Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Böse Medizin, gute Medizin

with 6 comments

Herr Schmidtmeiermüller wohnt im erzkapitalistischen Südspelunkistan.
Auch Herr Schmidtmeiermüller ist Patient. Seit zwei Tagen hat er Halsschmerzen und leichten Husten, aber ohne Fieber. Weil er nicht weiß, ob er morgen zur Arbeit gehen soll, sucht er den Doktor auf.
Südspelunkistan ist ein freies Land mit freien Bürgern und freier Marktwirtschaft. Der Staat hat sich zurückgezogen von allem, was ihn nichts angeht. Es herrscht strahlend goldglänziger Kapitalismus, alles ist bunt und glitzernd, wie sich das so gehört.
Der Doktor, den Herr Schmidtmeiermüller aufsucht arbeitet in einer schicken Praxis mit Marmorböden, Rezeptionstheke aus edlen Tropenhölzern und einer richtig leckeren blonden Dekoschnecke dahinter.
Die lächelt ihn an und bittet um seine Kreditkarte. Herr Schmidtmeiermüller hat, wie etwa die Hälfte der Bevölkerung, eine private Krankenversicherung. Die andere Hälfte der Bevölkerung hat keine.
Herr Schmidtmeiermüller darf, nachdem er den Blankobeleg zur Authorisierung seienr Kreditkarte unterschrieben hat in einem wolligweichen Ledersessel Platz nehmen, wo ihm ein richtig guter Espresso serviert wird. Sieben Minuten später geleitet die leichtbekleidete Dekoschnecke ihn dann in das Sprechzimmer vom Herrn Doktor.
Jenes ist mit stilvollen Ölgemälden und Luis-Quattorze Möbeln dekoriert.
Der Doktor tritt ein, guckt in Herrn Schmidtmeiermüllers Hals, hört auf die Lunge, misst Fieber und sagt dann:
„Sie haben einen Virusinfekt. Nichts dramatisches.“
„Aha?“
„Ja, aber man kann nie wissen. Also nimmt Ihnen meine Assistentin jetzt gleich mal ein wenig Blut ab, dann machen wir ein Röntgenbild von der Lunge und wenn das in Ordung ist, bekommen Sie eine Aufbauspritze mit ein paar Vitaminen drin.“
„Aha?“
„Richtig. Und morgen früh kommen Sie dann bitte nochmal zur Kontrolle vorbei. Dann habe ich auch die Laborergebnisse und dann unterhalten wir uns darüber, wie es weitergeht.“
„Ja?“
„Und ein Attest für die Arbeit bekommen Sie auch. Auf wiedersehen, bis morgen!“
Fünf Minuten später serviert ihm die leckere Dekoschnecke die Rechnung: Konsultation, Thoraxröntgenbild in 2 Ebenen, Labor, Attest und Aufbauspritze macht dreihundersiebenundvierzig Südspelunkistanische Rubel. Plus Mehrwertsteuer. Der Espresso war kostenlos.
Herr Meierschmidtmüller wohnt übrigens auch in Südspelunkistan. Er ist arbeitslos. Letztens hat ihm die Regierung die Unterstützung nach Quarz-vier gestrichen. Seitdem lebt er von seinen Ersparnissen. Auch er hat seit zwei Tagen Halsweh, leichten Husten und kein Fieber. Aber wegen sowas geht er nicht zum Arzt. Kann er sich gar nicht leisten. In der Küchenschublade hat er noch ein paar Tabletten Paracetamol gefunden, die nimmt er jetzt, trinkt ausreichend Flüssigkeit und legt sich erstmal ins Bett.

Advertisements

Written by medizynicus

3. Juli 2010 um 07:12

6 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Und wo würde ich lieber arbeiten und leben? Meine stark ausgeprägte kapitalistisch-freiheitliche Ader sagt mir im Süden. Aber nur weil ich wahrscheinlich derjenige sein würde, der die fetten Rechnungen schreibt. Dem Quartz-4-ler ginge es sicherlich im Norden besser….

    DrMang

    3. Juli 2010 at 09:36

  2. @Medizynicus @DrMang Und wieder der übliche Fehler. Man darf sich nicht in die Polarisierung treiben lassen! Soll sich doch der privatversicherte Einfaltspinsel alle eigenen dümmlichen medizinischen Erwartungen bestätigen lassen. Er zahlt ja den Klimbim. Das vorherige Überlegen, ob es lohnt zum Arzt zu gehen ist ein konstruktiver Schritt und kein “Quarzstigma”! Aus beiden Ländern könnte man wunderbar lernen. Bei uns fährt man auch mit der ersten Klasse Bahn und kann doch auch mit zweiter Klasse, Schrottmobil, Radl und per Pedes vorankommen. Vielfalt ist der Schlüssel. So lange die medizinischen Standards nicht verlassen werden. Das Aufspalten in die miefige DDR-Spießigkeit versus schlimmste Bonzenmedizin beherbergt das Risiko sich unsere europäischen Nachbarkonzepte nicht genügend anzusehen. Aber kurzweilig ist es immerhin.
    Ich würde so gern mehr von Kollegen aus diesen Ländern hören. Anybody out there???

    Kreativarzt

    3. Juli 2010 at 10:19

  3. Das schlimme ist, es gibt keine bösen Ärzte, aber viele erinnern sich nimmmer weshalb sie den Beruf ergriffen haben und nehmen ihre Patienten nur noch als Geldfaktor/quelle war.
    Diese Leute sind inzwischen jenseits von gut und böse.
    Also schnellstmöglich die Praxis verlassen, wenn man auf diese Leute trifft.

    aga80

    4. Juli 2010 at 19:24

  4. […] Wiedereinbestellungen). Prinzipiell dürfte auch er keinen Grund zur Unzufriedenheit haben. Und Südspelunkistan? Das hat verdächtige Ähnlichkeiten mit den USA, aber auch mit der Art und Weise, wie in […]

  5. Mit der GKV-Staatsmedizin wollen uns die Politiker davor bewahren, dass der Kranke zuviel Geld für unwirksame und überflüssige „Medizin“ und der Gesunde zuviel für sinnlose und falsche „Vorsorge“ ausgibt und die Bürger zuviel Geld im Gesndheitswesen binden, das ihnen dann nicht mehr für Auto, Telefon, Computer, Internet, Reisen etc. zur Verfügung steht.

    Es ist aber ein Denkfehler – siehe ständiges Anwachsen der Individuellen Gesundheits-Leistungen – der Politiker, dass der wohlhabendere Bürger sich mit „ausreichend“ zufrieden gibt. Im restlichen Leben tut er’s ja auch nicht! Und in Nordspelunkistan blüht(e) diese Geschäft ja auch bestens, nur etwas inoffizieller.

    der Landarsch

    5. Juli 2010 at 08:52

  6. Und dann sind da noch die Ärzte, die z.B. (Zahnarzt) Ziffer 202 erbringen (provisorische Füllung erneuern) und *zusätzlich* Ziffer 207 abrechnen (exkavieren und dauerhafte Füllung legen).

    Oder bei einer kardiologischen Untersuchung wg. Aorteninsuffizienz mal eben „zusätzlich“ Ziffer 410 und drei mal Ziffer 420 (Carotis und Vertrebralis links und rechts), sowie Ziffer 645 (Periorbitalarterien) abrechnen, obwohl der Schallkopf meinen Hals nicht mal berührt hat…

    Oder der Orthopäde, der mich vor Gericht auf Honorar verklagt hat, obwohl ich an dem Tag nachweislich gar nicht am Praxisort war (Dienstreise). Hatte wahrscheinlich ein falsches Patientenblatt vorliegen. Gott sei Dank konnte ich meine Abwesenheit nachweisen.

    Alles passiert innerhalb von sieben Jahren Privatpatientendasein. Eine gewisse Quersubvention verstehe ich ja, und das soll mir auch recht sein (ich lache immer über die 15-sekündige Messung des O2-Partialdrucks mit dem vielleicht 100-200 Euro kostenden Pulsoxymeter für 15,74 EUR, Ziffer 614, nach dem Belastungs-EKG), aber auch von der Privatpatientenseite betrachtet ist im System der Wurm drin!!!

    godot

    11. Juli 2010 at 22:09


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: