Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Kevin

with 11 comments

„Kevin ist wieder da!“
Ich unterdrücke einen Fluch, werfe mir den Kittel über, noch kurz am Klo vorbei und dann hinunter in die Ambulanz.
„Herr Doktor!“
Kevin begrüßt mich als sei ich ein alter Freund.
„Herr Doktor, warum muss ich immer so schwitzen?“
Vielleicht weil es Sommer geworden ist mit blauem Himmel und Freibadwetter? Heute Nachmittag waren es fast dreißig Grad im Schatten und ich wüsste auch wo ich jetzt lieber wäre als hier. Und ein dickes langärmeliges Hemd, darüber ein Pullover und dann noch eine Jacke ist nicht unbedingt die angemessene Bekleidung bei solchen Außentemperaturen. Klar, dass Kevin nicht nur schwitzt, sondern auch ziemlich müffelt. Aber das ist nunmal Kevin. Und müffeln tut er eigentlich immer.
„Nun, andere Leute schwitzen auch…“
„Aber nicht so stark wie ich. Das ist ungerecht! Ich will, dass das jetzt aufhört mit dem Schwitzen!“
Kevin ist fünfundzwanzig Jahre alt und… nun sagen wir mal, etwas minderbegabt.
„Kevin, jetzt schaun Sie mal…“
Manchmal schlägt er mehrmals pro Woche bei uns auf, dann hört man wieder monatelang nichts von ihm.
„Ich will nicht schauen, ich will, dass das mit dem Schwitzen aufhört. Helfen Sie mir, Herr Doktor!“
Trotz seiner Behinderung lebt Kevin allein in einer eigenen Wohnung. Wie er das auf die Reihe kriegt, ist mir zwar schleierhaft und so richtig scheint das auch nicht zu funktionieren mit dem auf die Reihe kriegen. Zumindest was die Sache mit der persönlichen Hygiene angeht.
„Wie lange geht das denn schon so mit dem Schwitzen?“
„Das war immer schon so. Warum können Sie mir nicht helfen?“
Hab ich doch probiert. Aber gute Ratschläge helfen bei Kevin nicht. Er hat nämlich nicht nur Körpergeruch sondern auch eine paranoide Ader, aber wenn man ihn zu einem Nervenarzt schicken will, rastet er in der Regel aus.
Also tief durchatmen, ihn reden lassen, bis hundert zählen und dann einfach aufstehen, ihm zuversichtlich zunicken, fest die Hand drücken, die andere Hand schon an der Tür und dann noch drei Tabletten Diclofenac aus dem Medikamentenschrank nehmen.
Die helfen zwar nicht gegen das Schwitzen, aber gegen Kopfschmerzen.
Meine Kopfschmerzen, wohlgemerkt.

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Written by medizynicus

11. Juni 2010 um 21:48

11 Antworten

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  1. Ouch.. da gibt es echt viele fiese Leute die derbe Schwitzen. Bei meiner alten Arbeite hatten wir mal einen, der hat ne nasse Spur hinter sich her gezogen wie ne Schnecke mit Schleimdrüsenüberfunktion. Von der Duftmarke die irgendwo zwischen Moschus und vergammeltem Fisch lag ganz zu schweigen.

    ickedette

    11. Juni 2010 at 21:55

  2. Naja, es gibt ja genug Menschen die einfach an Hyperhydrose leiden und eben trotz regelmäßigen Duschen schnell schwitzen und müffeln.

    Was Kevin betrifft, empfehl ihm doch mal Salbei in Tablettenform. Wird zwar in seinem Fall wohl eher nicht helfen, aber schaden tuts auch nicht. Vielleicht könnte man auch mal dafür sorgen das, zumindest hin und wieder, ein Betreuer bei ihm vorbeischaut.

    Und zuguterletzt gäbe es da noch die ganz fiese Methode, in dem Fall quasi epic evil, aber naja: Du nimmst einfach mal ne 100ml Spritze mit der dicksten Kanüle die du finden kannst und wenn er das nächste mal vorbeischaut… der Rest dürfte bekannt sein. 😉

    Denis

    11. Juni 2010 at 22:54

  3. Ich bin die erste in der klasse. Dann kommen Nesrin und Mariam.
    Die Mädel setzen sich und wedeln sich Luft zu. Nesrin hat ein knallrotes Gesicht.
    Kein Wunder! Sie hat einen bodenlangen Sommerrock an, ein langärmeliges T-Shirt, darüber einen, langärmeligen Wollpulli (der bestimmt aus irgend einem Kunststoffmaterial ist). Und sie trägt ein Kopftuch, das den Hals und Schulterbereich bedeckt. (Unter dem Kopftuch gibt es noch eine enganliegende Kappe, die die Haare festhält) Wenigstens hat sie ihren langen Mantel nicht mehr an. An den Füßen trägt sie Turnschuhe. Mariam sieht so ähnlich aus.
    „Du hast doch wohl keine Strumpfhose an, Nesrin?“ frage ich besorgt.
    „Doooooch“, sagt Nesrin.
    „Dir muss doch kochheiß sein, zieh doch wenigstens den Pulli aus,“ schlage ich vor.
    Nesrin funkelt mich böse an: „ Mir ist nich warm.“
    Mariam echot: „ Uns ist nich warm!“
    Und Jenny, die gerade herein stürzt, erklärt mir: „Denen ist nich warn, Frl. Krise, die sind das gewöhnt.“ (Jenny trägt einen winzigen Minirock und ein noch winzigeres Top.)
    Was soll man da noch sagen?
    Religion hin oder her……

    Frl. krise

    12. Juni 2010 at 01:29

  4. Am besten hilft da ein altes Heilmittel 2x am Tag Quark/Heilerde/Erdbeermarmelade egal hauptsache es kann nicht daraufgelassen werden, aufgetragen und ganz wichtig wieder abduschen. Das wirkt sicher. Aber die Mitarbeit des Patienten ist hier wohl auch das Problem. 😦

    Als Langzeittherapie, der Hinweis, dass viel Luft an die Haut muss, aber das ist wahrscheinlich auch zu kompliziert.

    Oder diagnostitiere eine Allergie gegen Kunststoffpullis.

    Ich kenne diese Exemplare auch, bei mir in der Schule wird dann aber gerne noch Deo auf die Duftkomposition gesprüht und das macht es nichttttttttttttttt besser.

    aupairfamilienrw

    13. Juni 2010 at 09:12

  5. Salbei?Quark?Heilerde?Erdbeermarmelade?

    Ich sage: Botox, Grenzstrangresektion! ^^

    Sebastian

    13. Juni 2010 at 09:50

  6. Salbei?Quark?Heilerde?Erdbeermarmelade?Botox?Grenzstrangresektion?Das Problem ist doch hier eher: „ich will – Doc mach mal (schließlich zahl ich ja meine Kassenbeiträge, bzw. schließlich bin ich ja arm und sozial bedürftig *)“

    Wieso glauben eigentlich Ärzte, SIE müssten jeden Wunsch eines Patienten erfüllen? Und noch möglichst kostenlos (d.h.genau genommen auf Kosten der Versicherten-Allgemeinheit)?

    Sind wir Ärzte nicht diejenigen, die durch genau diese Beflissenheit die deutschen Versicherten erst zu dem gemacht haben, wie sie sich heute aufführen? Sind wir nicht daran Schuld, wenn sich niemand mehr um sich kümmert – die Kassen und die Ärzte werden’s schon richten?

    Gegen Schwitzen hat immer noch Waschen geholfen! Wer mehr schwitzt muss sich halt mehr waschen! All die guten Tips sind erst dann sinnvoll, wenn jemand aus dem Bad nicht mehr rauskommt!

    *nix gegen wirklich sozial Bedürftige!!!

    der Landarsch

    14. Juni 2010 at 11:04

  7. Werter Landarsch, ich würde da doch unterscheiden zwischen dem allgemeinen duschresistenten Patienten und jemandem wie o.g. Kevin, dessen Problem eher im pschosozialen Bereich, resp. seiner Intelligenzminderung (hier diagnostisch und nicht entwertend gemeint) zu sehen ist.

    Antagonistin

    14. Juni 2010 at 12:47

  8. Von mir bekäme er eine ärztliche Verordnung:
    „1 x tägl. Duschen“

    Aber ich ich ja auch keine Ärztin.

    buchstaeblich

    14. Juni 2010 at 17:01

  9. Liebe Antagonistin, das ist ein Irrglaube. Ich kenne genügend intelligenzgeminderte Patienten, die absolut hydienisch daherkommen, und auch einen Kevin hätte man beizeiten zu einer entsprechenden Körperhygiene konditionieren können. Wenn man solche Menschen natürlich nur abschiebt und links liegen lässt …

    Aber das war eigentlich nicht Inhalt meines Kommentars. Ich meine, intelligenzgemindert oder nicht, was hat mangelnde Körperhygiene mit Medizin zu tun? Müssen wir die Patienten vielleicht auch noch auf Kassenkosten waschen, nur weil sie vom Dreck krank werden können?

    Übrigens letztens bei unserem Orthopäden: Patient zeigt seine Füße, der Orthopäde untersucht sie und kann nichts finden. Das sagt er dem Patienten, meint aber, es würde nichts schaden, wenn er sich die Füße auch hin und wieder mal waschen würde. Darauf der Patient: „Das hat mein Hausarzt auch schon gemeint, aber ich wollte erst den Rat eines Fachmanns hören“.

    der Landarsch

    15. Juni 2010 at 11:53

  10. @Landarsch: Boah ey, das ist nicht wahr, nicht?

    medizynicus

    15. Juni 2010 at 12:51

  11. das war ein Witz. Aber vergleichbares hab ich schon mehrfach selbst erlebt

    der Landarsch

    15. Juni 2010 at 16:05


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