Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Der Mörder ist immer….

with 8 comments

…der Krankenpfleger.
Und zwar genau derjenige, der immer schon so ein bißchen komisch war. So’n Außenseitertyp halt, mit ziemlich schwarzem Humor.
Früher hat er in der Pathologie gearbeitet, da war’s besser, die Patienten haben wenigstens das Maul gehalten.
Jetzt ist er auf der Inneren, womöglich noch Geriatrie und die Patienten sind einfach nur lästig.
Also schleicht er sich nächtens – da ist er allein auf Station – heimlich an das Bett von Frau Brettschneider und stupst sie vorsichtig an.
„Hallo, ich bin Dein Todesengel!“ raunt er ihr ins Ohr, als sie zum letzten Mal die Augen aufschlägt kurz bevor er ihr ein Kissen auf den Mund drückt.
„War doch eh zu erwarten gewesen!“ sagt er dann am Morgen kurz vor Schichtwechsel zum Stationsdoc, „Ich wollte Dich nicht wecken deswegen!“
Stationsdoc reibt sich verschlafen die Augen und greift zum Kuli um den Totenschein auszufüllen.
Klingt wie ein billiger Krimi?
35 solcher Todesengel soll es in den letzten 40 Jahren in Deutschland gegeben haben, und 326 Opfer haben sie auf dem Kerbholz. Macht fast 10 Opfer pro Täter.
Und das sind nur diejeniger Fälle, welche publik geworden sind.
Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß keiner.
Und klar ist: Gemordet wird weiter. Von Pflegepersonal, von Angehörigen und von Ärzten. Ja, auch von Ärzten.
Und ich spendiere einen Kasten Bier, wenn nicht innerhalb der nächsten zehn Jahre auch mindestens ein Arzt wegen derartiger Verbrechen im Dienst vor Gericht stehen sollte.

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Written by medizynicus

18. August 2010 um 06:32

8 Antworten

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  1. Es gab da einen hochinteressanten Bericht über ein Krankenhaus in New Orleans bei dem Hurrican.
    Die Klink abgeschnitten von der Außenwelt, die verbleibenden Patienten und Mitarbeiter werden nach und nach ausgeflogen. Es gibt aber auch Patienten, die man nicht aufs Helipad bekommt. Zu schwer. Zu instabil. Das Personal irgendwann total erschöpft. Zurückbleiben geht auch nicht, weil inzwischen Banden plündernd durch die Gegend ziehen. Ende vom Lied: Verschiedene Ärzte stehen vor Gericht, weil sie knapp 40 Patienten getötet haben sollen.
    Klar, eine Extremsituation aber trotzdem übel

    http://www.nytimes.com/2009/08/30/magazine/30doctors.html

    Zum „Normalfall“ denke ich, dass grade bei Ärzten auf Intensiv- und Palliativ-Stationen die Grenze zwischen „Schmerzen lindern“ und „Gnadenstoß geben“ fließend ist. Da dürfte es täglich vorkommen, dass ein Arzt bewusst beim Schmerzmittel etwas hoch greift.

    Und ich persönlich habe schon erlebt, wie ein NA einer CA-Patientin mit infauster Prognose recht detailiert erklärt hat, wie sie vom Hausarzt Morphium verschrieben bekommt und damit „das ganze abkürzt“.

    o2junkie

    18. August 2010 at 12:21

  2. Das Thema ist zu ernst, um mit einem Kasten Bier zu wedeln, Verzweiflung und Überlastung, Schmerzen und hilfloses Zusehen und noch so viele Gründe mehr.
    Und wagemutig ist es, das Wort Abkürzung einzubringen, dagegen kann ich nur fragen, ist verlängern wirklich immmer menschlich?

    Tekima

    18. August 2010 at 18:27

  3. Wenn der Pfleger mit dem Kissen arbeitet, dann ist das riskant für ihn. Der obligate Blick auf die Konjunktiven der Verstorbenen wird Petechien offenbaren. That´s it.

    o2junkie hat bestimmt noch nicht auf einer Geriatrischen oder einer Palliativstation gearbeitet. Ich habe es und ich kann gerade dort solche Exzesse eher ausschließen als auf anderen Stationen, wo der zähe Kachexietod seltener ist. Ich kann verstehen dass man so etwas dort erwartet aber es ist unrichtig.

    Kreativarzt

    19. August 2010 at 00:28

  4. Wenn ich solche Schlagzeilen wie in dem Link lese, dann wundere ich mich nicht mehr, dass viele Angehörige immer skeptischer und besserwisserischer gegenüber dem Pflegepersonal werden,..

    Seniorrita

    19. August 2010 at 01:03

  5. @Kreativarzt: OK, der Zusamemnhang zu dem Artikel passt nicht ganz. Mir ging es nicht um die „massenmordenden“ Todesengel sondern mehr darum, dass auf den genannten Stationen die Grenze aus meiner Sicht oft weniger eindeutig ist.
    Das „Kissen aufs Gesicht“ ist eindeutig. Aber ab wann wird aus „Schmerzen lindern“ eben ein „Erlösen“ und wie oft trifft ein Arzt oder Pfleger die Entscheidung, vielleicht auch unterbewußt, dass man da ruhig an der Dosierung noch etwas machen kann und nimmt dabei den Tod in Kauf oder kalkuliert ihn ein?

    In der Palliativmedizin ist man, wenn ich das richtig kenne, so weit, dass man nicht mehr um jede Minute Lebenszeit kämpfen will sondern mit Schmerzmitteln großzügiger ist, auch wenn es die Lebenserwartung senkt. Meiner Meinung nach eine vernünftige Entwicklung. Es ist nicht immer Menschlich, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen und dabei den Patienten leiden zu lassen.

    o2junkie

    19. August 2010 at 11:07

  6. @O2-Junkie: Den Artikel habe ich auch gelesen und hier sowie hier drüber gebloggt.
    Aber Sterbehilfe – wie umstritten sie sein mag – und Mord sind immer noch Zweierlei.
    Die „Todesengel“, um die es in dem Ärzteblatt-Artikel und dem darin erähnten Buch geht, haben aus verschiedensten Beweggründen gemordet…. nur selten waren es wirklich diese Palliativ-Erwägungen.
    @Kreativarzt: Mal Hand aufs Herz – achtest Du wirklich bei jeder hausärztlichen Leichenschau, bei der die Sache eigentlich ganz plausibel klingt auf Petechien in den Konjuktiven? In einer vollgeräumten, verräucherten Wohnung mit verheulten Angehörigen? Petechien an den Konjunktiven kennt man aus dem Lehrbuch. Schön. Aber selbst auf Station, in einem gut beleuchteten Krankenzimmer (ohne schlafende Mitpatienten) möchte ich nicht die dafür ins Feuer legen, dass ich es nicht übersehen könnte – schließlich denke ich in der Regel nicht daran, den hart arbeitenden Pflegekräften so etwas unterstellen zu wollen… vielleicht ein Fehler… wer weiss…..

    medizynicus

    19. August 2010 at 13:22

  7. Danke, jetzt weiss ich auch wieder, aus welchem Blog ich denk Link hatte.
    Sorry wenns thematisch nicht ganz gepasst hat, aber ich musste doch irgendwie dran denken…

    o2junkie

    19. August 2010 at 16:22

  8. Bin gerade ein paar Tage auf Rügen in Urlaub und daher die späte Reakton: Ich hatte gerade kürzlich im Notdienst einen Todesfall mit Petechien, was mich differentialdiagnostisch etwas aufmischte. Bei meinen eigenen Dorfpatienten aber läuft das nicht so wie oben beschrieben:“In einer vollgeräumten, verräucherten Wohnung mit verheulten Angehörigen“. Nein in der Hausarztpopulation, da kennt man „seine Pappenheimer“ Natürlich kann jeder in so eine „Mankell-Wallander-Situation“ geraten. Aber die Regel ist, dass Morde Beziehungstaten, aus der Umgebung initiiert sind. Die Mehrzahl der Todesfälle haben eine dem Hausarzt vertraute und erlebte Vorgeschichte. Alles braver Alltag, da verbergen sich keine Greueltaten. Es gibt ja diesen Pathologenspruch an die angehenden Mediziner: „Wenn auf allen Gräbern verkannter Mordopfer ein extra Kerzlein stünde, dann würden die Friedhöfe hell erleuchtet sein!“ Blanker derber Blödsinn! Dieser Spruch hält sich so toll am Leben, weil er eine poetische Edgar Alan Poe Anmutung hat. Der nachts leuchtende Friedhof als stumme Anklage an die übertölpelten Hausärzte. So etwas ist ein MEM! Eine virale Information, die sich selbst am Leben erhält. Dieses Bild allein ist für die Unterstellung der „übersehenen Morde“ im hausärztlichen Bereich verantwortlich. Das ist meine These. die ist natürlich ohne MEM-Eigenschaften und daher uninteressant (wie die Bezahlung für eine Leichenschau).

    Kreativarzt

    29. August 2010 at 18:14


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