Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!

with 12 comments

„Wo ist hier der Verletzte?“
Etwas atemlos betrete ich den Waggon Nr. 23. Stickige Hitze schlägt mir entgeen, dazu eine Wolke aus dem säuerlichen Aroma von Erbrochnem.
„Sind Sie der Doktor?“ fragt ein Uniformträger. Natürlich weiß ich, dass es sich nicht um einen Schaffner sondern um einen Zugbegleiter handelt oder vielleicht sogar um den Zugchef persönlich.
„Ja, ich bin Arzt,“ sage ich, nenne meinen Namen und versuche, einen Blick auf den Endsiebziger zu erlangen, der da der Länge nach im Gang liegt, den Kopf auf ein Kleidungsstück gebettet, um ihn herum eine Lache aus… okay, lassen wir das.
„Geht schon!“ sagt er und will sich aufsetzen, „machen Sie sich nur keine Umstände!“
„Sie sind also einverstanden, dass dieser Herr die Reise fortsetzen kann?“ fragt Mr. Uniform.
Momentmal!
„Was ist denn passiert?“
„Er hatte einen Krampfanfall,“ erzählt ein anderer Passagier, „ist plötzlich bewußtlos geworden und zusammengeklappt und dann hat er erbrochen.“
Okeeh.
„Was ist Ihre Diagnose, Herr Doktor?“
„Geht doch schon wieder besser. Ist gar nicht mehr so schlimm.“
Mein Patient zwingt sich ein Lächeln ab, steht auf und setzt sich auf den kontaminierten Sitz.
„Wir brauchen jetzt eine Entscheidung ob wir anhalten sollen oder…“
Ich erinnere mich an das gastronomische Angebot aus dem Speisewagen, ähem, Bordbistro.
„Könnten Sie dem Herrn vielleicht ein Glas Wasser besorgen?“
Der Uniformträger wetzt los und kommt erstaunlich rasch mit einem Glas Sprudelwasser zurück.
Der ältere Herr lächelt dankbar.
„Und geht’s?“
„alles halb so wild!“
„Sie übernehmen also die Verantwortung, dass keine gesundheitliche Gefährdung besteht und…“
Ich drehe mich um.
„Ich bin noch nicht sicher, aber…“
„Ich lasse den Zug im nächsten Bahnhof anhalten und rufe einen Krankenwagen!“
Die Geschichte wird ja noch richtig spannend!

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Written by medizynicus

15. Juli 2010 um 07:33

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

12 Antworten

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  1. DU Artz! DU nix abklären! DU haben studiert! DU wissen alles! DU Verantwortung über alles und jeden! JETZT!

    lorem42

    15. Juli 2010 at 08:14

  2. Wenn es ein Krampfanfall (ohne ernsthafte Verletzung) bei bekannter Epilepsie ist, kann der ruhich weiterfahren…

    docangel

    15. Juli 2010 at 08:19

  3. jaja die leute denken man heilt durch handauflegen und beschwöhren;)

    Sylvia

    15. Juli 2010 at 10:25

  4. Ergänzung zu Sylvia: …oder durch bloße Anwesenheit…

    Benedicta

    15. Juli 2010 at 10:40

  5. @Sylvia: Etwa nicht? :->

    tibia

    15. Juli 2010 at 10:53

  6. „Sie übernehmen also die Verantwortung…“
    Unglaublich!

    Doc-M

    15. Juli 2010 at 11:50

  7. Dr. Cliff, wir haben wieder einen Hänger.

    Der Maskierte

    15. Juli 2010 at 14:05

  8. Den Zugchef oder auch Zugführer erkennt man durch seinen Roten Streifen am Ärmchen und eine grüne Signalkelle zur Fahrtfreigabe.

    nizagam

    15. Juli 2010 at 15:51

  9. Verantwortung ist die heiße Kartoffel, die jeder gerne zum Arzt rüber wirft.
    Was hier so schön anschaulich (und säuerlich riechend) beschrieben ist, passiert mit jedem Einsatz der Chipkarte in der Arztpraxis. Der Patient steckt das Ding in das Kartenlesegerät und die Verantwortung für Alles geht auf den Arzt über. Die 50 Jahre Rauchen und was weiß ich sind getilgt. Der Arzt hat die Verantwortung es zu richten. Schwere Verläufe werden Komplikation genannt und dem Arzt als Versagen aufgebürdet. Dieses „Abgeben von Verantwortung“ hat etwas Magisches.
    Dazu auch ein Cartoon&Gedicht. http://arztwehrdich.blogspot.com/

    Kreativarzt

    15. Juli 2010 at 16:39

  10. Na, das ist die Frage – weiß er, dass es ein Grand Mal war? Ich hatte ca. 7 Jahre epileptische und wusste es nicht ^^

    Chaoskatze

    16. Juli 2010 at 08:50

  11. Krampfanfall – igitt – ein Unwort!!! s. Chaoskatze
    Die Dinger heissen epileptische Anfälle !!! O.k. manche krampfen auch dabei, aber eben nicht alle, s. Kommentar vom Kätzchen

    drgeldgier

    16. Juli 2010 at 23:28

  12. Es scheint öfters so zu sein, dass man vorallem darauf abzielt, die potentiellen juristischen Konsequenzen gering zu halten—nicht darauf, ein Problem tatsächlich zu beheben. Was hier gelaufen ist, kann ich mangels Hellseherfähigkeiten nicht sagen, aber wenn ich basierend auf Erfahrungen aus anderen Zusammenhängen spekulieren sollte:

    Die Bahn (ggf. auch der Zugführer als Individuum) hat zwei Abwägungen:

    1. Kosten durch eine etwaige Verspätung durch einen Krankentransport.

    2. Kosten, Fahrlässigkeitsklagen, u.ä. bei einem Todesfall (oder sonstige schwerwiegende Komplikationen).

    Hierbei möchte man gerne das „Kein Gefahr!“ hören, denn dann kann man unbesorgt ohne Verspätung weiterfahren. Diese Aussage (oder Deutung der Aussage) wird dann gerne forciert (sicher zum großen Teil aus Wunschdenken, nicht reinem Zynismus). Sollte der Patient/Passagier doch sterben, kann man auf den Arzt zeigen und sich mit Agieren in guter Glaube ausreden.

    Wenn aber „Gefahr!“ die Antwort ist, muss man sich das Problem sonstwie entledigen.

    michaeleriksson

    17. Juli 2010 at 07:27


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