Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Hausärzte sind Helden

with 8 comments

Kaiser Wilhelm streckt mir seine Hand entgegen.
“Herr Kollege, ich bringe Ihnen die Frau Welfenstein!“ sagt er mit feierlich-fester Stimme, die keinen Widerspruch duldet.
„Was können wir für die Dame tun?“
„Jetzt geht’s schon wieder etwas besser,“ fährt Kaiser Wilhelm fort, „aber vorhin, da hätte ich fast den Notarzt gerufen!“
„Okay?“
„Die Nachbarn haben mich angerufen. Aus der Wohnung von Frau Welfenstein käme Rauch…“
Aha? Ich wusste gar nicht, dass Hausärzte gelegentlich auch die Aufgaben der Feuerwehr übernehmen.
„…ich bin also sofort hingefahren,“ fährt Dr. Kaiser fort, „bin mit meinem Zweitschlüssel in die Wohnung gegangen und habe Frau Welfenstein auf dem Fußboden in der Küche liegend aufgefunden. Der Qualm kam von einer Bratpfanne. Ich reiße also das Fenster auf, nehme die Pfanne vom Herd und kümmere mich um meine Patientin. Der Blutzucker war bei knapp dreißig. Ich habe ihr also Glucose gespritzt, da ist sie wieder zu sich gekommen. Puls und Blutdruck waren stabil, also habe ich sie ins Auto gepackt und hergebracht…“
Jeder Andere hätte einen Krankenwagen geholt. Nur Kaiser Wilhelm bringt seine Patienten persönlich her.
„Vielen Dank, Herr Kollege!“
„Keine Ursache. Kümmern Sie sich halt um die Dame und geben Sie mir bei Gelegenheit Bescheid!“
Dann geht er langsam über den Flur in Richtung Ausgang, in der linken Hand seine altmodische Arzttasche haltend und mit der rechten Hand immer wieder zu allen Seiten hin grüßend.
, während sich in der Eingangshalle zahlreiche Patienten nach ihm umdrehen.
Es fehlt nicht viel und sie würden sich verbeugen.
Frau Welfenstein ist längst bei Bewußtsein, zwar noch ein wenig matt, aber sie strahlt übers ganze Gesicht.
„Wenn der Herr Doktor mich nicht gefunden hätte…“ sagt sie.
Dann hätten die Nachbarn wohl die Feuerwehr gerufen. Und den Notarzt. Und wir hätten uns so oder so hier getroffen.

Advertisements

Written by medizynicus

2. August 2010 um 06:39

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Tagged with , , ,

8 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Neidisch? Von eigenen Job frustriert? Hättest du vielleicht auch gerne ein bisschen mehr Anerkennung der Patienten? Werde doch auch Allgemeinmediziner, mache deine Arbeit gut undv ielleicht hättest du dann auch nicht mehr das Bedürfnis solche Storys zum Besten geben 😉

    Drmang

    2. August 2010 at 09:36

  2. Ach ja, wo ich es gerade lese: Dieser Hausarzt wäre auch fast zum Helden geworden, Menningokokkensepsis korrekt diagnostiziert und Patientin in die Klinik einliefern lassen. Leider hatten die Klinikärzte was dagegen….

    http://www.dailymail.co.uk/news/article-1298960/Woman-25-dying-blood-poisoning-texted-photos-deadly-rash-mother-doctors-ignored-her.html

    Drmang

    2. August 2010 at 09:41

  3. Oha, da hat aber jemand zu viele Aggressionen zum Frühstück gehabt.

    Rocket

    2. August 2010 at 14:09

  4. Hach ja, mein alter Hausarzt war auch so einer 🙂 Mittlerweile ist er im wohlverdienten Ruhestand. Aber zu ihm bin ich immer gern gegangen. Nett, kompetent, immer einen kleinen Witz zu erzählen. Und wenn es mir mal wirklich schlecht ging war ein Hausbesuch kein Problem, egal wann…

    krankeschwester

    2. August 2010 at 16:02

  5. … mein Hausarzt ist auch so, zwar noch jung aber sehr beliebt und reißt sich für die Patienten ein Bein aus. Schmeiß mal Deine Knurrigkeit über Bord und schau mal genauer hin, dann wirst Du feststellen wieviele Patienten/innen Dich mögen. Du mußt es halt auch mal zulassen. ;-).

    Lebensumbau

    2. August 2010 at 16:18

  6. Ist halt Superman, da kann man nichts machen. Hat er denn Zweitschluessel fuer saemtliche Domizile seiner Patienten?
    Finde es aber gut, dass er sich so sehr um seine Patienten kuemmert. Da koennten sich einige Aezte eine Scheibe abschneiden.

    My Kitchen in the Rockies

    2. August 2010 at 17:23

  7. An der Tatsache, dass der Hausarzt einen Patienten reinschickt (ob selber an gebracht ist egal) wird nie was geändert werden können. In der Beschreibung dieses Hausarztes kommt diesmal zwar etwas mehr Positives rüber als letztes Mal aber er verdrängt den kliniker so bräsig, dass ich die Wut deutlich spüren kann. Woher kommt die Aggression?
    Der Klinikarzt hat zwei Möglichkeiten mit der Aufnahmesituation umzugehen. Möglichkeit eins: Er gibt seinem Vögelchen Wasser und kippt Odel über die ach so schlimme Qualität der Einweisung aus, eigentlich nur, weil er selber überarbeitet ist. Der Funk piepst dauernd, ein Patient auf Intensiv muss genau jetzt gesehen werden und die Schwester sagt, Blutabnehmen sei nicht in ihrer Job-descripion. Drüben im Kreissaal können die Hebammen auch kein EKG anlegen, das muss vor der Einleitung auch noch gelaufen sein. Möglichkeit zwei: Er verbirgt seinen Stress und Frust und gibt sich Mühe zu dem einweisenden Hausarzt ausgesprochen nett zu sein. Die Unausweichlichkeit der Situation zu seinem Vorteil verkehrend bedankt er sich für die telefonische (oder persönliche) Übergabe und nimmt den Patienten selbstverständlich und freundlich an. Durch Möglichkeit eins kann er eine von hundert Einweisungen verhindern. Sein Ruf und der der Klinik sinkt bei den Hausärzten ins Bodenlose. Seine Anspannung steigt durch den belehrenden Dauerkampf mit den Einweisern. Durch Möglichkeit zwei wird er und sein Haus sehr beliebt, man nennt ihn höflich und kompetent und wird ihn später, wenn er mal in der Gegend Niedergelassener würde, sehr kollegial und freundlich aufnehmen.
    Mein Vorschlag: Selbst solche Comics wie Kaiser Wilhelm mit Charme einwickeln und der Chef im Haus bleiben.

    Kreativarzt

    2. August 2010 at 21:17

  8. Ich finde man sollte ihm ein eigenes Denkmal und eine Homepage widmen…: Geschichten von Kaiser Wilhelm…Der Retter in der Not. Das wäre dann ein echter Arztroman…

    Und was ich gelernt habe:
    Ich sollte meinem Hausarzt meinen Zweitschlüssel geben..Nur falls es mal brennt…
    Mein Hausarzt wäre sicherlich BEGEISTERT, wenn ich ihm das vorschlagen würde…

    blogwesen

    4. August 2010 at 05:29


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: