Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

krank oder übermüdet?

with 11 comments

Der Mann sieht krank aus.
Ein mäßig korpulenter Mittfünfziger mit Schnauzbart, geröteten Augen und dicken dunklen Ringen darum. Gebeugte Haltung und leerer Blick, so ist er vorhin bei uns in der Ambulanz eingelaufen.
„An der Pforte wäre er beinahe kollabiert!“ flüstert Schwester Anna mir zu.
Jetzt schlurft er mit gesenktem Blick ins Sprechzimmer und läßt sich auf den Stuhl fallen.
„Was kann ich für Sie tun?“ frage ich.
„Ich kann nicht mehr. Helfen Sie mir!“
Er sagt das eine Sekunde zu schnell und meine Sensoren registrieren eine gewisse Theatralik in Stimme und Habitus.
„Hmmm“ sage ich. Mehr nicht. Soll er mal sebst aus der Reserve kommen.
„Können Sie mich nicht krank schreiben?“
Aha. Daher weht der Wind.
„Warum?“
„Mein Kreislauf….“
Kreislauf? Schwester Anna hat gute Vorarbeit geleistet: Blutdruck und Puls sind stabil und der EKG-Ausdruck, der da vor meiner Nase auf dem Schreibtisch liegt ist völlig unauffällig. Aber man soll seinen Patienten ja nicht immer gleich Böses unterstellen.
„Ja, Ihr Kreislauf?“
Er räuspert sich.
„Ich bin Lastwagenfahrer. Seit zwölf Stunden sitze ich am Steuer. Ohne Pause. Zuvor habe ich gerademal vier Stunden geschlafen. So geht das jetzt schon die ganze Woche. Vorhin bin ich fast am Steuer eingeschlafen, Sie wissen ja, Sekundenschlaf. Ich habe es noch geschafft, den Wagen bis zur Firma auf den Hof zu bringen und bin dann hierher…“
„Ist sowas denn erlaubt? Ich dachte, da gibt’s gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeiten…“
Er macht eine wegwerfende Handbewegung.
„Nicht in unserer Firma!“
„Und wenn Sie einen Unfall bauen? Sie könnten Menschenleben gefährden…“
Er schüttelt den Kopf.
„Sie kennen unsere Firma nicht!“
Nee, die Firma kenne ich wirklich nicht, denke ich während ich seine Lizenz zum Ausschlafen unterschreibe, Vollpension, Frühstück und Abendessen inklusive. Ein paar Infusionen werden wir ihm auch verpassen und morgen früh dann geheilt entlassen.
Ich verabschiede ihn mit festem Händedruck und dann gehe ich rauf auf Station um mir im Schwesternzimmer ein paar Liter Koffeinlösung in den Magen zu pumpen.
Und ein paar Streichhölzer bräuchte ich jetzt. Um meine Augen offen zu halten.

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Written by medizynicus

3. Juni 2010 um 14:41

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

11 Antworten

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  1. bist ´n guter kerl! 🙂

    Heldin Im Chaos

    3. Juni 2010 at 15:10

  2. Nachtigall ick hör dir trapsen… 😉

    Ich kenne übrigens „Speditionen“ bei denen peinlich genau auf die erlaubten Zeiten geachtet wird…

    Patrick

    3. Juni 2010 at 15:48

  3. Yes, you must have a big heart.

  4. schon traurig, wofür unser Gesundheitswesen alles herhalten muss. Und dafür werden wir dann auch noch geprügelt! Hat schon was märtyrerhaftes an sich.

    Ich meld dich schon mal nach Rom. Jetzt must du nur noch 20 Leuten im Schlaf erscheinen und du wirst heilig gesprochen.

    der Landarsch

    3. Juni 2010 at 16:56

  5. Nunja, ernsthaft „krank“ (sage ich jetzt mal als medizynischer Laie) war er ja wohl nicht … Aber wenn der gute Mann schon selbst erkennt, dass er so vollkommen fertig und erstrecht nicht in der Lage zum Arbeiten, sprich mit dem LKW umherfahren ist … dann wird wohl was dran sein. Und wie du schon bemerkt hast … sowas kann auch schon mal Menschenleben kosten. Auch wenn, wie der Landarsch sagt, unser Gesundheitswesen für jede Menge Schrott wie diesen herhalten muss … Das ist wohl richtig, aber so sinnlos war es ja vielleicht doch nicht. Nicht nur von der menschlichen Seite her betrachtet. Auch, wenn man Bedenken um die Kosten für diesen Spass hat … Ich weiss nicht, WIE teuer es ist, diesen Mann nun eine nacht lang auf Station ausschlafen zu lassen … aber mit Sicherheit ist es nicht so teuer wie der Einsatz des Rettungsdienstes und der Feuerwehr, die den LKW aus der Leitplanke und den Fahrer aus seinem Führerhaus pfriemeln und versorgen sowie die (schwer-)verletzten aus ihrem PKW, den er vielleicht dank Sekundenschlaf noch mit von der Fahrbahn gefegt hat … Rein spekulativ, ja. Auch ein sehr großes fiktives „Horrorszenario“, stimmt. Aber so unwahrscheinlich…? Hast jedenfalls ein gutes Herz, lieber Herr Medizynikus. 😉 Auch wenn da wohl noch genug übermüdete LKW-Fahrer in der Welt umherfahren, und auch wenn du nun von ein paar Seiten Dresche bekommst für diese Entscheidung; ich hätte es wohl nicht anders gemacht.

    souly

    3. Juni 2010 at 19:14

  6. Ach, um noch etwas hinzuzufügen … Ich weiss ja nicht, was genau du dir beim Verfassen dieses Beitrags gedacht hast … aber auf den zweiten Blick entdecke ich da schon gewisse Seitenhiebe. Vielleicht kann ich mich ja auch irren. Aber ist es nicht ironisch, wenn der Kerl nun der Übermüdung wegen sein Bettchen auf Station beziehen darf, während du dich nach diesem Gespräch erst mal mit Kaffee abfüllen musst? 😉

    souly

    3. Juni 2010 at 19:20

  7. Gebeugte Haltung, leerer Blick, Augenringe bis unters Kinn, unrasiert sowieso (mit Kaffeefleck auf dem Kittel)… so sehen bei uns auch die Ärzte nach dem Dienst aus 😉 Und wer schreibt die krank?

    schwestertrauma

    3. Juni 2010 at 19:25

  8. Darauf wollte ich anspielen, schwestertrauma. 🙂 Man versteht sich. 😀

    souly

    3. Juni 2010 at 22:04

  9. Ein Medizynikus vom Feinsten (wenn’s bloß nicht so traurig wäre)

    daFux

    4. Juni 2010 at 00:40

  10. zu gut für diese Welt 😀

    anna

    4. Juni 2010 at 16:37

  11. AU schreiben aus sozialer Indikation (nicht aus medizinischer). Passiert gar nicht so selten.

    docangel

    7. Juni 2010 at 11:08


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