Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Demnächst in Ihrer Apotheke…

with 8 comments

Wir befinden uns in Süd-Spelunkistan. Wie der geneigte Leser weiß, verfolgt die dortige Regierung einen radikal marktwirtschaftlich-freiheitlich-kapitalistischen Kurs und hat sich aus Allem herausgezogen, was Geld kostet… ähem…. also, aus allem, was den Staat nichts angeht, meine ich natürlich…. ähem, also, ich meine, die Regierung hat ihren Haushalt erfolgreich konsolidiert, saniert und so weiter.
Wir befinden uns in einer kleinen Apotheke irgendwo am am Rande einer großen Stadt.
Der kleine Kevin (neunzehn Jahre) hat gerade seine Bestellung aufgegeben.
„…ach ja, und dann hätte ich gerne noch drei Packungen Heroin und fünfzig Gramm Canabis. Das wär’s dann.“
„Da hätten wir gerade ein Sonderangebot: Fünf Packungen zum Preis von vier und eine große Tüte Kondome gibt’s gratis dazu!“
„Nein danke, ich bin momentan single. Brauche grad keine Kondome.“
„Nun, man weiß ja nie…“
Der Apotheker lächelt süffisant.
„Ach, Sie glauben wohl, ich gehe auf den Strich? Das ist ja wohl das hinterletzte!“
„O, Sie haben Recht! Unsere Preise sind so unschlagbar günstig, da braucht man sich keine Gedanken mehr um die Finanzierung…“
„Was reden Sie da? Ich habe einen ganz normalen Job!“
„Stimmt, ich vergaß. Seitdem nach der Quarz-vier-Reform die Sozialhilfe abgeschafft worden ist…“
„…sind schon mehrere Kumpels von mir verstorben. Einer ist im Winter im Suff erfroren, ein anderer hat sich letztens den Goldenen Schuß gesetzt.“
„Deshalb steht ja auch jeder Packung der vorgeschriebene Warnhinweis: Achtung, Heroin macht abhängig!“
„Nun ja, wenn man mit dem Zeug umgehen kann, dann kann man ja trotzdem im Alltag ein ganz normales Leben führen…“
„Da bleibt Ihnen auch nichts anderes mehr übrig, nicht wahr? Therapien gibt’s ja auch nicht mehr!“
„Sind aber auch nicht mehr notwendig, wenn Sie mich fragen. Heroin drücken ist ja inzwischen so normal wie Zigarettenrauchen.“
„Ja, und der Staat freut sich auch. Einmal verdient er natürlich an der Steuer, und dann sind die Ausgaben für Polizei und Justizvollzug ja dramatisch gesunken…“
„Naja.“
„Was meinen Sie?“
„Weniger Verbrecher gibts deswegen nicht!“
„Wie meinen Sie das?“
„Die Mafia hat doch längst einen neuen Aufgabenbereich gefunden!“
„Was denn? Cybercrime?“
„Nee! ganz was Anderes!“
Der Apotheker schüttelt den Kopf.
„Erzählen Sie!“
Kevin beugt sich nach vorn und schaut sich vorsichtig um.
„Medikamentenfälschungen!“ flüstert er leise, „aber: psst! Von mir wissen Sie das nicht!“

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Written by medizynicus

28. Juli 2010 um 07:22

Veröffentlicht in Nachdenkereien

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8 Antworten

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  1. Familie am Frühstückstisch, ebenfalls Süd-Spelunkistan.
    „Schatz, bringst Du nach der Arbeit noch Ritalin aus der Apotheke mit? Den Kindern gebe ich heute die letzten Tabletten mit in die Schule, aber morgen schreibt Liz eine wichtige Klausur, da sollte sie genug haben. Du kannst ja fragen, ob sie wieder Vigil da haben, dann könnte Liz noch die Nacht durchlernen.“
    Der Vater seufzt.
    „Kinder, was könnt Ihr froh sein, dass wir es uns leisten können, Eure Schulkarriere zu fördern. Unterschicht- und Quarz IV-Kinder in der Abfall-Schule werden nie die Chancen haben, die Ihr habt. Na ja, irgendwer muss ja auch unseren Müll wegräumen und die Straßen sauber halten, nicht wahr?“

    analysed

    28. Juli 2010 at 10:04

  2. Ein bisschen sehr schwarzmalerisch, finden sie nicht?

    Freierfall

    28. Juli 2010 at 14:27

  3. Übrigens: Die Ablösung für Drogenschmuggel ist auch die Software-Piraterie. Denn die hat gegenüber den Drogen den Vorteil, dass Urheberrechtsverletzung mit praktisch „nichts“ bestraft wird und die Profite sind ähnlich hoch. Zudem können die geleichen Transportkanäle wie für die Drogen benutzt werden…

    lorem42

    28. Juli 2010 at 16:35

  4. @lorem42: Danke für die billige Propaganda der Contentmafia. Wo sind bitteschön Profite bei Urheberrechtsverletzungen rauszuschlagen? U-Boot ahoi, sag ich nur…

    lupo

    28. Juli 2010 at 20:00

  5. Ein neues Aufgabengebiet für die Mafia wäre auch:
    Steuerdaten-CDs anbieten.

    Karl H.

    28. Juli 2010 at 21:02

  6. @lupo: Ich rede (schreibe) nicht von downloads von „Progrämmchen“ oder „Liedchen“ und Filmen, die sowieso niemand sehen will, aus dem Internet. Ich meine das Hersetllen von täuschend echten Kopien (inkl. Schachteln mit holographischen „Siegeln“, CDs & deren Hüllen, beiligender Papierkram, Registrierschlüssenl, … etc.) von echt teurer Software, z.B. windows Server, Oracle DB, die ganzen Adobe Sachen, und, und, und, … wo dann sogar die Experten der Hersteller Probleme haben, die gefälschte Box vom Original zu unterscheiden.
    So werden diese Fälschungen über die globalen Drogentransportkanäle transportiert und in die lokalen Märkte eingeschleust…
    Z.B. hergestellt für vielleicht 30 oder 40 Euro und verkauft für 700.- …. da ist doch ein gewisser Profit ersichtlich, oder?

    lorem42

    29. Juli 2010 at 09:08

  7. @lorem42: Ist das echt so ein Milliardenmarkt? Hast Du dafür ne einigermaßen unabhängige Quelle? Klar, Profit kommt da ne Menge raus und das Risiko ist geringer. Organisierte Kriminalität ist halt auch nur die illegale Form normalen Business: möglichst billig produzieren, wenig Risiko eingehen, teuer verkaufen. Wieso noch Drogen verticken, hohe Haftstrafen riskieren und komplizierte und teuere hierarchische Vertriebswege nutzen?

    lupo

    29. Juli 2010 at 11:19

  8. Da war mal, zugegeben ein paar Jahr her, ein Artikel in der Weltwoche.
    Aber in Googel findet man mit den Stichworten „piracy software bootleg“ auch noch aktuelle Artikel.
    Wobei „bootleg“ soviel wie „Schwarzpressung“ bedeutet.

    lorem42

    29. Juli 2010 at 15:48


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