Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

krankenhausreif

with 8 comments

Freitagabend, einundzwanzig Uhr. Das Wochenende hat begonnen, nur nicht für Medizynicus, der steht hellwach und mit ausreichend Adrenalin und Koffein auf seinem Posten. Die Nacht ist noch jung, da schlägt eine Gang Achtzehnjähriger im Wartzeimmer auf.
Aufgeregtes Stimmengewirr mit leicht alkoholgeschwängertem Lallen. Die Kids haben früh angefangen heute Abend, wahrscheinlich müssen sie um zweiundzwanzig Uhr wieder zu Mama und Papa zurück. Einer von ihnen trägt eine Leidensmiene zur Schau.
„Sag denen genau, was passiert ist!“ wird Mr. Leidensmiene von seinem Kumpel instruiert, „Die müssen das alles dokumentieren!“
Schwester Anna es inzwischen geschafft, die Personalien aufzunehmen und bugsiert den Patienten ins Behandlungszimmer. Marvin sorgt dafür, dass die anderen draußen bleiben, was sie nur unter großem Protest tun.
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Der Junge ist in eine Prügelei geraten, ist dann auch noch ausgerutscht und jetzt tuts ihm das rechte Knie, das linke Handgelenk und die linke Schulter weh. Aus medizinischer Sicht alles in Ordnung, kein Kratzer, noch nicht einmal ein blauer Fleck.
Um ihm einen Gefallen zu tun und nicht als empathieloser Bösewicht dazustehen kriegt er einen Salbenverband für sein Handgelenk.
„Und das Knie?“
Okay, können wir auch was draufschmieren. Und auf die Schulter auch. Und Anna steckt ihm noch zwei Tabletten Diclo zu.
Glücklich humpelt der Schwerverletzte zu seinen Leuten zurück. Die empfangen den rückkehrenden Gladiator mit Jubel und Schulterklopfen.
„Und haben die auch alles genau dokumentiert?“ fragt der Wortführer.
„Wir werden die Angreifer nämlich verklagen!“ fügt ein anderer hinzu, „Die haben Dich immerhin krankenhausreif geschlagen!“

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Written by medizynicus

21. Mai 2010 um 21:38

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

8 Antworten

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  1. Da hat der Gute ja Glück, dass er keine Diclo supp. in die Hand gedrückt bekam- wäre sicherlich um einiges weniger gut angekommen…

    diesefremde

    21. Mai 2010 at 23:38

  2. Haha… das erheitert doch gleich meinen ansonsten einförmigen Abend!

    NK

    22. Mai 2010 at 00:12

  3. Und so besorgen sich Ärzte und Anwälte, unsere letzten beiden Stände, mal mehr und mal weniger vorsätzlich gegenseitig lukrative Beschäftigung.

    Und beide stehen sie mit treuherzigem Augenaufschlag vor mir und beteuern: wir konnten doch nicht anders.

    Der Witz daran: das stimmt. Wir alle haben das so organisiert in unserer hochentwickelten Gesellschaft, die mir dann auch immer ein wenig wie „das späte Rom“ vorkommt.

    Wolf

    22. Mai 2010 at 11:12

  4. @Wolf:
    So einen Prügler medizinisch versorgen und den Scheiß noch zu dokumentieren, ist KEINE lukrative Beschäftigung!!!!!!!!!

    docangel

    22. Mai 2010 at 22:58

  5. @docangel: wieder ein ärztliches Sensibelchen? Lies noch einmal genau meinen Beitrag und versuch‘ ihn zu verstehen.

    Wolf

    23. Mai 2010 at 08:10

  6. Also das Phänomen, dass mir morgens die Hand (oder beide) weh tut (auch der Nagel meines Zeigefingers war schon schwarz), kenne ich insbesondere dann, wenn ich am Abend zuvor fleißig dem Alkohol zusprach…

    Die dicke Elfe

    23. Mai 2010 at 15:08

  7. Ja ja, sie sind schon eine Pest, diese Besoffenen, die einem auf die Finger treten…

    *duckundwech*

    Wolfram

    25. Mai 2010 at 11:36

  8. sollte man nicht mal anfangen an Alkoholflaschen Warnhinweise machen? „Trinken macht Impotent“, „Trinken kann Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung Schaden zufügen“, „Alkohol kann süchtig machen.“ , … uvm

    ichbinines

    1. Juni 2010 at 18:21


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