Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for August 2010

Wie die Sache mit Frau Welfenstein wirklich war…

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Okay, Hausärzte sind Helden. Manche. Nicht alle. Manche mehr, manche weniger. Die meisten tun halt ihren Job, und das ist auch gut so. Mache ich ja auch nicht anders…
Also, die Sache mit Frau Welfenstein war nämlich in Wirklichkeit ganz anders:
Frau Welfenstein ruft in der Praxis an:
„Herr Doktor, kommensema, mir gehts nicht so gut!“
„Muss es sofort sein? Ich bin grad mitten in der Sprechstunde…“
„Mir geht’s nicht so gut…“
„Soll ich einen Krankenwagen rufen?“
„Nein, Herr Doktor, können Sie nicht kommen?“
Okay, der Herr Doktor ist also gekommen. Küche war voller Rauch, Patientin völlig benommen, aber ansprechbar. Hausarzt reißt das Fenster auf, misst Blutdruck und Zucker, Glucose bei fünfzig oder so.
Hausarzt spritzt Glucose.
„Ich hol‘ aber doch mal lieber einen Krankenwagen…“
„Nee, nicht nötig, Herr Doktor!“
Doktor läßt die Patientin allein, ruft dann aber von der Praxis aus die Leitstelle an und bittet um RTW ohne Notarzt.
Im RTW dann Glucose von 30, Patientin kollabiert erneut… Notarzt nachgefordert… und mit Blaulicht ins Krankenhaus.
Es ist halt nicht immer alles schwarz oder weiß….

Written by medizynicus

22. August 2010 at 06:45

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Wer will mit mir gehen?

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Ich habe mein Brötchen aufgegessen, die zweite Tasse Kaffee leergetrunken und schenke mir noch eine dritte ein.
Dann blicke ich in die Runde.
„Wer will denn mit mir gehen?“
Jenny kichert kurz. Als ich sie anschaue, wird sie rot.
Schwester Paula versteckt sich hinter der Zeitung, Schwester Anna beißt nochmal in ihr Brötchen, kaut, spült mit einem Schluck Kaffee nach, stöhnt hörbar auf und schaut dann betont gelangweilt in meine Richtung.
„Aber nur, wenn es nicht zu lange dauert, ja?“
„Früher haben die Ärzte immer alleine Visite gemacht!“ sagt Schwester Paula hinter ihrer Zeitung.
Ich nehme meine Kaffeetasse und stehe auf.
„Ist ja schon gut!“
„Ich komme doch mit!“ sagt Anna, „aber erstmal noch eine rauchen, ja?“
Ich nicke und verziehe mich mit der Kaffeetasse ins Dienstzimmer. Anna und Jenny tippeln an mir vorbei in Richtung Raucherbalkon.
Kurz darauf durchkreuzt ein disharmonisches „Düdelüdüt“ meine Pläne.
Anna kommt inmitten einer leichten Nikotindunstwolke zurück.
„So jetzt können wir!“
„Nee, geht nicht, ich muss runter in die Aufnahme. Habe einen Zugang…“
Das Spiel dürfte sich heute früh noch mindestens dreimal in ähnlicher Weise wiederholen.

Written by medizynicus

21. August 2010 at 07:19

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Wie Chirurgen sterben (Teil 7)

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Nach der Frühbesprechung nimmt der Chef mich zur Seite.
„Ich muss da noch was mit Ihnen besprechen…“
Oje! Die Kinnlade fällt mir gefühlte zwei Meter tief runter.
„…es geht um den Herrn Großbaum!“
Na klar, worum denn sonst? Wo ist hier der Notausgang? Oder der Knopf zum Unsichtbarmachen?
„Jetzt machen Sie sich mal keine Sorgen!“
Aha?
„Der Sohn hat Sie übrigens sehr gelobt. Sie hätten ihm sehr kompetent Auskunft gegeben. Er hat auch kurz mit seinem Vater telefoniert…“
Das weiß ich allerdings!
„Aber der Senior?“
„Ich hoffe mal, Sie haben das nicht zu persönlich genommen!“
„Nun ja… was die Verletzung der Schweigepflicht angeht…“
„Mit dem Sohn stehe ich schon seit Wochen in Kontakt. Ich halte ihn regelmäßig auf dem Laufenden, er weiß über alles Bescheid. Allerdings habe ich das nicht an die große Glocke gehängt. Es war ein dummer Zufall, dass er mich Freitag Nachmittag nicht erreicht hat. Mein Fehler. Ich hätte Ihnen Bescheid geben sollen.“
„Ich dachte, Herr Dr. Großbaum hätte keine Angehörigen…“
„Der Sohn hat sich sehr um ihn gekümmert. War sogar zweimal hier gewesen. Der Vater hat ihn nicht erkannt…“
„Nicht erkannt?“
„Oder nicht erkennen wollen. Das Verhältnis zwischen den Beiden war wohl in der Vergangenheit nicht einfach…“
„Und warum…?“
„Herr Großbaum schämt sich wegen seiner Krankheit. Er war sein ganzes Leben lang Choleriker. Ich kenne ihn ja von früher. Er kann es nicht zulassen, dass er jetzt keine Macht mehr hat. Vor allem nicht über die Leute, die er früher herumkommandiert hat. Ich glaube, er wird allmählich dement.“
„Und wie geht es jetzt weiter?“
„Der Sohn hat etwas organisiert. Es gibt da eine private Palliativklinik, so eine Art Hospiz. Das Problem ist der Transport. Aber ich werde dafür sorgen, dass Herr Großbaum heute noch dahin kommt. Ich darf Sie nur bitten, noch einen kurzen Verlegungsbericht zu schreiben…“
Nichts lieber als das.

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  • Written by medizynicus

    20. August 2010 at 10:49

    Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

    Wie Chirurgen sterben (Teil 6)

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    Herr Dr. Großbaum starrt an die Decke.
    Kein Röcheln, kein Schnaufen?
    Nur die Sauerstoffleitung zischt leise.
    Er ist doch nicht etwa…?
    Nein, er bewegt sich!
    „Guten Tag, Herr Doktor…“
    „Da sind Sie ja!“
    Seine Augen funkeln böse.
    „Ja, wie geht es Ihnen heute?“
    „Das war eine…“ – keuch – „…eine Schweinerei war das!“
    „Wie bitte!“
    „Eine unverfrorene Frechheit, eine…“
    Er zieht sich am Bettgalgen hoch und stützt sich dann mit beiden Händen ab.
    „…eine Unverschämtheit…“
    Er schnappt nach Luft.
    „Sie… Sie… angezeigt gehören Sie! Verletzung der Schweigepflicht! Lernt man so etwas heute nicht mehr im Studium?“
    „Entschuldigen Sie…“
    „Ihrem Chef habe ich schon Meldung gemacht! Und dann…“
    „Herr Doktor Großbaum, es tut mir ja alles furchtbar leid, ich habe doch nur…“
    „Sie haben mich…“ – schnauf – „…öffentlich erniedrigt haben Sie mich! An die Verwaltung wende ich mich auch noch. Und an meinen Rechtsanwalt. Und die Ärztekammer…“
    „Entschuldigen Sie nochmals, bitte…“
    „Raus jetzt!“
    Im Rückwärtsgang verlassen wir beide das Zimmer. Ich starre Jenny an und die ist genauso sprachlos wie ich.
    „Hmm.“
    „Hast Du eine gute Haftpflichtversicherung!“
    „Ich glaube, ich brauche erstmal ’nen Kaffee!“

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  • Written by medizynicus

    19. August 2010 at 06:43

    Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

    Der Mörder ist immer….

    with 8 comments

    …der Krankenpfleger.
    Und zwar genau derjenige, der immer schon so ein bißchen komisch war. So’n Außenseitertyp halt, mit ziemlich schwarzem Humor.
    Früher hat er in der Pathologie gearbeitet, da war’s besser, die Patienten haben wenigstens das Maul gehalten.
    Jetzt ist er auf der Inneren, womöglich noch Geriatrie und die Patienten sind einfach nur lästig.
    Also schleicht er sich nächtens – da ist er allein auf Station – heimlich an das Bett von Frau Brettschneider und stupst sie vorsichtig an.
    „Hallo, ich bin Dein Todesengel!“ raunt er ihr ins Ohr, als sie zum letzten Mal die Augen aufschlägt kurz bevor er ihr ein Kissen auf den Mund drückt.
    „War doch eh zu erwarten gewesen!“ sagt er dann am Morgen kurz vor Schichtwechsel zum Stationsdoc, „Ich wollte Dich nicht wecken deswegen!“
    Stationsdoc reibt sich verschlafen die Augen und greift zum Kuli um den Totenschein auszufüllen.
    Klingt wie ein billiger Krimi?
    35 solcher Todesengel soll es in den letzten 40 Jahren in Deutschland gegeben haben, und 326 Opfer haben sie auf dem Kerbholz. Macht fast 10 Opfer pro Täter.
    Und das sind nur diejeniger Fälle, welche publik geworden sind.
    Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß keiner.
    Und klar ist: Gemordet wird weiter. Von Pflegepersonal, von Angehörigen und von Ärzten. Ja, auch von Ärzten.
    Und ich spendiere einen Kasten Bier, wenn nicht innerhalb der nächsten zehn Jahre auch mindestens ein Arzt wegen derartiger Verbrechen im Dienst vor Gericht stehen sollte.

    Written by medizynicus

    18. August 2010 at 06:32

    Star-Bloggerin des Tages: Avialle

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    Heute ist wieder eine neue Star-Bloggerin am Start, und zwar Avialle, die kleine Aufschneiderin, welche am diese Woche ihr PJ begonnen hat. Gestern, am Montag gab es nur Formalitäten, heute geht’s dann aller Wahrscheinlichkeit richtig los… Aber genug der Vorrede, lassen wir sie selbst zu Wort kommen:

    Du schreibst von Deinem Traum, Chirurgin werden zu wollen. Was fasziniert Dich daran?
    Ich habe schon als Kind gerne gebastelt und gewerkelt, mir machen Arbeiten die etwas Geschick und Geduld erfordern einfach unheimlich Spaß. Trotzdem könnte ich mir nicht vorstellen nur mit Maschinen oder beispielsweise am Computer zu arbeiten. Mit Menschen zu arbeiten war eigentlich schon immer mein Wunsch und die Chirurgie vereint diese beiden Richtungen meiner Meinung nach sehr gut. Außerdem mag ich die Herausforderung ein Vertrauensverhältnis der besonderen Art aufzubauen – schließlich ist es ein Unterschied, ob ein Patient vom langjährigen Hausarzt eine neue Tablette verschrieben bekommt oder ob ihm am nächsten Tag der Bauch aufgeschnitten werden soll. Da gehört schon ein wenig Einfühlungsvermögen dazu. Besonders erfreulich finde ich in operativen Bereichen die mehr oder weniger schnellen Ergebnisse, monatelange Aufenthalte mit vielen Höhen und Tiefen kommen insgesamt doch öfter auf internistischen Stationen vor.
    Während meines Studiums habe ich viele andere Fächer kennen und lieben gelernt, sodass ich sicherlich auch eine gute Psychiaterin, Anästhesistin, Radiologin oder Internistin wäre. Trotzdem gefällt mir die Viszeralchirurgie noch immer ein bisschen besser, ein offener Bauch fasziniert mich mehr als ein offenes Herz, ein offener Schädel, ein Rätsel aus Symptomen und Laborwerten oder schwierig zu interpretierendes Schnittbild. Jeder sollte eben machen was er gut kann und ihm Freude bereitet. Das heißt ja nicht, dass man als Chirurgin nicht auch mal über den OP-Tellerrand hinausgucken darf – ich freue mich auf die Zeit im PJ bei den Anästhesisten und Internisten sowie auf der operativen Intensivstation!

    Wie sähe Dein absoluter Traumjob aus?
    Das wäre nach derzeitigen Vorstellungen wohl eine Klinik der Maximalversorgung in einer Großstadt (oder zumindest etwas größer), sodass man das bisschen Freizeit auch effektiv nutzen kann. Für mich als Nordlicht sollte das Meer auch nicht allzu weit entfernt liegen. Traumhaft wären natürlich wenige Dienste im Monat (so ca. 4), in denen dann auch wirklich nur spannende Notfälle kommen – oder man eben ein paar Stunden Schlaf findet. Gute Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sind mir da besonders wichtig, den OP-Katalog sollte man voll bekommen und nicht ab dem ersten Dienst völlig allein dastehen. Des Weiteren hätte ich gerne die Möglichkeit nach einer Schwangerschaft zunächst halbtags wieder anzufangen, ohne nur die Stationsarbeiten zu erledigen (in der Gyn gibt es schließlich auch halbe Stellen für OÄ, die dann 3x/Woche da sind und trotzdem operieren). Wünschenswert wäre ein nettes Arbeitsklima und Teamwork zwischen Ärzten und Pflege sowie auch untereinander ohne Konkurrenzdruck. In so einer Klinik wäre ein unbefristeter Vertrag mit der Möglichkeit zu Forschen noch das Sahnehäubchen.

    Für wie realistisch hältst Du das?
    In Deutschland in dieser Form für völlig unrealistisch. Bisher kenne ich keine chirurgischen Assistenten, die so wenige Dienste haben und generell gilt wohl je größer die Klinik, desto mehr Konkurrenzdruck, Stress, Überstunden (natürlich unbezahlt) und private Einschränkungen. In Großstädten kommt man in den Diensten wohl auch recht selten zum Schlafen. Daher kann ich mich wie es scheint schon glücklich schätzen, wenn ich eine Klinik finde mit einem guten Klima, netten Chef und guten Ausbildungsmöglichkeiten. Daher spiele ich auch schon länger mit dem Gedanken spätestens nach der Facharztausbildung ins Ausland zu gehen – je nach meiner persönlichen Situation zu diesem Zeitpunkt.

    Wo siehst Du Dich in 10, 20, oder 30 Jahren?
    In 10 Jahren bin ich hoffentlich Fachärztin für Viszeralchirurgie, vielleicht schon Funktionsoberärztin, verheiratet mit 2 Kindern (vielleicht auch mehr, kommt darauf an, ob gleich ein Mädchen dabei herauskommt^^), eigenem Haus am Rand einer Großstadt. Falls das alles nicht so funktioniert könnte ich mir auch vorstellen, im Ausland zu arbeiten, vielleicht Entwicklungshilfe zu leisten. Was in 20 oder 30 Jahren ist, kann ich mir mit 25 noch nicht so wirklich vorstellen, wahrscheinlich sieht es ähnlich aus wie oben – als Chefärztin sehe ich mich allerdings irgendwie nicht. 😉

    Wie willst Du Beruf und Privatleben (z.B. eine eigene Familie) miteinander unter einen Hut bringen?
    Gut durchorganisiert und mit einem Partner, der für die berufliche Situation ausreichend Verständnis aufbringt, kann man diesen Balanceakt meiner Meinung nach schon hinbekommen, mir sind da mehrere Positivbeispiele bekannt. Auch ein zeitaufwendiges Hobby wie einen Leistungssport schaffen an meiner Uniklinik sogar Professoren in ihren vollgestopften Terminplan zu integrieren. Wie erwähnt hoffe ich da auf die Möglichkeit der halben Stelle wie in der Gynäkologie in naher Zukunft, da die Chirurgie ohne Frauen wohl kaum eine Zukunft hat. Man muss sich nur in den Hörsälen der derzeitigen Medizinstudenten umsehen, der Frauenanteil ist mehr als beachtlich. Auch wenn ich nicht studiert habe, um dann Hausfrau und Mutter zu werden, könnte ich mir trotzdem vorstellen mal ein Jahr Mutterschaftsurlaub zu nehmen, immerhin strebe ich keine Karriere an der Uni an und sehe mich daher auch nicht gezwungen am besten gleich nach der Geburt wieder im OP zu stehen. 😉

    Wie anfällig bist Du für Burnout?
    Wahrscheinlich eher weniger.

    Warum nicht?
    Bisher habe ich weder die Schule noch das Studium als besondere Belastung empfunden, ich lasse mich nicht schnell stressen. Leistungsdruck motiviert mich eher als mich psychisch zu belasten und trotzdem glaube ich nicht so perfektionistisch zu sein, dass ich irgendwann einmal nur betrauere was ich nicht geschafft habe ohne mich darüber zu freuen, was ich erreicht habe. Mein Ziel ist mein Bestes zu geben, aber nicht mehr – ich werde die Welt sicherlich nicht retten und mache mir diesbezüglich auch keine Vorwürfe.

    Wie wirst/willst  Du dich davor schützen?
    Durch Freunde und Bekannte im medizinischen und Pflegebereich habe ich erfahren wie wichtig der Rückhalt durch Familie und Freunde ist. Außerdem hilft mir der Sport sehr beim Ausgleich von Stress und sorgt dafür, dass man auch mal etwas anderes im Kopf hat als Medizin. In der letzten Zeit komme ich immer mehr ab vom „Idealbild Arzt“, dem alles wissenden und nur für die Arbeit lebenden Fernsehvorbild. Man wird sowieso nie alles wissen und daher genieße ich meine Freizeit wo ich kann – in puncto Privatleben bin ich definitiv sensibler geworden. Man muss die Arbeit nicht suchen, die findet einen eh von selbst!

    Angenommen, heute Nacht erscheint Dir eine gute Fee und gewährt Dir drei Wünsche – auf Deinen Beruf und das Gesundheitssystem bezogen. Was wünschst Du Dir?
    Wünschen würde ich mir einen gesundheitsbewussteres Verhalten der gesamten Bevölkerung, sodass diese ganzen unnötigen und teueren Erkrankungen wie Fettleibigkeit, Typ II Diabetes, hoher Blutdruck und co. auf ein Minimum reduziert würden. Dann hätte man auch wieder Geld übrig für mehr Personal und einen menschlicheren Umgang – mit Patienten aber auch mit dem Personal. Außerdem wünsche ich mir, dass die Entscheidungen im Gesundheitswesen nicht von Politikern, Wirtschaftsbossen und anderen Bürokraten ohne Ahnung von Krankheiten und Kliniksführung getroffen würden, denn eine Klinik ist keine Fabrik und Gesundheit kein Einheitsprodukt. An dritter Stelle würde ich mir eine noch praxisbezogenere Lehre an medizinischen Fakultäten wünschen – denn ohne guten Nachwachs nützt alles reformieren und umstrukturieren auch nicht viel!

    Written by medizynicus

    17. August 2010 at 05:35

    Veröffentlicht in Ein Herz für Blogs

    Lasst mich heim!

    with 7 comments

    “Schickt mich nach Hause!” krächzt Herr Wanzengruber.
    Das Kennen wir doch!
    Kurzer Blick in die Akte, alles in Ordnung. Aber ich bin nicht ganz bei der Sache. Dieser Kerl ist mir unsympathisch! Außerdem stinkt’s in dem Zimmer nach Urin. Ursache ist eine Bettflasche, deren Inhalt sich über den Fußboden entleert hat. Anna nimmt das Ding mit spitzen Fingern aus der Halterung.
    “Schaun wir mal!” sage ich, klappe die Akte wieder zu und gehe raus.
    „Warum können wir den nicht entlassen?“ fragt Sarah.
    „Weil der zu Hause niemanden hat!“
    “Er lebt allein,” berichtet Schwester Gaby, “allerdings gibt es eine Putzfrau. Die kocht auch für ihn und schaut nach dem Rechten, so gut sie kann…”
    Ja, die hat ihn gestern besucht, die gute Frau Wusziliewski. Eine echte Seele von Mensch. Die Schwestern haben sie gleich mal zur Seite genommen und ihr im Dienstzimmer eine Tasse Kaffee in die Hand gedrückt und da hat sie angefangen zu erzählen.
    Dass der Herr Wanzengruber immer so herum schimpft Was sie sich da alles anhören muss! “Dreckige Polackenbraut” gehört noch zu den harmlosesten Ausdrücken. Und dass er ihr immer weniger bezahlt als vereinbart weil angeblich irgendwas nicht richtig sei. Aber ihr geht es ja gar nicht so sehr ums Geld, der alte Mann tut ihr einfach leid. Ob man da nichts machen kann?
    “Gibt’s sonst keine Angehörigen?”
    „Angeblich hat Herr Wanzengruber einen Sohn.“
    „Aber?“
    „Seit Jahren kein Kontakt. Wohnt auch ziemlich weit weg, der Sohn!“
    „Könnte man trotzdem mal kontaktieren!“
    „Werden wir versuchen.“
    „Und Pflegeüberleitung?“
    „Hatten wir doch schon alles.“
    „Aber?“
    „Will er alles nicht. Er ist halt stur und eigensinnig.“
    Und genau deswegen werden wir ihn früher oder später doch entlassen und dass er wieder kommen wird, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

    Written by medizynicus

    16. August 2010 at 07:50

    Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

    Wie Chirurgen sterben (Teil 5)

    with 2 comments

    Telefon klingelt, Pforte ist dran, Gespräch von draußen.
    „Darf ich durchstellen?“
    „Wer denn?“
    „Ein Herr Großbaum!“
    „Aha?“
    „Ich stell‘ denn mal durch!“
    Pause.
    „Ja?“
    „Ja!“
    „Äh… ja…?“
    „Herr Doktor? Bin ich richtig verbunden?“
    „Mit wem spreche ich denn?“
    „Ja, Großbaum, ich wollte mich mal nach meinem Vater erkundigen!“
    Mir wird siedend heiß. Vorsicht, dünnes Eis! Hieß es denn nicht, der hätte keine Angehörigen mehr?
    „Äh… ja… was wissen Sie denn bislang?“
    Die Stimme am anderen Ende der Leitung wird etwas ungeduldig.
    „Hören Sie, mein Vater liegt seit zwei Wochen bei Ihnen liegt mit metastasierendem Bronchialkarzinom und chronisch obstruktiver Lungenerkrankung im Terminalstadium. Und letztens haben Sie ihm…“
    Aha, der kennt sich aus!
    „Ähem… ich nehme an, Sie sind Kollege?“
    „Mein Name ist Thomas Großbaum, ich bin Professor am Lehrstuhl für…“
    „Ist schon gut, Entschuldigung. Also, was Ihren Vater betrifft: der Zustand ist stabil, natürlich in Anbetracht der Gesamtsituation, die Ihnen ja bekannt ist…“
    „Hmmm.“
    „Möchten Sie selbst mit ihm sprechen?“
    „Oh, das geht?“
    Die Stimme klingt erfreut.
    „Natürlich geht das. Sie können ihn auch besuchen, wenn Sie möchten!“
    Kleiner Wink mit dem Zaunpfahl.
    „Hmmm. Hmmm. Mal sehen…“
    Die Stimme klingt ein wenig verlegen.
    „…aber wenn Sie mich durchstellen könnten…“
    Wieder mal ein gutes Werk getan.
    Denke ich mal.

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  • Written by medizynicus

    15. August 2010 at 07:12

    Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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    Wie mein Rechner mir Lebenszeit stiehlt…

    with 10 comments

    Nee, ich bin nicht abergläubisch. Wirklich nicht. Außerdem ist heute Samstag, der vierzehnte, schon genau zweiundzwanzig Stunden lang. Aber es geht ja schließlich um gestern Abend, da wollte ich was schreiben, konnte aber nicht.
    Warum?
    Okay. Dampfinternet, Ihr wisst schon.
    Email gekriegt, Bitte um Rückruf. Auf Handy geguckt: drei Mailbox-Nachrichten und verpasste Anrufe ohne Ende. Mailbox abrufen? Is nicht wegen Funkloch. Email beantworten is auch nicht weil gerade kein Dampf im Internet.
    Und dann… ja dann, was denn nu eigentlich? Internet kaputt? Nee, geht doch anderswo. Festplatte zerschossen? Nee, zum Glück nicht. Nur Outlook zerschossen, darum mehrere Emails weg. IE auch irgendwie son bißchen kaputt, Firefox geht wohl noch. Okay, okay, okay, der Abend war gerettet… und heute früh der halbe Morgen auch… und beim Reparieren dann noch achtzig Notizen gelöscht, achtzig supergeniale tolle Medizynicus-Gedanken.
    Die muss ich jetzt alle wieder neu denken.
    Und keiner hilft mir dabei.
    Manchmal denke ich, war es doch einfacher, damals, als man noch seine Perde satteln und einfach so in den Sonnenuntergang reiten konnte…

    Written by medizynicus

    14. August 2010 at 22:21

    Veröffentlicht in nicht so richtig ernst

    Geheimverhandlungen im Gesundheitsministerium

    with one comment

    Wir befinden uns wieder in dem geheimen abhörsicheren Konferenzsaal. Die Sekretärin hat noch frischen Kaffee und Kekse bringen dürfen, dann hat sie die schalldichte Tür hinter sich abgeschlossen.
    „Fassen wir zusammen,“ sagt der Vorsitzende, „Wir wollen die Anzahl der Ärzte reduzieren. Was können wir tun?“
    „Wir schicken sie nach Spelunkistan!“
    „Hmmm. Warum nicht? Gerade habe ich eine Anfrage der Regierung von Nordspelunkistan auf dem Tisch. Und südspelunkistanische Krankenhäuser inserieren ja sowieso ständig in unseren Fachzeitschriften…“
    „Wirft das nicht ein schlechtes Bild auf uns?“
    „Warum?“
    „Na, wenn es heißt, dass uns die Ärzte weglaufen?“
    „Das kann uns doch egal sein!“
    „Kommt aber bei den Wählern schlecht an.“
    „Da haben Sie Recht.“
    „Den Wählern, also den möglichen Patienten, müssen wir das Bild vermitteln, dass es bei uns die beste Medizin der Welt gibt und weder Kosten noch Mühen gescheut werden…“
    „Auch richtig. Also sollten dafür sorgen, dass die doch Ärzte hierbleiben.“
    „Sie brauchen ja nicht glücklich zu sein. Im Gegenteil. Sie dürfen jammern. Und wir rechnen der Öffentlichkeit vor, wie viel unsere Mediziner verdienen. Braucht ja nicht zu stimmen, was wir ihnen da vorrechnen. Hauptsache, es hört sich nach ganz viel Geld an. Und dann…“
    „Dann gründen wir eine neue Komission. In diesem Sinne, meine Herren, darf ich Ihnen für Ihre Teilnahme meinen herzlichen Dank aussprechen. Bis zum nächsten Mal!“

    Written by medizynicus

    14. August 2010 at 07:10