Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Das MVZ: Die Achse des Bösen?

with 4 comments

Kalle lacht.
„Also, ich glaube, ich muss Dir die Sache einmal ganz von vorne erzählen.“
„Ich bin ganz Ohr.“
Kalle nimmt einen Schluck Bier.
„Also. Hier in Bad Dingenskirchen gibt es auf der einen Seite das Krankenhaus und auf der anderen Seite eine handvoll Arztpraxen. Das Krankenhaus ist für die stationäre Versorgung zuständig und die Niedergelassenen für die ambulante Versorgung. Das ist die eiserne Regel. Solange sich beide Seiten daran halten, herrsch Friede.“
„Aber unsere Ambulanz…“
„Natürlich gibt es Ausnahmen von der Regel. Es gibt Patienten, die mit Halsweh, Husten, Schnupfen oder Heiserkeit in unserer Ambulanz aufkreuzen und die auch bei uns behandelt werden. Und auf der anderen Seite holen wir ab und zu einen der niedergelassenen Kollegen zu einem Konsil für unsere Stationären Patienten. Keine Regel ohne Ausnahme. Aber grundsätzlich gibt es in unserem Land eine strikte Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung.“
„Und warum muss das so sein?“
„Das war schon immer so, ich glaube seit Kaiser Wilhelm’s Zeiten. Natürlich kann man sich fragen, wie sinnvoll das ist. Und genau das haben die Herren Unternehmensberater getan. Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass das Krankenhaus sein Leistungsangebot erweitern soll. Wir sollen uns sozusagen aus dem Kuchen, der eigentlich den Niedergelassenen Kollegen zusteht ein Stück abschneiden. Und das funktioniert so, dass das Krankenhaus eine Art Arztpraxis gründet, und zwar eine Mega-Praxis mit mehreren Fachrichtungen.“
„Und das geht?“
„Mehrere niedergelassene Kollegen sind frustriert. Sie möchten aufhören. Aber sie finden keinen Nachfolger. Das Krankenhaus verhandelt mit denen. Man will ihnen die Praxen abkaufen und dann den Laden hierher verlegen.“
„Und was ist der Vorteil?“
„Die Versorgung aus einer Hand. Ich als Internist kann meine Patienten einerseits stationär im Krankenhaus behandeln und dann, wenn sie entlassen sind, ambulant weiterbetreuen..“
„Und was ist der Haken an der Sache?“
„Nunja… glaub mal nicht, dass die verbleibenden Niedergelassenen davon begeistert sind.“
Ich denke nach.
„Sag mal, warum übernimmst Du denn nicht eine Praxis?“
Kalle hätte sich fast verschluckt und schüttelt wild den Kopf.
„Bin ich denn völlig bescheuert? Ich müsste Schulden aufnehmen. Ich müsste Personal einstellen und Geräte kaufen. Weisst Du, unsere Arbeitszeiten sind lang und die Dienste nicht immer angenehm – aber immerhin hast Du ab und zu Feierabend. Als Selbständiger bist Du hingegen immer auf Draht: Du bist für alles selbst verantwortlich und und ständig im Dienst.“
Er trinkt sein Bier aus.
„Schau sie Dir doch an, die Kollegen! Alle sind sie frustriert und abgearbeitet. Und spätestens mit Mitte Fünfzig kriegen sie ihren ersten Herzinfarkt.“

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Written by medizynicus

29. März 2010 um 07:58

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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4 Antworten

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  1. Was Kalle natürlich noch nicht schnallt: So, wie ihmn die Verwaltung heute vordiktiert, was er machen muss, wird sie ihm auch im MVZ klar sagen: „Mach mal die Sachen, die Geld bringen (egal, ob sie notwendig sind) und lass die Finger von dem, was nur Zeit kostet und für Gottes Lohn erbracht werden muss. Das sollen die Niedergelassenen machen, dafür sind sie ja in die Niederlassung gegangen!“

    Und das nennt man dann „Rosinenpickerei“.

    Wenn dann alle Niedergelassenen das Handtuch geschmissen haben: ja dann haben die Patienten mit derartigen Krankheiten ein Problem…… Oder unsere cleveren Unternehmensberater machen der Politik klar, dass das jetzt auch endlich besser gezahlt werden muss, sonst gibt’s nämlich nix!

    Merke: die Ärzte sind einfach zu blöde (oder zu hilfsbereit?), der Politik die Pistole ebenso nachdrücklich (im wahrsten Sinne des Wortes) auf die Brust zu setzen. Betriebswirte gehen über Leichen, wir über die eigene!

    der Landarsch

    29. März 2010 at 15:20

  2. Okay, jetzt habe ich zumindest verstanden, warum dann wohl der Krieg mit den (Noch-)Niedergelassenen ausbrechen wird…

    ozyan

    29. März 2010 at 21:38

  3. @Landarsch: Was Du sagst, unterstützt ja eigentlich nur Kalles Aussage: Ihr Niedergelassenen mögt zwar moralisch die „Integeren“ sein, aber ganz nüchtern betrachtet ist ein Job im MVZ (mit festem Gehalt und ohne unternehmerisches Risiko) die bessere Alternative. Oder nicht?

    medizynicus

    29. März 2010 at 23:12

  4. nach kurzer Krankheitspause wieder online:

    Es geht hier gar nicht um die moralische Integrität. Natürlich wäre ein Job ohne wirtschaftlichen Druck ideal für einen Arzt, er könnte frei entscheiden, was für den Patienten gut ist. Und auf dieser Denke basiert ja auch unser solidarisches Sozialsystem und sein Sozialgesetzbuch V.

    Aber so ist es leider nicht – schon lange nicht mehr! Und das ist ja auch der ewige Streitpunkt zwischen den Ärzten und der Politik. Während unsere Gerichte noch immer von der idealen heilen Gesetzeswelt ausgehen und sagen „das müsst ihr halt regeln, und natürlich gehören zum Regeln beide Seiten“, mischt sich die Politik (als „Aufpasser“) ständig in die vom Gesetz vorgegebene Gewaltengleichheit zwischen Ärzten und Krankenkassen ein (wegen der gesamt-gesellschaftlichen Kostenrelevanz) und sagt mit ihrer gesetzgeberischen Macht einfach „nein“ – und das wars.

    Natürlich könnten dann die Ärzte – wie ich es den Betriebswirten der Privatklinik-Konzerne unterstelle – sagen „mit uns nicht“. Aber da hängen dann nicht nur persönliche Empfindungen, Verantwortungsgefühl und natürlich auch gesellschaftliche Verpflichtungen dran, die einem Geschäftsführer, der seinen Angestellten verbindliche Anweisungen gibt, andererseits selbst unerkannt in einem 30 km entfernten Ort sein Domizil pflegt, völlig unbekannt sind.

    Die früheren (vom Gesetz akzeptierten) Privatkliniken waren und sind eher eine elitäre Spielwiese für „besseren“ Patienten. Dass diese Kliniken – partiell – auch den gesetzlichen Pflichtversicherungssektor bedienen ist zum einen die Ausnahme und zum zweiten nur auf bestimmte Bereiche beschränkt, in denen der GKV-Bereich nicht ausreichend „selbstversorgerisch“ tätig ist.

    Die heutigen privaten Klinik-Konzerne wollen aber mit Macht und vor allem in einem riesigen Umfang in den GKV-Bereich – und sich dort die Rosinen rauspicken. Negative Beispiele könnte ich Dir landauf, landab bereits nennen! Dass diese Kliniken auf den Patienten – nicht zuletzt dank der inzwischen begonnenen Werbung – einen anderen Eindruck vermitteln, als der einfache niedergelassenen Arzt, dem Werbung ja explizit verboten ist (!), liegt auf der Hand.

    Natürlich ist eine (angestellte) Arbeit in einer Poliklinik oder einem klinik-angeschlossenen MVZ sowohl für Arzt wie auch für Patienten von der Theorie her besser, wenn da nicht der spitze Bleistift des Geschäftsführers wäre, der die von der Politik diktierten – zu geringen – Preise umsetzen muss: solange die Häuser öffentlich rechtlich (meist kommunal) waren, mussten die Defizite von der anderen Abteilung der öffentlichen Hand ausgeglichen werden, mit anderen Worten, was die Politik bei den Kassenbeiträgen eingespart hat, musste sie aus dem Steueraufkommen als Defizitbereinigung wieder zuschießen. Das wollen sie aber nicht mehr. Deshalb werden die Häuser privatisiert!

    Jetzt kommt der Geschäftsführer einer Privatklinik an und soll mit diesen Preisen auch noch Gewinne erziehlen???? Und sie tuns (der Rhönklinik-Konzern hat letztes Jahr 1,4 Mrd (!!!) Gewinn gemacht)! Das geht natürlich nur, indem man sich „neue, lukrative“ Geschäftsfelder erschließt. Und gerade mit dem Appartismus der Kliniken (Röntgen, CT, MRT, Herz-Ultraschall, u.v.m) kann man sich dabei natürlich die bestbezahlten (weil in der ambulante Medizin nicht so häufig gebrauchten) Leistungen sichern. Die Einnahmen dafür kommen aus dem ambulanten Sektor, nicht aus dem stationären, müssen zwischen Klinik und Kassen nicht verhandelt werden, sondern einfach aus dem ambulanten Gesamttopf abgefordert werden. Dabei unterliegen sie noch nicht einmal – wegen der exklusivität der Leistungen – einer effektiven Wirtschaftlichkeits-Mengenprüfung!

    Obendrein kann man den teueren Klinik-Gerätepark effektiver nutzen (erfreut das eh schon reduzierte, verbliebene Personal), und letztendlich fängt man sich dabei Patienten ein, die von den niedergelassenen Ärzten vielleicht an ein anderes Haus (weil dort besser ?) überwiesen worden wären.

    Es gibt sicher viele Möglichkeiten, wie man ein Gesundheitssystem gestalten kann – und das Deutsche ist sicher nicht das beste. Aber ich kann nicht – wie es die Politik tut – an einem bestimmten System krampfhaft festhalten und gleichzeitig ständig die Rahmenbedingungen verändern.

    der Landarsch

    1. April 2010 at 12:28


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