Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Krieg in Bad Dingenskirchen

with 5 comments

Frau Brettschneider hat doch keinen Herzinfarkt.
Labor, mehrere EKG’s, Herzecho und dann zu guter Letzt auch noch das Belastungs-EKG: alles war in Ordnung. Sie kann also heimgehen.
„Dann bin ich ja beruhigt!“ sagt sie bei der Visite, als ich ihr die Frohe Botschaft verkünde, „wissen Sie, ich hatte ja ein richtig schlechtes Gewissen!“
„Ein schlechtes Gewissen? Weswegen?“
„Na, ich hätte doch gar nicht hierher kommen dürfen!“
„Wer sagt das?“
„Na, mein Hausarzt.“
Ich starre sie verständnislos an.
„Entschuldigen Sie, aber… Ihr Hausarzt sagt Ihnen, dass Sie möglicherweise einen Herzinfarkt hätten und sagt Ihnen gleichzeitig, Sie sollen nicht ins Krankenhaus gehen?“
Frau Brettschneider lacht kurz.
„Doch, ins Krankenhaus schon, aber halt nicht in dieses hier.“
Die Sache wird ja immer verwirrender.
„Ja, wissen Sie, ich habe halt kein Auto. Von mir aus nach Sankt Anderswo, das sind über vierzig Kilometer. Da hätte ich einen Krankenwagen gebraucht. Bad Dingenskirchen hingegen ist gleich um die Ecke, da hat mich die Nachbarin schnell hinbringen können, also seien Sie mir bitte nicht böse…“
„Ich bin Ihnen gar nicht böse. Niemand ist Ihnen böse. Aber jetzt sagen Sie mir doch mal, warum Sie nach Sankt Anderswo hätten fahren sollen!“
„Weil mein Hausarzt das so bestimmt hat. Er sagt, er hat kein Vertrauen mehr zum Krankenhaus Bad Dingenskirchen und deshalb schickt er da keine Patienten mehr hin!“
„Und…ähem, hat Ihr Hausarzt Ihnen gesagt, weshalb?“
„Ja, hat er mir gesagt. Das heißt, er hat gesagt, es habe etwas mit Politik zu tun, aber das würde ich eh nicht verstehen. Das Krankenhaus wolle ihn in den Bankrott treiben, oder so ähnlich!“
Ich drücke Brettschneider den Entlassungsbrief in die Hand und verabschiede mich von ihr.
Keine Ahnung, was da vorgeht! Aber ich binja auch nur ein kleiner Assistenzarzt und brauche das alles nicht zu verstehen.

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Written by medizynicus

15. April 2010 um 07:05

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

5 Antworten

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  1. 116b? Hingeschmierter Arztbrief von Kalle? Unfreundlich am Telefon? Hausärzte sind auch nur Menschen und die herablassende Art der Kommunikation zeigt Wirkung. Was nichts entschuldigen soll.

    Wolf

    15. April 2010 at 07:50

  2. Der Kollege hat halt Angst, dass Ihr mit Eurem geplanten Staubsauger-MVZ ihm die Patienten abspenstig macht, ihm allenfalls noch die unlukrativen bis defizitären Arbeiten übrig lasst/aufhalst und er auf seinen Schulden und sonstigen Verpflichtungen ohne die entsprechenden Einnahmen sitzen bleibt: das nennt man Bankrott!

    Und Schuld daran ist natürlich die Politik, die das nicht nur erlaubt, sondern sogar fördert – und dabei verdrängt, dass die Sozial-Gerichte bei allen ärztlichen Klagen gegen die Unterfinanzierung bestimmter Leistungen immer auf eine Überfinanzierung anderer Leistungen und die daraus resultierende Mischkalkulation verwiesen und bisher alle Klagen damit abgeschmettert haben.

    P.s.: Krankenhäuser, die solche Mätzchen anfangen, sind auch meistens (jedenfalls in der Vergangenheit) in ihrer Behandlungsqualität rapide abgesunken. Das kann man als Hausarzt ja auch nicht übersehen, geschweige denn noch mit Empfehlungen fördern!

    der Landarsch

    15. April 2010 at 07:50

  3. Cooler Hausarzt…lässt die Patientin bei Verdacht auf einen Herzinfarkt von der Nachbarin ins Krankenhaus kutschen!!!!!

    docangel

    15. April 2010 at 08:33

  4. Das ist leider kein Einzelfall. Bei uns in der Gegend gibt es auch den ein oder anderen Hausarzt, der bestimmte Krankenhäuser meidet, weil er irgendwann mal irgendwelche schlechten Erfahrungen gemacht hat. Das ist also leider traurige Realität.

    Und mit einem Verdacht Infarkt von der Nachbarin gefahren zu werden ist doch noch Luxus. Es gibt auch Hausärzte, die ihre Patienten mit einer Einweisung, Diagnose Herzinfarkt, zu Fuß nach Hause schicken, damit sie dort noch ihre Tasche packen können 😉

    Chris

    15. April 2010 at 09:19

  5. @ Chris: es gibt auch Patienten, die noch mit dem Fahrrad nach Hause fahren wollen, obwohl man ihnen ½ Stunde lang erklärt hat, dass sie sich nicht anstrengen dürfen, weil sie einen Herzinfarkt haben;; oder welche, die mit dem Notarzt im Rettungswagen liegend noch schnell mal zuhause vorbeifahren wollen um die Blumen zu gießen!

    Hab aber auch schon erlebt, dass die Rettungsleitstelle einen Patienten, der den Notarzt angefordert hattte wegen vermutetem (und danach bestätigtem) Herinfarkt und ebenso einen mit Schlaganfall in die Praxis geschickt hat, „weil das erst der Hausarzt anschauen soll“. Die kamen dann beide zu Fuß die Treppe in den ersten Stock hochgejapst!! (habens beide – Gott sei Dank – überlebt)

    der Landarsch

    15. April 2010 at 11:03


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