Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Diagnosen und Nicht-Diagnosen

with 6 comments

Wer krank ist, braucht eine Diagnose. Das ist halt so und gehört zu den Eigentümlichkeiten des deutschen Gesundheitswesens. In anderen Ländern mag das anders sein, aber hier bei uns gilt: Ohne Diagnose keine Behandlung und vor allem: Ohne Diagnose keine Abrechnung. Vor allem um Letzteres geht es natürlich in Wirklichkeit.
Nun ist es aber oft so, dass wir gar nicht so genau wissen, was unserem Patienten eigentlich fehlt.
Es mag paradox klingen aber: in vielen Fällen ist das auch gar nicht notwendig.
Wir untersuchen den Patienten, schließen gefährliche Erkrankungen aus und lindern gleichzeitig die Beschwerden, so gut wir können. Und letzteres klappt oft ganz gut ohne dass wir genau wissen, wo die Beschwerden eigentlich herkommen.
Wenn der Patient uns fragt, könnten wir sagen: „Wir wissen nicht, was mit Ihnen los war, aber wir sind uns ziemlich sicher, dass es nichts ernstes war!“
Wenn wir das sagen würden, würden wir aber keine gute Figur machen.
Zumindest glauben das die meisten von uns. Und deshalb umschreiben wir unser Nichtwissen mit vielen Worten. Die lateinische und die altgriechische Sprache ist uns dabei wieder sehr hilfreich.
Wie bastelt man sich also eine wohlklingende Nicht-Diagnose zurecht?
Ganz einfach: Zunächst einmal nehme man den Namen des betreffenden Organs oder der Körperregion und übersetze sie je nach Geschmack ins Lateinische oder Griechische.
Diesen verfeinern wir mit ein paar netten Zusätzen: „-itis“ zum Beispiel für ein akut entzündliches Geschehen oder „-ose“ für eine chronische Geschichte oder „-dynie“ oder „-algien“, wenn es um Schmerzen geht.
Aus Magenschmerzen werden auf diese Weise „Gastralgien“ und ein Zwicken in der Achillessehne wird zur „Achillodynie“.
Jetzt fügen wir noch ein hübsches Adjektiv hinzu: „funktionell“ zum Beispiel oder „kryptogen“ oder „idiopathisch“. Klingt toll und bedeutet alles in etwa das Gleiche, nämlich „aus unbekannter Ursache“.
Und, ehrlich gesagt: „Sie haben eine kryptogene Gastralgie“ klingt doch besser als: „Ich weiß auch nicht, woher Ihre Bauchschmerzen kommen“. Oder?

Written by medizynicus

10. April 2010 um 07:08

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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6 Antworten

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  1. Traurig, aber wahr. Was Du beschreibst entspricht viel zu oft der Realitaet. Deshalb, liebe Patienten (sorry, liebe Aerzte), immer nachfragen, wenn der Arzt mit Fremdwoertern kommt. Fuer die Visite sollten Patienten folgende Saetze auf den Lippen haben:
    „Verstehe ich nicht.“
    „Bitte auf Deutsch.“
    „Warum?“
    „Dass heisst, sie wissen nicht, was es ist, oder?“

    premiumpatientin

    10. April 2010 at 11:46

  2. lol!
    ich habe eine idiopathische achillodynie… sagt der onkel doktor. 😉

    kartoffel

    10. April 2010 at 15:37

  3. Kreativ seid ihr Ärzte ja 🙂

    Etwas anstrengend finde ich nur, wenn sie die Ärzte keine Mühe geben bei der Ursachenfindung.
    So kam ich vor einigen Jahren mehrfach wegen starker Bauchkräpfe zum Arzt. Der tastete und horchte und sagte schlussendlich: „ich weiß nicht was es ist, da kann man nix machen. Aber ist nicht schlimm, scheint nicht lebensbedrohlich zu sein“ .o0
    Es war/ist eine Laktoseintoleranz, wie ein anderer Arzt sehr leicht herausfand mit nur einem Test. (dass es LI schon in der Familie gibt, habe ich dem ersten Arzt gesagt, aber das interessierte ihn nicht).

    Blogolade

    10. April 2010 at 20:04

  4. Haha, da fällt mir wieder ein, wie ich für einen Assi Diagnosen verschlüsselt habe, um Briefe zu diktieren – die Patienten waren aber 3 Monate vor mir da. Woher weiß man jetzt welche der 50 Arten von Demenz der Arme hatte, wenn man ihn nicht erlebt hat… und selbst wenn, woher weiß man das schon als Nicht-Neurologe oder Psychiater? Der Rat eines anderen Assis „Ich nehm da immer vaskuläre, aber du kannst auch mal wechseln, dann fällt das nicht so auf!“ xD

    Avialle

    10. April 2010 at 20:54

  5. In dem Zusammenhang fällt mir auf, dass mein Kommentar bei der AZ-Verschlechterung irgendwie nicht erschienen ist 😉

    INTensivling

    10. April 2010 at 21:42

  6. Ich halte nichts von solchen erfundenen Diagnosen, weil sie leider oft auch beim Patienten das Krankheitsgeschehen fixieren.
    Auch das Mitteilen von sinnlosen Nebenbefunden finde ich Quatsch: „Mir hat mal ein Arzt gesagt, mein Darm ist zu lang!“
    Blödsinn! Einen zu langen Darm gibt es nicht. Aber der Patient denkt nun bei jedem Bauchkneifen an seinen zu langen KRANKEN Darm!

    Docangel

    11. April 2010 at 10:35


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