Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Ritzen

with 22 comments

Sie kam in unsere Ambulanz, weil sie mit dem Fuß umgeknickt war.
Der Fuß war gesund: leichte Schwellung über Fußrücken und Außenknöchel, aber nichts gebrochen.
Schwester Anna hat einen Diclo-Salbenverband gemacht und ich gebe die üblichen Ratschläge: Hochlagern, Kühlen und bewegen.
Gerade will ich meine Patientin mit mit Handschlag verabschieden, als mir etwas auffällt.
„Kannst Du den Ärmel bitte einmal hochschieben?“
Sie wird rot.
„Was soll damit sein?“
Sie trägt ein langärmeliges T-Shirt.
„Schieb es doch bitte mal hoch!“
Zögernd kommt sie der Aufforderung nach.
Am gesamten linken Oberarm sind zahlreiche querverlaufende, teils sehr tiefe und ziemlich häßliche Narben zu sehen.
„Und den anderen Arm?“
Das selbe Bild. Die Narben sind alt. Die meisten jedenfalls. Aber es sind auch ein paar frischere Wunden dabei.
„Wie lange machst Du das denn schon?“
Sie zuckt mit den Schultern. Ihre Augen sind plötzlich leer und traurig.
„Zwei Jahre…?“
Ich schiele auf die Krankenakte. Sie ist gerade mal fünfzehn. Draußen im Wartezimmer sitzt ein Trupp von fünf oder sechs giggelnden Teenies welche darauf warten, die Kollegin wieder in Empfang zu nehmen.
„Du warst Dreizehn, als Du damit angefangen hast!“
Sie nickt.
„Und warum?“
Sie sagt nichts. Schaut an mir vorbei.
„Wissen Deine Eltern davon?“
Ich beiße mir auf die Zunge. Was für eine blöde Frage! Logischerweise kriege ich keine Antwort.
„Warst Du deswegen mal beim Arzt?“
Sie nickt.
„Hausarzt. Kinder- und Jungenpsychiatrie. Therapie. Sogar in der Klapsmühle war ich schonmal. Bringt doch alles nichts.“
Sie schweigt wieder.
„Wirklich nicht?“
Sie verzieht den Mund.
„Möchtest Du überhaupt Hilfe?“
Ihre Augen füllen sich mit Tränen.

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Written by medizynicus

7. Juni 2010 um 07:54

22 Antworten

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  1. 😥

    das kommt mir alles sehr bekannt vor…

    ichbinines

    7. Juni 2010 at 09:34

  2. 😦
    ich kann mich da ichbinines nur vollkommen anschließen. kommt leider viel zu häufig vor 😦

    Rene

    7. Juni 2010 at 10:36

  3. Borderline…meistens schwierige familiäre Verhältnisse…traurig.

    docangel

    7. Juni 2010 at 11:22

  4. Echt schlimm sowas. Hatte auch ne Freundin, die es machte. Als ich sie im Sommer das erste Mal mit kurzen Ärmeln sah war ich sehr erschrocken. Man fühlt sich dann hilflos, besser ich fühlte mich so. Aber gross helfen konnte ich nicht.

    shortend

    7. Juni 2010 at 11:50

  5. eine der besten Erklärungen dazu:
    http://www.ulrich-sachsse.de/entw4/archiv05.html

    ilana

    7. Juni 2010 at 13:10

  6. Kurz ein Einwurf:
    Selbstverletzendes Verhalten (SVV) heißt nicht automatisch Borderline. Und umgekehrt. Kann beides zusammen auftreten, muss aber keineswegs.
    Vor allem wird die Diagnose Borderline allgemein erst ab 18 gestellt, weil weitläufig davon ausgegangen wird dass eine Persönlichkeitsstörung erst deutlich werden kann wenn eine feste Persönlichkeit bestehen sollte. In der Pubertät ist alles noch zu wackelig.
    Außerdem sieht die Prognose für Borderline deutlich düsterer aus als für SVV. Da kann man mit einer unbedachten Diagnosestellung ganz schön viel Panik und Schaden anrichten.

    Alba

    7. Juni 2010 at 15:33

  7. Groß helfen kann da auch niemand, da spreche ich aus eigener Erfahrung 😦

    Nani

    7. Juni 2010 at 16:02

  8. Ooooh… Schulst du um auf KJP?

    Solotoj

    7. Juni 2010 at 16:30

  9. Hmpf. Und wieder eines der Klischees – nicht jeder, der Selbstverletzung begeht, ist Borderliner! Das ist ein einziges kleines Symptom, um in Borderliner zu kategorisieren, fehlt noch einiges mehr…

    Ich hoffe, du hast dich ein wenig ihrer angenommen… Versucht, noch mal auf Therapie oder vll stationär / Kur zu motivieren? Irgendeine Art der Langzeittherapie?

    Chaoskatze

    7. Juni 2010 at 16:40

  10. „Ritzen“ ist aber auch schon unabhängig von der BPS schon seit geraumer Zeit „in“ – wer keine Narben hat, gehört nicht dazu.
    Seltsames Phänomen.

    INTensivling

    7. Juni 2010 at 17:06

  11. Ich hab jahrelang „geritzt“…bei mir konnte nur ne seeeehr lange therapie was ändern…und heute, obwohl mir das niemand zugetraut hätte studiere ich Medizin…aber mit kurzen Ärmeln in die Uni geht leider immernoch nicht.

    Und ja, ritzen ist niemals nicht=BPS, ist nur eines von sehr vielen Symptomen dafür…

    Bianca

    7. Juni 2010 at 17:30

  12. Mit dem Schluss bringst Du Dein Dilemma, um nicht zu sagen Deine Ohnmacht, in der Situation gut auf den Punkt.

    Virginie

    7. Juni 2010 at 17:50

  13. @INTensivling:

    Bezweifle ich ernsthaft, das ist eher ein Mythos unter Leuten, die sich nicht mit den echten Ursachen auseinandersetzen wollen.

    „Das ist so eine Phase“ und gut ist – oder wie?

    Diese Einstellung finde ich regelrecht verachtenswert.

    @Medizynicus: Als selbst ehemals Betroffener kann ich sagen, dass diese direkte Art zu fragen (obschon deutlich besser als die Einstellung vom INTensivling) kaum zu etwas führen wird. Wer ritzt, macht sich i.d.R. selbst schon genug Druck (und schneidet, um Druck abzubauen), wenn dann noch von anderen Druck ausgeübt wird, machen die meisten einfach dicht. Ein Patentrezept habe ich allerdings auch nicht.

    Dolge

    7. Juni 2010 at 19:00

  14. Ach Medizynicus, dich würde ich gern mal als Arzt haben. Du hast ein viel zu gutes Herz ….

    souly

    7. Juni 2010 at 21:08

  15. Ein schlimmes Beispiel dafür, was unser imperialistischer Kapitalismus aus Menschen machen kann. In der DDR hätte es so etwas nicht gegeben.

    Aber – um ehrlich zu sein – die Aktion „Ritzen gegen Rechts“ hatte schon was Gutes für sich…

    harrytisch2009

    8. Juni 2010 at 06:58

  16. Ein Buch in Haut geschrieben..

    Unheimlich mieses Gefühl, wenn nichts mehr geht, außer sich in irgendeiner Form selbst weh zu tun.

    alexa

    8. Juni 2010 at 15:41

  17. @INTensivling / Dolge

    Kaum zu glauben, aber ich kenne das noch von früher.
    Vom Alter her ca. mit 14!
    Da gab es die eine oder andere, die es mal ausprobiert hatte. Allerdings natürlich nur winzige kleine Schnitte, wenn überhaupt mehrere.

    Eine Freundin von mir fand, FAND, es damals sehr lustig, sich eine 4 cm. lange Narbe zu verursachen. Mit Hilfe eines 1 DM Stücks. Einfach so lang hin und herrubbeln bis es blutet.
    Warum? Ich habe absolut keine Ahnung.

    Kaeks

    8. Juni 2010 at 19:50

  18. @Kaeks
    Und wie oft hat die das gemacht?
    Wöchentlich? Täglich? Oder doch nur ein Mal?

    Dieses vermeintliche „in“-sein, das ausprobieren hat rein gar nichts mit dem „Ritzen“ zu tun, das hier gemeint ist. (Das eine wird initiiert durch „herumblödeln“ in einer Gruppe [und ich glaube jeder von uns weiß, dass man in Gruppen die dämlichsten Sachen macht], während das andere in höchstem Maße „privat“ ist.)

    Joachim

    9. Juni 2010 at 22:31

  19. @harrytisch2009: da muss ich dich enttäuschen, das gabs genauso auch in der DDR (ich bin einer von vielen Beweisen), ebenso wie die Ursachen, die einen zu solchen „Druckabbaumaßnahmen“ führen. Man kann nicht immer alles auf den ach-so-bösen Westen und den Kapitalismus schieben.

    Nani

    10. Juni 2010 at 11:27

  20. @joachim

    Natürlich ist das nicht zu vergleichen. Es fiel mir spontan auf INTensivlings Post ein. Er sprach schließlich auch von einem Einzelfall, wie mein Beispiel.

    Aber damit keine Verwechslungen Vorkommen, sollte man es nicht ritzen nennen, sondern ein anderes schönes Wort dafür finden… Haut aufkratzen? Schneiden? Man suche sich etwas aus 😉

    Kaeks

    10. Juni 2010 at 20:07

  21. Schrecklich aber leider wahr und zu oft auf dieser Welt , bin Borderlinerin und kenne diese Situationen wo Menschen und vor Ohnmacht nicht wissen wie sie auf deine Narben reagieren sollen egal ob Arzt , Krankenschwester oder Bauarbeiter …….

    Sandy

    10. Juni 2010 at 20:30

  22. :‘-( Das ist schwierig.
    Aber es ist sehr schön zu sehen, wie ein Außenstehender die Situation beschreibt. Es trifft es einfach, ohnmächtig sind dann alle; SVVler wie Umstehende.
    Danke dafür.

    Kia

    12. Juni 2010 at 00:20


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