Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Gesundheitskosten-Gedankenexperiment (Teil 3)

with 5 comments

Es ist interessant, wie in verschiedenen Gesundheitssystemen mit teuren Krankheiten wie der Fiesofrieselose umgegangen wird:
In den USA gibt es also einfach einen festen Satz – ob die Kosten damit gedeckt sind oder nicht ist das Problem des Patienten. In Frankreich existiert eine Selbstbeteiligung von 30 Prozent.
Wirklich? Damit wäre Frau Wondraschek allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit ziemlich bald entweder pleite oder tot – selbst wenn sie das Rauchen aufgäbe.
In Deutschland würden die Kassen vermutlich erstmal zahlen – aber möglicherweise einen Regress gegen den verschreibenden Arzt anstrengen. Dann wäre nicht Frau Wondraschek, sondern ihr Arzt pleite.
Aber treiben wir das Spiel noch einmal weiter:
Die Fiesofrieselose ist ja bekanntlich zwar eine schwere, aber glücklicherweise sehr seltene Erkrankung.
Häufig hingegen ist das gemeine fiese Frieselfieber. Das ist zwar an sich harmlos, aber ganz schön lästig. Es wird durch das tückische Friesolo-Virus hervorgerufen und man liegt mindestens eine Woche lang mit hohem Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen flach. Es ist ansteckend und tritt epedemieartig auf und wenn die Frieselfieberwelle rollt, dann kann es durchaus sein, dass ein zehntel der Bevölkerung betroffen ist.
Nun haben kluge Wissenschaftler herausgefunden, dass Miraculin, also der Wirkstoff Fiesofliximab, nicht nur gegen die Fiesofriesolose sondern auch gegen das gemeine fiese Frieselfieber wirkt. Allerdings muss man es gleich vom ersten Krankheitstag an nehmen.
Und jetzt rechnen wir mal:
Achzig Millionen Einwohner hat Deutschland.
Zehn Prozent, also acht Millionen kriegen das fiese Frieselfieber.
Jeder davon braucht sieben Tage lang Pillen im Wert von zweitausend Euro pro Tag, macht – moment, mal kurz nachrechnen – Einhundertundzwölf Milliarden Euro!
Da ist aber bald nicht nur Frau Wondraschek pleite!

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Written by medizynicus

29. Mai 2010 um 06:46

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

5 Antworten

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  1. In so einem Fall würde Miraculin vom Markt zurückgezogen werden und Fiesofliximab unter einem anderen Namen neu erscheinen – dann allerdings mindestens zum 1,5-fachen Preis.

    Zudem würde bald ein Impfstoff entwickelt werden, den die Bundesregierung massenhaft ankaufen würde, nur um darauf sitzen zu bleiben, weil sich recht bald herausstellt, dass man die Fiesofrieselose auch mit Bettruhe und heißer Zitrone auskurieren kann.

    Achne, das war was anders…

    INTensivling

    29. Mai 2010 at 17:08

  2. „Das Geld ist schon da, es ist nur Asozial verteilt“
    Thomas Wieczorek

    Die Soziale Kultur, reicher und super reicher, hat sich seit Zeiten von Krupp und Co doch drastisch verändert.
    Wir haben es nicht mehr mit Bodenständigen Persönlichkeiten zu tun, die unmittelbar ihre Angestellte ihr Handeln vor Augen hatten,ähnlich wie es heute noch den meisten Mittelständlern und Kleinunternehmern geht, sondern wir haben es mit einer Schicht zu tun, die sich nur noch unter sich bewegt, für die Harz 4 weit weg und Minijobs noch unvorstellbarer ist,deren Kindern auch immer schön unter sich bleiben und mit Marktradikalen Ideen voll gestopft werden.

    Sorry aber auch das musste mal raus.

    aga80

    30. Mai 2010 at 09:51

  3. Na ja nun: in Frankreich wäre Frau Wondraschek höchstwahrscheinlich zusatzversichert, so daß auch die 30% kein Problem wären – außer wenn die ZV die nikotinbedingten Sonderleistungen vertraglich ausgeschlossen hätte. 😉

    Wolfram

    30. Mai 2010 at 13:58

  4. Wobei in dem Beispiel unberücksichtigt bleibt, dass es das Medikament bzw. den Wirkstoff überhaupt nicht in den auf einmal benötigen Mengen gäbe, nichtmal annähernd. Ein Großteil der Betroffenen bliebe daher unbehandelt. Wobei man das ganze jetzt natürlich mit alternativ Wirkstoffen weiter durchspielen könnte – aber dann müssten wir hier letztlich das (Deutsche & Internat.) Katastrophen-Management durchspielen, denn nichts anderes wäre eine solche Epidemie letztlich. Und das geht erstens über die alleinige Verantwortung der Kassen deutlich hinaus und ist, wie bei der Schweinegrippe gerade erlebt & wie so ziemlichjede Kathastrophenvorsorge, immer ein Verlustgeschäft. Wobei es nichtsdestotrotz eine hochinteressante Diskussion wäre, die allerdings diesen Rahmen und das hier vorhandene (Fach)wissen ( von meinem ganz zu Schweigen) deutlich übersteigen würde.
    PS: Gibts eigentlich ein KatS Blog?

    Jerowski

    31. Mai 2010 at 16:30

  5. Zitat: „In Deutschland würden die Kassen vermutlich erstmal zahlen – aber möglicherweise einen Regress gegen den verschreibenden Arzt anstrengen. Dann wäre nicht Frau Wondraschek, sondern ihr Arzt pleite.“

    Nein, nicht unbedingt. Stichwort Praxisbesonderheit.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Praxisbesonderheit

    KS

    31. Mai 2010 at 16:49


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