Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Fort- und weggebildet (Teil 2)

with 2 comments

Ach ja, ich wollte Euch doch noch sagen, wie meine supergeniale Fortbildung war. Also gut:
Mit fünfunddreißig Minuten Verspätung und weichen Knien stürme ich durch die Tür des Tagungszentrums.
Die Dame an der Rezeption lächelt säuerlich.
„Fortbildung? nach links, zum Aufzug, erster Stock!“
Sieben Sekunden bis zum Aufzug.
Fünfzehn Sekunden warten bis er kommt.
Acht Sekunden bis er oben ist.
Drei Sekunden bis sich die Türen geöffnet haben.
Vierundzwanzig Sekunden bis ich den Raum gefunden habe.
Eine streng geschminkte leicht füllige Dame mittelfortgeschrittenen Alters lächelt noch säuerlicher als die Rezeptionsdame unten.
„Es dauert leider noch ein wenig. Unser Dozent steht im Stau!“
Sie reicht mir eine Unterschriftenliste und das letzte vorhandene Exemplar der Tagungsunterlagenmappe.
„Bedienen Sie sich doch am Buffet!“
Am Buffet waren mal belegte Brötchen. Davon hätte ich jetzt gerne eines gehabt, denn just in diesem Moment macht mein Magen mir klar, dass der letzte Kalorieninput gefühlte zwölf Stunden zurückliegt.
Okay, dann wenigstens einen Kaffee. Tasse genommen, Milch und Zucker rein und die Drucktaste der Zweiliterkanne betätigt. Als Antwort nur ein hohles Röcheln. Die zweite Kanne gibt immerhin etwa sieben Milliliter Koffeinextraktsuspension her.
Kann man nichts machen.
Ich begebe mich in den Vortragssaal. Da sitzen meine Leidensgenossen und blättern mehr oder weniger gelangweilt in ihren Tagungsunterlagen, einige von ihnen haben immerhin Kaffeetassen vor sich stehen.
Eine halbe Stunde später schluft ein hageres weißhaariges Männchen in viel zu weitem Sakko in den Saal. Tipptipptipp ans Mikrofon.
„Können Sie mich hören?“
Können ja. Aber ob ich ihn hören will, da bin ich mir jetzt nicht mehr so sicher.

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Written by medizynicus

12. Mai 2010 um 07:00

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

2 Antworten

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  1. Erinnert mich an meinen ersten Philosophieprofessor. Tippelt ans Mikrophon: „Bin ich allgemein verständlich?“ (fistelige Altmännerstimme)
    Und fängt dann an, seine Vorlesung zu halten – und dabei Rillen in den Boden zu laufen.

    (äh, das ist ein präsens historicum; der Mann ist im heutigen Fachbereichsverzeichnis nicht zu finden.)

    Wolfram

    15. Mai 2010 at 08:30

  2. […] …irgendwie ist die Sache dann doch nicht der Bringer […]


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