Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Spelunkistan ist überall

with 5 comments

Ich sehe, Ihr habt’s kapiert. Meine kleine Gedankenspielerei weist eine Menge Parallellen zu real existierenden Gesundheitssystemen in Europa und anderswo auf.
Nordspelunkistan finden wir nicht nur in der ehemaligen DDR, sondern auch in Großbritannien, Schweden und einigen anderen Ländern. Wenn man das ganzen tendenziöse Sozialismus-Grau-Staatsmedizin Geschwafel wegläßt dann ist es vor allem durch eine Sache charakterisiert: Der Arzt – und zwar handelt es sich hier um einen Hausarzt (oder sagen wir besser: Primärarzt) – hat ein relativ fixes Einkommen und relativ geregelte Arbeitszeiten. Er verdient zwar unter Umständen deutlich schlechter als ein freier Unternehmer, ist aber weder durch bürokratische Verwaltungstätigkeit belastet noch sitzt ihm die Hausbank wegen seiner Kredite im Nacken. Es ist anzunehmen, dass er in seinem Beruf recht zufrieden ist.
Und der Patient? Er bekommt eine ausreichende Versorgung ohne überflüssigen Schnickschnack. Er wird ermutigt, für seine Gesundheit eigene Verantwortung zu übernehmen (z.B. Selbstbehandlung bei Bagatellverletzungen). Der Arzt ist nicht daran interessiert, ihn zu entmündigen (z.B. durch sinnlose Wiedereinbestellungen). Prinzipiell dürfte auch er keinen Grund zur Unzufriedenheit haben.
Und Südspelunkistan? Das hat verdächtige Ähnlichkeiten mit den USA, aber auch mit der Art und Weise, wie in Deutschland Privatpatienten behandelt werden. Der Arzt ist selbständiger Unternehmer und daher daran interessiert, mit seinen Kunden möglichst viel Umsatz zu machen. Da liegt es nahe, ihnen sinnlose Diagnostik und potentiell gefährliche Pseudotherapien zu verabreichen – über die Vitaminspritzen mag man lachen, aber sie werden in Deutschland tatsächlich verdammt häufig verabreicht, übrigens nicht nur an Privatpatienten sondern auch an Kassenpatienten, entweder als Selbstzahlerleistung oder zähneknirschend als kostenloser „Kundendienst“ um die Patienten nicht zu vergraulen.
Ist der Arzt glücklich? Nur dann, wenn er ein guter Unternehmer ist. Seine medizinischen Fähigkeiten sind eher zweitrangig, Hauptsache er kann sie gut verkaufen. Ist er hingegen ein „Gutmensch“, der in erster Linie einfach eine anständige, gute, Evidanzbasierte hausärztliche Versorung bieten möchte, dürfte er hingegen verzweifeln, vor allem wenn seine betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten eher begrenzt sind.
Aber was ist mit Herrn Meierschmidmüller? Im Falle einer Bagatellerkrankung, wie hier beschrieben kommt er sogar besser weg als der Privatpatient. Dumm nur, wenn er wirklich krank wird. Dann hat er ein Problem. Wie mehrere Millionen US-Amerikaner.
Nein, Deutschland ist nicht Spelunkistan. Das System hier ist noch viel, viel komplizierter….

Advertisements

Written by medizynicus

5. Juli 2010 um 07:00

Veröffentlicht in Nachdenkereien

5 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Wie du im letzten Satz angemerkt hast ist es in Deutschland dank kassenärztlicher Vereinigungen und Punktesystem/Behandlungspauschale noch viel viel komplexer. Zumindest wenn es um die gesetzlich Versicherten Patienten geht, welche ja einen Großteil ausmachen dürften.

    Denis

    5. Juli 2010 at 10:12

  2. Völlig richtig, was Sie da schreiben.
    Leider zu kompliziert.
    Findet keiner so kommentaranimierend wie die immer gleiche alte Leier:“fette reiche Ärzte verlangen zu viel Kohle“.
    Der ganze deutsche Chipkartenblödsinn muss erst noch kollabieren. Die Verbesserung wird so intensiv durch die KV untergraben, dass sie chancenlos ist.

    Kreativarzt

    5. Juli 2010 at 13:53

  3. Du hast eine echt COOLE SEITE :-)…..Bist mein Favorit bei der BLOG-WM 2010 . Bin leider in der ersten Vorrunde ausgeschieden. Aber dabei sein ist alles.

    Heute noch mal für Dich gestimmt , drücke alle VIER 😉 Daumen das DU siegst.

    Ulrike

    5. Juli 2010 at 17:40

  4. Guter Ansatz mit diesem sehr passenden Vergleich!
    Was die Zukunft in dieser Hinsicht bringen wird sind hoffentlich nicht die US Amerikanischen Zustände.

    Timo G

    5. Juli 2010 at 19:35

  5. Auch das französische System liegt irgendwo zwischen beiden – mit einer staatlichen Grund-Krankenkasse, die aber nur 70% (in den ehemaligen Reichslanden 90%) der Standardtarife ersetzt, und einer prinzipiell freiwilligen Zusatzkasse für den Rest und die eine oder andere Mehrleistung. Der Arzt wird nach Arbeitsaufwand bezahlt – direkt nach der Behandlung. Wer nicht nach Kassentarif abrechnet, muß das deutlich aushängen und vor der Behandlung sagen.

    Mittlerweile haben doch einige Ärzte Direktabrechnungsmöglichkeit; das gabs früher nicht, und weil gerade Rentner die Kosten etwa für Zahnprotesen oft nicht vorstrecken konnten, hatten sie eben keine.

    Wolfram

    6. Juli 2010 at 09:20


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: