Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Nein Sagen

with 9 comments

Montag Abend, neunzehn Uhr dreißig, Pfleger Marvin hat mich in die Ambulanz hinuntergepiepst.
„Was haben wir?“
„Schau selbst. Aber tu uns einen Gefallen: sorg bitte dafür, dass der Kerl möglichst bald wieder verschwindet!“
Der Kerl ist vielleicht Mitte dreißig und sturzbesoffen.
„Herr Doktor, ich brauche Diazepam!“ lallt er.
Ach nööö!
Nicht schon wieder so einer! Ich gebe mir Mühe, mich zu beherrschen.
„Warum denn?“ frage ich.
„Wegen meiner Angst! Ich habe doch immer so Angststörungen!“
„Aha?“
„Ja, und mein Hausarzt verschreibt mir da immer Diazepam…“
Wer’s glaubt, wird selig.
„Und?“
„…aber der ist gerade in Urlaub!“
Ein kurzer Kontrollanruf bei der genannten Praxis ergibt, dass der Herr Doktor tatsächlich in Urlaub ist.
„Und sein Vertreter?“
Mein Patient nuschelt etwas Unverständliches. Fünf Minuten lang höre ich mir seine Ausreden an. Dann atme ich einmal tief durch.
„Tut mir leid, ich kann Ihnen kein Diazepam geben!“
„Können Sie wirklich nicht?“
„Jedenfalls werde ich es Ihnen nicht geben!“
Er bleibt ganz ruhig sitzen. Macht keinerlei Anstalten, aufzustehen. Denkt gar nicht daran. Schaut mich mit großen Augen an.
„Was bieten Sie mir stattdessen an?“ fragt er.
Und jetzt muss ich noch einmal ganz tief durchatmen und bis zehn zählen…

Written by medizynicus

17. Mai 2010 um 20:04

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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9 Antworten

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  1. wie wärs mit einem hübschen Kärtchen oder Flyer mit der Adresse der nächsten Suchtberatungsstelle? Die Reaktion darauf ist meistens recht interessant.

    BinUnterwegs

    17. Mai 2010 at 21:58

  2. Ein Schild vielleicht?
    http://www.hier-ist-dein-schild.de/

    Benedicta

    18. Mai 2010 at 01:22

  3. Na gut. In DER Situation hätte ich wohl auch NEIN gesagt!

    Klinkenputzer

    18. Mai 2010 at 02:14

  4. was du ihm anbieten sollst?
    ihm ein taxi zu bestellen!
    🙂

    kartoffel

    18. Mai 2010 at 07:44

  5. Diazepam verkauft sich auch gut, bringt dann Geld für die nächste Pulle…

    docangel

    18. Mai 2010 at 13:46

  6. oh! moment! warte! – den patienten hatte ich dann nachmittags bei mir in der apotheke … *augenroll*

    Bäddi

    18. Mai 2010 at 21:31

  7. Oh ja, ich weiss schon: Der Hund hat das Rezept gefressen. Oder die Tabletten sind ihm mit Waffengewalt entwendet worden. Oder in den Gully gefallen?

    medizynicus

    18. Mai 2010 at 21:44

  8. Was auch immer die Unken rufen, und was auch immer passiert…manchmal ist es gut einfach jemanden zu haben, der zuhört.
    Zuhört!
    Klar ist das nervig. Aber….was geht denn in dem Menschen gerade vor sich?
    Immer wieder die Front: Arzt – Patient.
    Mal genauer hinhören vielleicht? Vielleicht ist das garnicht der Süchti in den ihr ihn gerade klassifiziert. Vielleicht ist das wirklich ein Mensch, der gerade Hilfe braucht. Vielleicht ist es der Süchti! Aber einfach „abstempeln“… DAS gibt zu wünschen übrig. Irgendwie.
    Klar, in der Klinik haben die Ärzte nicht viel Zeit und anderes zu tun. Weiss ich eh!
    Aber pauschal zu urteilen nur weil jemand gerade mal über den Durst getrunken hat… das halte ich persönlich für unfair. Sorry. Auch wenn noch soviele Schnapsleichen deinen „Dienst“ stören!
    Was bitte, weißt du denn wirklich über diesen Menschen?
    ???

    Klinkenputzer

    19. Mai 2010 at 03:36

  9. Gib ihm Tetrazepam! ;D
    Das wirkt in Kombi mit dem Kater bestimmt sehr lustig.

    chaoskatze

    19. Mai 2010 at 11:23


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