Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Ärzte hinaus aufs Land! – oder doch nicht?

with 4 comments

„Was hat Dich eigentlich damals nach Bad Dingenskirchen gebracht?“ frage ich Kalle.
„Mein Auto natürlich.“
„Sehr lustig!“
„Weißt Du, damals waren die Zeiten noch etwas anders… der Chef hat mir einen Arbeitsvertrag bis zur Facharztprüfung versprochen und sogar Hoffnung gemacht, anschließend als Oberarzt bleiben zu können… da habe ich nicht nein gesagt.“
Nach einer Pause fügt er hinzu.
„Und selbst?“
„Ich bin mit dem Zug gekommen, hahaha.“
Kalle verdreht die Augen, dabei hat er doch selbst damit angefangen.
„Habe mich halt beworben,“ sage ich, „und habe den Job gekriegt.“
Und den habe ich angenommen. Nach drei Absagen von tollen Superkliniken habe nicht lange gezögert. Meine finanziellen Rücklagen waren nach dem PJ aufgebraucht.
„Hast Du es bereut?“
Ich zucke mit den Schultern.
„Könnte schlimmer sein.“
„Es ist halt ruhiger, gemütlicher, persönlicher als in der Großstadt.“ sagt Kalle, „Weniger Hektik…“
„Außerdem sind die Mieten hier billiger. Überhaupt die ganzen Lebenshaltungskosten…“
„Aber auf Dauer?“
„Hmmm.“
Kalle ist nachdenklich.
„Alle reden vom Ärztemangel auf dem Land. Aber warum sollten wir Ärzte in die Provinz ziehen, wenn es sonst keiner tut?“
„Wegen der Lebensqualität…?“
„Also, jetzt mal von vorn: Tatsache ist, dass die Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten schrumpfen wird. Und zwar vor allem in ländlichen Gebieten. Die Leute wandern in die Städte ab. Und mit den Menschen wandern auch die Geschäfte, Betriebe und Wirtschaftsunternehmen. Alles wird sich mehr und mehr auf die Ballungsräume konzentrieren.“
„Und das heißt?“
„Die Landbevölkerung wird immer älter.“
„Ist doch toll: viel zu tun für uns Ärzte!“
„Richtig. Viel Arbeit, aber wenig Geld. Als Niedergelassener Arzt musst Du wirtschaftlich denken. Rentner und chronisch Kranke, sind nicht unbedingt lukrativ.“
„Aber die Lebensqualität…“
„Zur Lebensqualität gehört nun einmal mehr als gute Luft und billige Mieten. Was nutzt Dir das, wenn die Infrastruktur fehlt? Wenn Du für jeden Einkauf und Besorgung weite Autofahrten in Kauf nehmen musst? Das ist nicht nur ein Zeit- sondern auch ein Geldaufwand. Da relativiert sich die Sache mit dem billigen Leben auf dem Land ziemlich bald!“
„Willst Du damit sagen, dass Du zurück in die Stadt gehen wirst?“
Kalle seufzt.
„Ich weiss nicht,“ sagt er, „ich weiß wirklich nicht!“

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Written by medizynicus

4. Mai 2010 um 10:54

4 Antworten

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  1. Mehr Lebensqualität auf dem Land???
    Versuche mal dort, deine Dienste zu verkaufen! Nix da. Schön selber bei Nacht und Nebel, Wind und Wetter ALLEIN Dienste fahren.

    docangel

    4. Mai 2010 at 12:05

  2. Als Landei, das vor einer Weile in die Stadt gezogen ist, muss ich auch sagen, dass die Stadt einfach reizvoller ist. Früher habe ich für alles das Auto benötigt. ÖPNV konnte man glatt vergessen, wenn man nicht massiv Wartezeit bzw. vergeudete Zeit oben drauf setzen wollte. Heute falle ich zur Haustüre raus und zum Supermarkt rein. Sämtliche Veranstaltungslokalitäten sind auch nur einen kleinen Fußmarsch entfernt. Und dass ich von schnellen und auch effektiv gelieferten Internetanbindungen fast erschlagen werde, während auf dem Land RFC 1149 quasi das höchste der Gefühle ist.
    Dafür habe ich halt ein wenig mehr Verkehrsgeräusche vorm Fenster und keine 2 Hektar Grün um mich herum. Aber wie heißt es so schön: Einen Tod muss man sterben. Meiner ist deutlich bequemer!

    Der Maskierte

    4. Mai 2010 at 15:14

  3. Abwarten, wenn der Liter Sprit mal 5 Euro oder mehr kostet, werden die Leute auf dem Land entweder nicht mehr da sein (glaube ich nicht) oder aber sie werden wohnortnahe Versorgung fordern (hoffe ich). Und es scheint tatsächlich so zu sein, dass der Trend weg von der Super-Mall auf der grünen Wiese und zurück zum kleinen Lädchen im Ort ist. Wünschenswert wäre eine solche Entwicklung in jedem Fall, denn derzeit ist es so, dass sogar Mittelzentren im Innenstadtbereich ausbluten, weil die Discounter draußen vor der Stadt sitzen.

    Luto

    4. Mai 2010 at 16:39

  4. Zu und Abwanderungen zwischen Stadt und Land gab es doch immer. Je nach wirtschaftlichen Verhältnissen in Deutschland bekamen die Städte Zuwachs vom Land oder eben auch umgekehrt. Aber gerade weil im Moment kaum einer auf`s Land ziehen will wird sich da auch keine vernünftige Infrastruktur aufbauen oder halten. So etwas wächst ja schließlich nur auf Grund eines Bedarfes. Ich bin auch wieder vom Land in die Stadt gezogen (nicht mal 10km), habe aber jetzt wieder vernünftig DSL als Flatrate. Da kann selbst online einkaufen (um Sprit und Zeit zu sparen) auf dem Land echt schwierig werden.

    BAB

    4. Mai 2010 at 20:42


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