Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Wie Chirurgen sterben

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Dr. Großbaum ist zweiundsiebzig Jahre alt und wird seinen nächsten Geburtstag mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr erleben.
Dr. Großbaum hat ein metastasierendes Bronchialkarzinom und chronisch obstruktive Lungenerkrankung im Endstadium, wobei letzteres fast genauso schlimm ist. Jetzt liegt er bei uns. Natürlich Einzelzimmer, privat, obwohl er doch eigentlich nur ganz normales AOK-Mitglied ist. Aber Dr. Großbaum ist Chefarzt.
Er ist immer noch Chefarzt, so wie ein Bundespräsident auch nach der Abdankung immer noch Bundespräsident bleibt und das ist für ihn ganz selbstverständlich.
Dass er ausgerechnet auf der Inneren liegt für seine Chemotherapie ist für ihn eine Kapitulation – wie auch seine Krankheit eine Kapitulation ist.
„Ich verstehe die jungen Ärzte nicht,“ japst er bei der Chefvisite, „Wieso wollen die mich nicht operieren? Damals, zu meiner Zeit…“
Er schüttelt den Kopf und sinkt wieder in sein Kissen zurück.

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Written by medizynicus

1. Juli 2010 um 10:41

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

6 Antworten

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  1. Wie Internisten Sterben:

    Dr. Frisch, Kardiologe mit gutem Ruf, ist mittlerweile seit 4 Jahren in Rente und pflegt nach wie vor einen sehr straffen Tagesablauf:

    06:30 Aufstehen, rein in die Jogginschuhe, 1 Stunde bei optimaler Pulsfrequenz durch den Stadtpark. Dann nach Hause, Ehefrau wecken, ins Bad, Wechselduschen, erst heiß, dann kalt, zehn mal das Ganze. Nach der Dusche duftet der unfermentierte grüne Tee bereits. Es gibt Birchermüsli mit frischem Obst und fettarmen Jogurth.

    Nach dem Frühstück auf zum Wochenmarkt, frisches Gemüse, Obst und Brot kaufen, biologisch angebaut versteht sich. Den Rotwein vom örtlichen Bio-Winzer nicht zu vergessen, ein Glas jeden Abend, am Wochenende vielleicht mal zwei.

    Um 11 Uhr wieder zuhause, Frau Frisch beginnt so langsam mit der Zubereitung des Mittagessens. Dr. Frisch nimmt sich Die Zeit zur Hand und schaltet Klassik Radio ein.

    Plötzlich ein furchtbar stechender Vernichtungsschmerz im Brustkorb. Dr. Frisch greift sich mit der rechten Hand an die Brust, sein Gesicht schmerzverzerrt, Todeangst. Er versucht seine Frau zu rufen doch seine Energie reicht nur noch für den kurzen, letzten Gedanken: „Das kann doch nicht sein…!!??“

    Dr Mang

    1. Juli 2010 at 10:59

  2. …damals zu seiner Zeit wurde das wahrscheinlich auch nicht operiert.

    Is so. Ärzte werden auch krank und sie sind nicht immer die besten Patienten… 😉

    docangel

    1. Juli 2010 at 11:58

  3. Auch wir sind Menschen, selbst wenn das der eine oder andere Arzt (und so mancher Patient) nicht glaubt.

    der Landarsch

    1. Juli 2010 at 15:45

  4. Erinnert mich an die Zeit, in der ich in einer Klink gearbeitet habe. Da hats den Chef der Kardiochirurgie auch auf dem Bahnsteig einer Großstadt auf dem Heimweg von einem Kongress mit nem Herzinfarkt mit nicht mal 50 hinweg gerafft… Ironie des Schicksals, könnte man sagen.

    o2junkie

    1. Juli 2010 at 16:55

  5. Und dann gibt es noch den Leitenden Notarzt, der seine Einsatzfahrt abbricht und am Funk noch sagt: „Ich stehe in Fahrtrichtung München an der Ausfahrt Oberhaching. Ich kann nicht mehr weiterfahren. Ich brauche Hilfe. Verdacht auf Aorten-Aneurysma!“

    blublubla

    2. Juli 2010 at 14:41

  6. […] Blick auf seine nikotingerärbten Finger. Geschätzte hundertzwanzig Pack-Years. Mindestens. „Herr Großbaum…“ setze ich an.. „Doktor!“ zischt Schwester Paula mir zu. „Herr […]


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