ auf sein Zimmer.

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Written by medizynicus

23. März 2010 um 01:30

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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3 Antworten

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  1. Boah – ganz ehrlich?
    Das war jetzt mal so richtig Klischee!
    Nicht der Waldmüller auf dem Balkon der über seine blauen Pillen im Alter von gefühlten fünfundachzig Jahren philosophiert…neee…der rot werdende Medizynicus 😀
    Aber nett geschrieben 🙂

    Klinkenputzer

    23. März 2010 at 01:46

  2. *kicher*
    Erinnert mich daran:
    Waren vor ner Achterbahn gestanden, Sohn (14) einer Freundin (28) von mir wollte unbedingt, dass ich mitfahre. Ich nur noch: „Nee, da bin cih zu alt für.“ Er: „Ach nee, zu alt ist man erst mit 30!“
    Der Gesichtsausdruck von meinem 31jährigen Freund war einfach genial 😀

    chaoskatze

    23. März 2010 at 08:38

  3. Boah ne ey! Also da wüsste ich auch nicht mehr was antworten…

    krokofantilein

    23. März 2010 at 17:39


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