Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Hausarzt müsste man sein

with 9 comments

„Wissen Sie was? Hausarzt ist der beste Beruf, den es gibt!“
Kaiser Wilhelm strahlt. Gerade hat er wieder einmal höchstpersönlich einen seiner Patienten bei uns in der Notaufnahme abgeliefert und sich mit Handschlag von ihm verabschiedet.
Dann hat er uns noch eine ausführliche Übergabe gemacht – einen ausgedruckten Medikamentenplan hatte er zwar nicht dabei – „der Patient hat alles dabei, der sagt schon selber, was er nimmt“ – aber dafür hat er uns genau gesagt, was wir jetzt tun und lassen sollen.
„Keine Sekunde lang habe ich meinen Beruf bereut! Und ich mache das jetzt schon seit vierunddreißig Jahren, wissen Sie?“
„Aha?“
„Aber Eines sage ich Ihnen: Gut müssen Sie sein!“ er senkt die Stimme ein wenig, „schlechte Ärzte gibt’s wie Sand am Meer. Gut müssen Sie sein, absolute Spitzenklasse, dann erwerben Sie sich den Respekt Ihrer Patienten!“
Welch bahnbrechende Neuigkeiten.
„Hmmm.“ sage ich diplomatisch.
„Wissen Sie was, wenn Sie gut sind, dann werden Sie von ihren Patienten angehimmelt. Richtig angehimmelt, wissen Sie? Dann sind Sie nicht nur der König…“
Sondern der Kaiser, ich verstehe schon, Herr Kollege.
„Wie meinen Sie das denn?“
„Ja wissen Sie, wenn ich mal einen Schreiner brauche…“, Kaiser Wilhelm lächelt vielsagend, „…und beim Metzger bekommt meine Frau auch immer die besten Stücke!“
Ach ja.
Und ich dachte immer, diese Zeiten wären vorbeil

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Written by medizynicus

29. Juli 2010 um 06:51

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

9 Antworten

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  1. Lieber Medicynicus, das geht unter die Gürtellinie! Entweder ist man „guter Hausarzt“, dann bekommt man „alles“, oder man bekommt nix, dann …

    Aber leider kenn ich auch einige derartige Kollegen, die gar nicht begreifen, warum sie von den Patienten so umsorgt und „verehrt“ werden und deshalb – irrtümlich – annehmen, das sei die Dankbarkeit, weil sie so gut seien!

    Wenn man als (Haus-)Arzt von der Bevölkerung (den potentiellen Patienten) gehätschelt wird, dann nicht aus Dankbarkeit (doch ja, gibt’s hin und wieder auch mal, aber selten), sondern vielmehr aus ängstlicher Erwartung („wenn ich mal krank bin, und der Doktor war mit mir nicht zufrieden, dann …“)

    der Landarsch

    29. Juli 2010 at 08:51

  2. Kann es sein dass der Gute dir einfach nur seine Praxis aufschwatzen will? 😀

    drmang

    29. Juli 2010 at 09:41

  3. Tja, eine Hand wäscht die andere…
    Allerdings frage ich mich da schon, wie der gute zu Patienten ist, die nicht zufällig Schreiner, Metzger oder die Lehrer seiner Kinder sind.

    zimtapfel

    29. Juli 2010 at 12:38

  4. Der probiert sich selber bloß gut zu reden. Und ich schließe mich drmang an: der will dir die Praxis aufschwatzen. Guck mal besser die Krankenakte des Patienten durch…. irgendwo müsste der Grundriss mit Lageplan und Inventarangaben versteckt sein 😉

    ichbinines

    29. Juli 2010 at 13:35

  5. Wenn Du die Botschaft loswerden wolltest:” Hausärzte sind träge, schwadronierende alte Säcke, die offenbar die Freizeit haben den fixen Durchblickern in der Klinik die Zeit zu stehlen und dabei ein peinliches Maß an Selbstüberschätzung gepaart mit Nassauertum so dämlich zur Schau stellen, dass es sogar dem letzten Blödzeitungsleser auffällt, dann, fixer Medizynikus, dann hast Du die Geschichte richtig geschrieben.
    Wolltest du aber nur mal eines der übelsten Mentalfossilien der 50er Jahre präsentieren um zu zeigen, was Hausarztmedizin in Dingenskirchen unter dem Einfluss der Sonnenflecken im Sommerloch hochrülpst, dann sei Dir verziehen.

    Dr.Offenraus

    29. Juli 2010 at 14:15

  6. Abgesehen vom bereits Gesagten:

    Diese Zeiten kommen wieder. Als gelernter Ossi habe ich zumindest immer öfter ein Déjà-vu.

    Wenn ein Kassenpatient mit einer Überweisung bei der Kardiologin um einen Termin anfragt, blättert die Schwester an der Aufnahme 3 (drei) Monate im Bestellbuch vor.
    Wenn der Tischler (nicht privat versichert) bei der Kardiologin anruft, bekommt er noch am gleichen Tag einen Termin und den Folgetermin für eine komplette Untersucheng noch in der gleichen Woche.
    Die defekte Schranktür in der Praxis wird aber nach einem Anruf eben auch noch am selben Tag repariert.

    Die Devise lautet auch heute wieder in vielen Bereichen: Entweder Beziehungen oder viel Geld.

    PS: Das Geschilderte ist nicht fiktiv.

    Matthias

    29. Juli 2010 at 17:48

  7. @Dr.Offenraus
    …im eigenen Blog über ALLE Apotheker herziehen und sie als überflüssig bezeichnen, aber bei Vorstellung EINES kautzigen Hausarztes durch medizynicus die beleidigte Leberwurst spielen…

    Antje

    29. Juli 2010 at 22:41

  8. Nö, die Zeiten sind nicht vorbei und werden sie auch nie sein. Gibt es in jedem Bereich. Wir Rheinländer nennen sowas Klüngel. Ist manchmal gar nicht so übel, je nachdem, was man braucht… 😉

    Habe übrigens alten blog, neuen blog und Buch von Dir gelesen und bin schwer begeistert! Fast so gut wie die Heldin 😀

    Nina

    29. Juli 2010 at 23:38

  9. Die jungen Ärzte haben einfach ein Satire Problem heutzutage, aber ein gravierendes…Die können ihren Job gar nicht mehr wirklich ernst nehmen vor lauter ironischer Blogeinträge über ihre älteren Kollegen…

    blogwesen

    31. Juli 2010 at 03:58


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