Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Was man mit Krankenkassendaten alles anstellen kann

with 9 comments

Szene aus einem drittklassigen Krimi:
In einer regnerischen Novembernacht treffen sich zwei Gestalten – selbstverständlich mit Schlapphut und Trenchcoat – in einem abgelegenen Waldstück.
Ein kleines Aktenköfferchen wechselt den Besitzer. Im Gegenzug gibt es ein etwas dickeres Briefkuvert.
Was drin ist?
Eine CD. Darauf ist keine Steuersünderkartei sondern die Abrechnungsdaten einer mittelgroßen Krankenkasse. Alle Mitglieder. Mit allen ihren Diagnosen.
Was man mit diesen Daten anfangen kann?
Nun – so erfährt der Chef demnächst aus sicherer Quelle alles über den Gesundheitszustand seiner Angestellten. Und der Lebensversicherer besorgt sich schon einmal prophylaktisch die Daten aller chronisch Kranken. Nur für den Fall, dass der eine oder andere von denen demnächst mal eine Versicherung abschließen möchte. Und der fremdgehende Ehemann kann seiner Frau die Syphillis-Behandlung nicht mehr verheimlichen.
Klingt absurd?
Nee.
Anfang dieses Jahres
soll ein geheimnisvoller Unbekannter eine Krankenkasse erpresst haben. Im Falle einer Weigerung wurde angedroht, Patientendaten zu veröffentlichen.
Was war passiert? Die Kasse will Geld sparen. Sie lagert Teile ihrer Verwaltungsarbeit an Subunternehmer aus. Diese jedoch nahmen es mit dem Datenschutz nicht so genau, Mitarbeiter können offenbar sensible Patientendaten auf ihre privaten Computer downloaden und nach Lust und Laune damit verfahren.
Das perverse daran: Im Gegensatz zur Privatwirtschaft sind die Datenschutzregeln relativ lax. Kostendruck tut ein Übriges, so dass die Krankenkassen gar keine Veranlassung haben, pfleglich mit den Daten ihrer Mitglieder umzugehen.
Wie können Sie sich dagegen schützen?
Tatsache ist: Daten, welche einmal losgelassen worden sind, lassen sich nie wieder einfangen.
Und die Moral aus der Geschichte: Nach Möglichkeit erst gar keine Daten entstehen lassen.
Also besser nicht zum Arzt gehen, wenn es peinlich werden könnte.

Advertisements

Written by medizynicus

3. August 2010 um 07:34

9 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Warum wohl sind unsere Politiker n-i-c-h-t gesetzlich krankenversichert? Ein Schelm ….

    der Landarsch

    3. August 2010 at 07:48

  2. Lieber Landsarsch,

    eine große Zahl „Politiker“ aller Ebenen, vom kommunalen Ratsmitglied bis (selbstverständlich) zum Bundestagsabgeordneten und Bundesminister sind gesetzlich versichert. Das Gegenteil zu behaupten, ist schlicht gelogen.

    Du bist ein Ideologe, der keine Ahnung von der realen Welt hat, aber aus deinem selbst gebastelten Bild lautstarke Beschwerden und Forderungen erhebt.

    Marc B.

    3. August 2010 at 08:14

  3. Warum fordern wohl ITler seit Jahren DEFTIGE Strafen bei Vergehen gegen Datenschutz?

    @Marc
    Ich vermute er sprach eher von den „höheren“ Politikern. Ich weiß da auch nichts genauers, aber ich vermute nicht das Kohl, Merkel, Koch und Beust sich im gleichen Wartezimmer aufhalten wie ihre Untertanen. Wirklich nicht. Aber wenn du uns (mit Quellen) etwas besseren belehren willst, nur zu…

    Felix Nagel

    3. August 2010 at 10:26

  4. @ Marc, wenn das tatsächlich so ist, von wegen Mehrheit, bin ich gerne bereit meinen Fehler einzugestehen und das Gegenteil zu behaupten.

    Ich habe wohl – statistisch unzulässig – von dem Landtagsabgeordneten, den ich die Ehre habe medizinisch zu betreuen, auf die Mehrheit geschlossen. Der ist nämlich privat! Ebenso natürlich ein paar politische Beamte unter meinen Patienten.

    der Landarsch

    3. August 2010 at 11:36

  5. … auch bei den Privaten ist nicht alles 100 % sicher!!!

    DocConsult

    3. August 2010 at 12:36

  6. Bundestagsabgeordnete sind wie Beamte überhaupt, selbstverständlich NICHT pflichtversichert.

    Auch wer dies nicht weiß, findet es als GKV-Versicherter schnell heraus:

    Würde unser Krankenkassen- und Gesundheitssystem nämlich sonst heute so aussehen wie es eben aussieht?

    Matthias

    3. August 2010 at 22:03

  7. @Felix Nagel

    Bei Norbert Blüm weiß ich es persönlich, dass er zu jeder Zeit seiner politischen Karriere gesetzlich versichert war. Einer der prominenteren SPD-Gesundheitspolitiker erwähnte es auch immer wieder, ich meine es war Rudolf Dressler (bevor er Botschafter wurde). Ein mir bekannter bayerischer Landtagsabgeordneter ist ebenfalls gesetzlich versichert.

    Gemeinderäte sind ehrenamtlich tätig (und erhalten eine Entschädigung für den Zeitaufwand), die sind also gar nicht betroffen, Abgeordnete haben die Wahl ob sie sich privat oder gesetzlich versichern wollen, wobei die Diäten in allen mir bekannten Ländern und im Bund über der Beitragsbemessungsgrenze liegen.

    Wer aus einem Beamtenverhältnis in ein Parlament gewählt wird, wird natürlich seine private Versicherung fortführen. Aber wer erst im fortgeschrittenen Alter in ein Parlament gewählt wird, für den ist die PKV nicht unbedingt attraktiv. Und für eine Reihe Politiker aus der gewerkschaftlichen Ecke ist es eine Ehrenfrage in der GKV zu bleiben.

    @Landarsch: Von Mehrheit habe ich nicht gesprochen.

    Marc B.

    3. August 2010 at 22:30

  8. Um mal zum Topic zurückzukommen. Dass sich Lebensversicherer vorab informieren wollen und dafür zahlen ist Quark Medizynicus.
    Die Kohle fließt höchstens um den Image-Schaden zu verhindern.
    Den echten Irrsinn hat noch niemand bemerkt! Jeder der so eine Lebensversicherung braucht ( von Wollen keine Rede, denn für jede Kreditabsicherung in der Selbständigkeit ist das zwingend) wird ERPRESST sämtliche Daten freizugeben. Die unsäglich verpennte Ärztekammer hat da nie Einspruch erhoben damit es verboten würde, vom Hausarzt, gegen “Schweigepflichtsentbindung” SÄMTLICHE Daten zu fordern.
    Die persönlichsten Diagnosen werden diesen Versicherungen vom persönlichsten Vertrauten rübergeschoben. Zustand nach Penisverlängerung und Impotenz ebenso, wie Alkoholdelir, Depression oder Geschlechtskrankheiten. Denk Dir das Peinlichste aus. Genau das bekommt die Versicherungsschlange vom erpressten Patienten via Schweigepflichtsentbindung ausgeliefert. Da brauch ich keinen Schlapphutheini. Das ist der erpresste Patient selber.

    Dr.Offenraus

    4. August 2010 at 19:56

  9. Für so eine wichtige Entscheidung, sollte sich jeder die 5 Zeit nehmen finde ich.

    Grüße,

    Volker – S.m.M

    neee, so gehts nicht, Leute!“(d. Red.)

    Gratis*************

    4. September 2010 at 13:04


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: