Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Knallt das?

with 14 comments

Atze ist so um die Mitte dreißig und hat eine große Leidenschaft: das Heroin.
Und weil das ein ziemlich teures Hobby ist, betreibt er nebenbei einen kleinen Gemischtwarenhandel. Früher mal war er auch im Import-Export-business tätig, aber davon ist er längst weg.
„Die Gewinnmargen sind gering, das betriebswirtschaftliche Risiko zu hoch!“ sagt er. Das sind allerdings nicht ganz seine Worte. Er drückt sich da natürlich etwas anders aus.
Atze und ich, wir respektieren uns. Oder sagen wir mal besser: Wir haben eine Art Stillhalteabkommen geschlossen. Er verzichtet inzwischen auf die Überfallstrategie (z.B. Auftauchen nachts unter Vorspiegelung starker opiatpflichtiger Schmerzzustände) und hat auch sonst versprochen, sich zu benehmen. Das war, nachdem Schwester Paula ihn an den Ohren aus dem Stations-Dienstzimmer gezogen hat, wo er zu frühmorgendlicher Stunde (es herrschte gerade das übliche Frühstücksausteilechaos) seinen Kopf etwas zu tief in den Medikamentenschrank gesteckt hatte.
Aber sowas macht er jetzt nicht mehr. Und zum Dank dafür schmeißen wir ihn nicht immer gleich sofort wieder hochkant raus.
Atze führt seine Geschäfte gelegentlich auch vom Krankenbett aus. Das theortisch immer noch geltende Handyverbot wird von uns schon längst nicht mehr durchgesetzt. Das Rauchverbot hingegen schon, zumindest von mir, aber Atze umgeht das indem er geschickt mit dem nikotinabhängigen Teil des weiblichen Pflegekörpers flirtet und sich bei deren Rauchpausen einfach mit dazu auf den Balkon stellt. Aber wir kommen vom Thema ab.
Atze sitzt also aufrecht auf seinem Bett und telefoniert. Mein visitliches Erscheinen quittiert er mit einer kurzen grüßend gemeinten Handbewegung.
Dann legt er das Handy weg.
„Sag mal Doc,“ spricht er und reicht mir einen kleinen Notizzettel, „kennste das?“
Atze duzt übrigens unterschiedlos jeden, sogar den Chef.
Ich lese den Zettel. Da stehen ein paar Medikamentennamen drauf.
„Hat ’n Kumpel von mir organisiert!“ fährt Atze fort. Ich frage ihn lieber nicht, wie das mit dem Organisieren zu verstehen ist.
„Aha?“
„Und?“
„Was und?“
„Ja, knallt das Zeug?“
Ich muss innerlich grinsen. Da hätte ich Atze doch etwas mehr Sachverstand zugetraut. Auf dem Schriftstück stehen ausschließlich harmlose Vitaminpräparate und – man höre und staune – Pentoxyphyllin-Infusionslösung. Das Zeug gibt man zur Durchblutungsförderung nach einem Hörsturz, allerdings ist die Wirksamkeit eher umstritten. Und eine wie auch immer geartete andere Wirkung ist mir nicht bekannt.
Aber das braucht Atze ja nicht unbedingt zu wissen.

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Written by medizynicus

8. Juli 2010 um 15:19

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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14 Antworten

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  1. hihi 🙂

    Sylvia

    8. Juli 2010 at 16:09

  2. Oh man, an Tagen wie dem heutigen kann ich mir schwerlich vorstelllen, in einem Jahr ständig solche Spezialsten wie Atze um mich zu haben. Vielleicht werde ich doch Radiologe oder Pathologe oder Mikrobiologe oder Labormediziner oder…oder…oder….

    Aber eigentlich will ich ja Hausarzt werden. Mal sehen….

    Dr Mang

    8. Juli 2010 at 16:56

  3. Solches Klientel hat man überall wo Patienten sind, also durchaus auch nal in der Radiologie. Da empfehle ich Labormedizin, keine Patienten und man verdient damit nicht schlecht!^^
    Hausarzt ist wohl die schlechteste Wahl, wenn man keine anstrengenden Patienten haben will. In der Inneren ist es ähnlich, Psychiatrie und Päd (der Eltern wegen) sowieso, Neuro fällt eigentlich auch weg. Wie wäre es mit Orthopäde in einer Rehaklinik? 😉

    Aber genug der Berufsberatung – ich finde es gut, dass die meisten Ärzte noch die Geduld haben Alkis, Drogenabhängige & co zu behandeln. Viele schicken die einfach weg, sobald es schwierig wird.

    Avialle

    8. Juli 2010 at 20:12

  4. und? knallt das zeug?

    john sugar glumm

    9. Juli 2010 at 05:00

  5. Danke Avialle für deine tolle Beratung. ML WIEDER Typisch Medizinstudent: Sich selbst so wichtig nehmen, dass man es nicht lassen kann dem anderen ungefragt seine „tollen“ Ratschläge aufzudrücken und dabei nicht mal richtig verstehen, was der Gegenüber eigentlich gesagt hat. Und dann auch noch halbgares Zeug von sich geben…einfach nur typisch…

    Dr Mang

    9. Juli 2010 at 09:09

  6. Wieviele Probleme man mit derartigen Patienten hat hängt nur davon ab, wie sehr man sich ihre Probleme zu eigen macht. Als Hausarzt lernt man sehr schnell, dass der Pateint seinen eigenen Willen, und damit auch seine eigene Verantwortung hat. Ich weiß (aus eigener Erfahrung): im KH ist das anders,da fühlt man sich verantwortlich. Viele niedergelassene Fachärzte sehen das ebenfalls eher krankenhausartig – und leiden darunter.

    Ich leide nicht: wer sich schädigen oder umbringen will, kann das tun. Ich behandle ihn medizinisch, helfe ihm natürlich aber nicht dabei. Ich habe einige Zeit ein Heim mit Alkoholikern im Endstadium (= Birne Matsch) betreut. Hier Mitgefühl, Anteilnahme oder gar Verantwortung zu verspüren wäre einer völlig sinnlosen Selbtsschädigung gleichgekommen1

    der Landarsch

    9. Juli 2010 at 11:06

  7. Ist bei Hörsturz nicht Betahistin p.o. + Prednisolon inzwischen der Behandlungsstandard?

    Max

    9. Juli 2010 at 15:43

  8. Medizynicus:
    „Knallt das…?“
    LOL

    @Dr Mang:
    Das mit dem Hausarzt würd ich mir nochmal überlegen…

    docangel

    9. Juli 2010 at 22:45

  9. @Dr Mang:
    Da fällt mir grade auf: Deine letzte Mail hast Du am 9. geschrieben um 9 Uhr 9! Perfektes timing. War das Zufall?

    docangel

    9. Juli 2010 at 22:49

  10. Vielleicht sollte man ihm noch Dihydrogenmonoxid empfehlen…*pfeif*

    Squirrel

    10. Juli 2010 at 10:52

  11. @ docangel: das war keineswegs Zufall. Ich kommuniziere über komplizierte Zahlencodes online mit der Thule-Gesellschaft. Grund für die Kodierung ist die Tatsache, dass ich schon seit längerer Zeit von CIA und Mossad verfolgt werde…. und wer hat eigentlich mein Clozapin gestohlen?

    Und noch was: Warum sollte ich mir das mit dem Hausarzt noch mal überlegen? Die Arbeit machte mir in 2 Famulaturen sehr viel Spaß!

    Dr Mang

    11. Juli 2010 at 12:34

  12. @Dr Mang:
    Die Kommentare von drgeldgier, Kreativarzt und Landarsch in „Der Herr Doktor in der guten alten Zeit“ hast du sicher gelesen…
    😉

    docangel

    11. Juli 2010 at 15:10

  13. Habe ich, aber 1. glaube ich immer, dass das zwar alles wahr ist, aber trotzdem eine Frage der Wahrnehmung und 2. glaube ich an meine Fähigkeiten, die im besonderen auch kaufmännischer Natur sind… 🙂

    Dr. Mang

    11. Juli 2010 at 18:24

  14. Wenn du damit klar kommst, dass du in der eigenen Praxis im Grunde genommen dennoch fremdbestimmt bist (Stichwort Wahrnehmung) und du zusätzlich ein kleines „Masochismus- Gen“ hast, kann ja nichts schief gehen…
    Ich war nach 2 Jahren Praxis einfach nur noch genervt!

    docangel

    11. Juli 2010 at 22:37


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