Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Allgemeine Roborierung: Vielleicht etwas wissen, nix tun

with 7 comments

Nun ist er also bei uns angekommen, jener Patient mit der Einweisungsdiagnose “AZ-Verschlechterung”.
Es handelt sich um einen netten, älteren Herrn. Mitte neunzig, dement, aber unkompliziert. Die Liste seiner internistischen Vordiagnosen ist genauso lang wie die Liste seiner Medikamente.
Was tun wir also mit ihm?
Wir sprechen ihn an, und entlocken ihm vielleicht ein paar Antwortlaute, die man aber in den seltensten Fällen als Anamnese gelten lassen kann.
Wir drücken ihm den Bauch, horchen auf Herz und Lunge, pieksen ein wenig in ihm herum, nehmen Blut ab, legen einen venösen Zugang, röntgen und ultraschallen ihn und ein EKG machen wir natürlich auch.
Dann nehmen wir ihn auf und verfrachten ihn aus der Notaufnahme auf eine unserer internistischen Stationen. Da kriegt er dann ein paar Infusionen und vielleicht auch das eine oder andere Medikament. Und wir sind nach Möglichkeit nett zu ihm.
Nach ein paar Tagen geht es ihm dann vielleicht etwas besser oder auch nicht, so genau kann man das ja nicht wissen weil er sich ja kaum selbst äußern kann. Aber seine Laborwerte sehen besser aus. Vielleicht hat das eine oder andere Medikament geholfen oder die Infusionen
Also können wir ihn eigentlich nach Hause entlassen.
Aber Halt: Keine Entlassung ohne Entlassbrief!
Und der Entlassbrief verlangt nicht nur nach einer Diagnose (hier haben wir es einfacher als der einweisende Hausarzt, wir können einfach die ellenlange Liste der internistischen Vordiagnosen übernehmen), sondern auch nach der Therapie.
Was also schreiben, wenn wir quasi nichts getan haben?
Im angloamerikanischen Sprachraum gibt es dazu den Begriff “Tender Loving Care”, was man frei übersetzen könnte mit “wir waren halt nett zu ihm”. Dieser Terminus – vor allem in abgekürzer Form als “TLC” wird inzwischen sogar offiziell in der Fachliteratur verwendet.
Nun spricht ein deutscher Arzt nicht Englisch sondern Latein. Und wenn wir mit einem Patienten etwas anstellen, dann sind wir nicht nett, sondern wir tun was. Wir bauen ihn halt wieder ein wenig auf. Oder tun zumindest so.
Und das nennen wir dann “Allgemeine Roborierung”. Das klingt halt ein wenig besser als: „Wir haben so’n bisschen was getan… halt Infusionen gegeben und das eine oder andere Medikament“. Aber die Aussage ist dieselbe.

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Written by medizynicus

9. April 2010 um 07:12

Veröffentlicht in nicht so richtig ernst

7 Antworten

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  1. Wer sagt denn, dass Ärzte nur immer „Krankheiten“, also definierte Abweichungen von der Norm, für die es eine nachgewiesene, effektive Behandlung gibt, behandeln dürfen. Das bilden sich doch nur die Politiker ein – und ein paar wichtigtuerische Professoren suggerieren, dass „alles Krankheit“ ist (wie beim Wiener Opernball: „alles Walzer“). Noch dazu in einem Land, das – einzig in der Welt – ein Kurwesen besitzt, also die klassische roburierende Maßnahme per se, sogar im Wohlfühlpaket!

    „TLC“ und „roburierende Maßnahmen“ als Therapie in einem KH-Entlassungsbericht empfinde ich jedenfalls wesentlich hilfreicher (und ehrlicher), als die ganzen Auflistungen, die üblicherweiase – wohl auf Druck der KH-Verwaltung – so drinstehen!

    der Landarsch

    9. April 2010 at 10:05

  2. Zuwendung, Zeit geben, Zuhören, …
    das ist sehr oft die viel bessere Medizin, als
    Aufschneiden, Reinspritzen, Be- und Verstrahlen.
    Aber dafür ist in unserem Pseudo-Qualitätsgemanagten, Zeit-getakteten, DRG-erpressten Gesundheitswesen keine Zeit mehr.
    Deshalb laufen die Leute in Heerscharen zu alternativen Heilern und Scharlatanen, weil ihnen da wenigstens Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt wird. Leider zu zum Teil exorbitant hohen Preisen und mit gefährlicher Pseudomedizin…

    drgeldgier

    9. April 2010 at 10:34

  3. WENN Zuneigung, Zeit geben, Zuhören „oft die bessere Medizin“ ist (deine Worte) – dann ist es doch egal, wenn jemand ANSONSTEN Pseudomedizin treibt, wenn er wenigstens diese drei Parameter erfüllt (zumindest, solange diese Pseudomedizin nicht per se gefährlich ist – Milchzucker dürfte da aber kein Problem verursachen ;)).

    Benedicta

    9. April 2010 at 20:56

  4. @benedicta: da kann ich Dir nur zustimmen.
    Das Traurige ist doch aber, dass in der „Schulmedizin“ (ich mag das Wort nicht) aufgrund des ungeheurten Zeit- und Kostendrucks mit Dumping-Preis-Pauschalen der Arzt der Möglichkeit beraubt wird, seinen Patienten auch diesen Effekt zukommen zu lassen. Denn die Kombination von nachgewiesen wirksamen Medikamenten/ Therapieverfahren UND „Zuwendung“ (etc.) wäre doch das Optimum und die Pat. würden sich auch wieder da gut aufgehoben fühlen, wo es sein sollte.

    drgeldgier

    10. April 2010 at 08:58

  5. Hmm. Da sagst du genau das, was mir gestern kam: die Abneigung von Schulmedizinern gegenüber Homöopathen und „Sonstigen“ ist eigentlich NEID – weil die ein Fach besetzen (nämlich das der persönlichen Zuwendung), das die Schulmediziner eigentlich gerne selbst ausfüllen würden. Alles andere ist dann nur noch Vorwand.
    Der Haken dabei: die Schulmedizin hat sich ihr Grab über Jahrhunderte hinweg selbst geschaufelt… kaum einer traut euch heute noch echte Empathie zu (und wenn ich mir meinen humanmedizinstudierenden Bruder so anschaue, bin ich fest davon überzeugt, dass einem angehenden Arzt jede evtl. vorhandene Empathie im Studium gründlich abgewöhnt wird).
    Hoffnung macht mir da nur, dass die Zahnärzte es anscheinend schaffen, von absoluten Angst-Ärzten zu freundlichen, zuvorkommenden Dienstleistern zu werden… vielleicht sollten sich andere Ärzte da mal umschauen?

    Andererseits: Wenn tatsächlich die Kassen an der Medizinmisere schuld sind… warum sich dagegen wehren, Homöopathen unter dieselbe Fuchtel zu lassen? Das sollte die Chancen doch in kürzester Zeit wieder ausgleichen…

    Benedicta

    10. April 2010 at 16:55

  6. @Benedicta:
    Man sollte es nicht pauschalisieren: DIE Schulmediziner, DIE Homöopathen (es gibt übrigens auch homöopathisch tätige Ärzte…), DIE Zahnärzte…

    Und noch eins: Es gibt durchaus auch Homöopathen, die ihre Patienten so richtig abrubeln mit Methoden, deren Wirksamkeit fraglich ist.

    Docangel

    11. April 2010 at 10:24

  7. @Docangel: ergänze zwischen „die“ und „xyz“ die Worte „Mehrheit der“ 😉

    Benedicta

    12. April 2010 at 13:09


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