Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Lassen Sie mich Arzt, ich bin durch!

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Also gut, ich muss ja noch erzählen, wie die Geschichte ausgegangen ist. Kann Euch ja nicht immer an den Klippen hängen lassen. Also gut:
Wenige Minuten später gibt’s also einen langgezogenen Quietscher, Koffer werden krampfhaft festgehalten und manch einem schwappt auf dem Weg vom Bordbistro der Kaffee über die Vorderflossen. Zum Glück ist der grundsätzlich immer lauwarm, sonst hätte ich noch die eine oder andere Verbrühung zu behandeln.
„Meine Damen und Herren, unser Zug hält außerplanmäßig in Kleinkleckersdorfhausen. Wir bitten Sie, nicht auszusteigen, dies ist ein außerplanmäßiger Halt!“
Am Bahnsteig stehen schon zwei rotgewandete Herren mit einer Krankentrage und vorn auf der Zufahrtsstraße zum Bahnhofsgebäude sehe ich das zugehörige Fahrzeug.
„Äh, es geht aber schon wieder!“ sagt mein Patient müde lächelnd, „ich glaube, ich fahre lieber weiter!“
„Entschuldigung, aber die haben hier jetzt extra für Sie…“
„Nee, ich brauche doch nicht ins Krankenhaus!“
„Nicht?“
„Nee, wirklich nicht!“
„Und Ihnen geht’s wirklich besser?“
„Ja, selbstverständlich!“
„Keine Schmerzen? Keine Übelkeit? Kein Schwindel?“
„Nee, gar nix! Ich steige eh die nächste Station aus.“
„Wie lange dauert das noch?“
„Normalerweise eine Dreiviertelstunde…“
Der Uniformträger wird ungeduldig.
„Jetzt sagen Sie dem Mann gefälligst….“
„Wenn er nicht will…“
„Auf Ihre Verantwortung!“
Ich trete hinaus auf den Bahnsteig und rede mit den Rettungsdienstlern. Ein paar Neugierige stehen herum und natürlich ein paar Nikotinjunkies, welche die Chance nutzen.
Ein paar Minuten später fährt der Zug weiter, mein Patient immer noch an Bord.
„Entschuldigung, Herr Schaffner, ich meine Herr Zugchef, könnte man nicht vielleicht am nächsten Bahnhof einen Krankenwagen…?“
„Hat er doch abgelehnt!“
„Dann vielleicht zumindest jemanden von der Bahnhofsmission, der ihm mit dem Gepäck hilft?“
„Gibt’s da nicht!“
„Vielleicht einen Kollegen von Ihnen? Nur einfach zur Sicherheit….?“
„Mal sehen!“
Mal sehen heißt natürlich soviel wie: jetzt kannste mich mal kreuzweise. Also steige ich gemeinsam mit dem Herrn aus, helfe ihm mit seinem Gepäck bis zum Taxistand und nehme ihm das heilige Versprechen ab, sich dennächst irgendwann mal bei seinem Hausarzt vorzustellen.

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Written by medizynicus

18. Juli 2010 um 09:58

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Eine Antwort

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  1. dann war das wohl nicht der zug aus sylt, mmh?

    vert

    18. Juli 2010 at 17:19


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