Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Frau Namenlos

with 19 comments

Wieder mal mache ich mich schlaftrunken auf den Weg zur Notaufnahme.
„Zugang mit Polizei!“ hatte Marvin am Telefon angekündigt.
Zugang mit Polizei, um fünf Uhr morgens am Wochenende, das kann nur Eines bedeuten: Ein Besoffener, der entweder eins aufs Maul bekommen oder selber randaliert hat. Oder auch eine Alkohol-Blutentnahme, aber dann hätte Marvin nicht von einem Zugang gesprochen. Wie dem auch sei, wenn die Polizei im Spiel ist, kann man sich auf Einiges gefasst machen. Von Widerworten über handfeste Bedrohungen bis hin zu Tätlichkeiten ist alles möglich und in der Regel ist man froh, dass die Herren in Grün so lange dabei sind, bis man den Patienten unter Kontrolle hat.
Okay. Kittel übergeworfen, kurz aufs Klo und los gehts.
Auf alles bin ich gefasst, nicht aber auf die betagte Dame – auf den ersten Blick geschätzt mindestens fünfundachtzig Jahre alt – die da mit Mantel, Stock und Hut auf einem Stühlchen sitzt und mich mit treuen Augen anschaut.
„Guten Tag, Frau…“
„Vergessen Sie es,“ sagt der eine Polizeibeamte, „Sie weiß Ihren Namen nicht!“
„Aha?“
„Sie ist um halb vier Uhr morgens auf einer Bank gesessen und auf den Bus gewartet!“
„Wo wollte sie hin?“
„Das wusste sie nicht so genau. Abgesehen davon war weit und breit keine Bushaltestelle.“
„Ein später Nachtschwärmer hat sie gefunden und angesprochen,“ berichtet der zweite Polizist, „dem kam die ganze Sache spanisch vor, also hat er uns angerufen. Aber was machen wir nun mit ihr?“
Tja, das ist eine gute Frage.

Advertisements

Written by medizynicus

7. September 2010 um 05:50

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Tagged with

19 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Mal wieder super geschrieben! Du kannst einen wirklich packen 😉

    Nina

    7. September 2010 at 06:53

  2. Klingt für mich nach einem Fall von fortgeschrittenem Alzheimer, aber der Arzt hier ist ja eigentlich jemand anders.

    Irgendwo habe ich mal gelesen, dass es häufiger vorkommt, dass Bewohner aus Altenheimen ausbüchsen und versuchen, mit dem Bus heimzufahren oder ähnliches. In dem Artikel ging es darum, dass an einem Bremer Altersheim, eine falsche Haltestelle aufgebaut worden war, wo die Mitbewohner, dann nur wieder eingesammelt werden müssen.

    Empfehlenswert wäre also in Altersheimen anzurufen, die in der Nähe der besagten Haltestelle sind, ob dort jemand vermisst wird.

    N. Krause

    7. September 2010 at 10:58

  3. „Kittel übergeworfen, kurz aufs Klo und los gehts.“

    Und schon wieder ist man bei den nosokomialen Infekten. 😀

    Graf Zeppelin

    7. September 2010 at 13:34

  4. Ich denke die Frage im Artikel war nicht ernst gemeint. Als Arzt im Krankenhaus müsste man doch eigentlich wissen, dass die umliegenden Einrichtungen erste Ansprechpersonen für sowas sind…?

    T.

    7. September 2010 at 14:13

  5. Das Krankenhau ist eben das LETZTE soziale Netz der Gesellschaft. Hier landen alle Menschen für die man sonst keine rechte Adresse hat.
    Sogar die Polizei legt sie dort ab ( außer wenn sie ein Delikt hinter sich haben).
    Der Begriff „hilflose Person“ des Rettungsdienstes ist Synonym für diese Funktion.
    Und da erkennt man doch den Missbrauch des Gesundheitssystems? Denn diese Menschen kommen doch nicht wegen eines körperlichen Leides.
    Man sollte mal die Pfarrer abends rausklingeln.Die sind doch theoretisch Ansprechpartner für hilflose Mitmenschen…. Naja, auch nur ein „frommer Wunsch“. Es bleibt dabei: Ärzte und Schwestern haben das letzte soziale Netz auf zu spannen.

    Kreativarzt

    7. September 2010 at 16:58

  6. Was ich mal im Nachtdienst beobachtet habe war ein: „Und jetzt brauchen wir noch eine Unterschrift von Ihnen für den Fahrer“.
    Der alte Herr wußte zwar nichts mehr – aber die Unterschrift war so lesbar, dass hinterher wenigstens ein Name vorhanden war (der sogar stimmte). Ansonsten einfach eine absolut nervtötende und saublöde Situation.

    Anke

    7. September 2010 at 19:12

  7. Da fragt man sich doch ehrlich, wozu gibt es die Polizei? Dafür, dass sie für eine Aufgabe, die ihnen gestellt wurde (herauszufinden, wer die ältere Dame ist und wohin sie gehört) lieber Ärzte und Krankenschwestern mitten in der Nacht beschäftigen. „Die Frau muss sich ein Arzt angucken…“ – ja, hallo, wozu bitteschön??? Danke, dass sie mich geweckt haben…

    Antje

    7. September 2010 at 20:20

  8. Mal etwas anders gefragt: Wohin mit der Dame wenn nicht erstmal in’s Krankenhaus? Dort gibt es wenigstens ein Bett, ohne dass man in eine gekachelte Zelle gesperrt wird.

    Falls die Polizei noch nicht die umliegenden Heime abgefragt hat, dann dort erst mal suchen. Anschließend freundlich nach der evtl. vorhandenen Handtasche fragen und dort nach Hinweisen suchen. Hinten in den Kragen schauen, ob da ein Name eingenäht ist (Standard im Heim).
    Danach bleibt nur noch nach dem Gesundheitszustand zu schauen (dehydriert?) und abzuwarten. Entweder erinnert sie sich oder irgendwer vermisst sie. Irgendwann.

    Mr. Gaunt

    7. September 2010 at 20:32

  9. das ist nunmal „das Ding“ in Deutschland, gerade in Deutschen Großstädten:
    alte und verwahrloste Menschen, seien sie nun aus dem Altenheim abgehauhen oder obdachlos, die „dummerweise“ (gerade im Winter) irgendwo hin müssen!
    Und da ist das „Krankenhaus für die Nacht“ die letzte Methode (und die für die POL einfachste^^)
    Ob sich das je ändern wird ist wieder was anderes…

    derretter

    7. September 2010 at 20:36

  10. naja… ein krankenhaus kann sich doch wenigstens um die frau kümmern, im gegensatz zu einer polizeistation, und wer weiß wie lange es dauert, ihre identität herauszufinden bzw. wo sie wohnt…

    warum also nicht ins krankenhaus? ich verstehe nicht, was ihr daran soooo schlimm findet?^^

    kaeks

    7. September 2010 at 21:04

  11. nachtrag: extra eine sozialstation für die *ich-bin-gerade-mal-aus-dem-heim-abgehauen* alten leute einrichten? utopisch und überflüssig.

    kaeks

    7. September 2010 at 21:07

  12. Danke dir für diesen Post. Das hat mich sehr berührt, wie du es geschrieben hast. Traurig sowas. Arbeite selber im ambulanten Pflegedienst mit alten, oft von allen verlassenen Menschen, die alleine leben und deren Psyche es einfach oft nicht aushält tagelang in einer Wohnung eingesperrt zu sein und niemanden zu haben. An manchen Tagen will man da nur heulen, wenn man die sieht.

    lana31

    7. September 2010 at 21:59

  13. Eventuell, ganz eventuell ist die Verwirrtheit ja auch ein akuter Zustand, hervorgerufen durch Gründe die am Besten ein Arzt abklären kann. Ich als Polizist würde mich da auch nicht trauen, die alte Dame in irgendeinem Heim oder sonst einer Station abzuliefern, ohne dass da im Krankenhaus draufgeschaut wurde.
    Die Einliefernden fragen ja auch richtig, „Was machen wir jetzt mit ihr?“ Keiner sagt hier „Wir lassen sie Ihnen jetzt einfach mal da, gell?“. So betrachtet finde ich das Vorgehen ganz in Ordnung. (Möglicherweise telefoniert daheim auf der Wache ja auch schon einer die umliegenden Betreuungseinrichtungen ab.)

    silberwoelfin

    8. September 2010 at 07:40

  14. „daheim auf der Wache“ vor allem.
    Da sitzt die Mutti der Polizisten und zieht ihnen jeden Morgen das gleiche an.

    Thomas netAction

    8. September 2010 at 09:39

  15. @kaeks das ist eben nicht illusorisch. Die Selbstverständlichkeit mit der eine für medizinische Notfälle gedachte Einrichtung zweckentfremdet wird ist ein echtes Problem. Und die bloße Möglichkeit, dass sich hinter Verwirrung mal was Ernstes verbirgt(@silberwoelfin), sollte nicht mit dem Gießkannensystem genutzt werden ( erst mal alle ins Krankenhaus schicken und dann sehen wir schon weiter).
    Das ist ein soziales, ein mitmenschliches Problem. Aber kein Pfarrer und kein Sozialarbeiter fühlt sich zuständig. Immer wird auf den roten Alarmknopf „Arzt“ gedrückt, denn das kostet nichts, lässt den die Hilfe Anfordernden Profi fürsorglich erscheinen und hält alle beteiligten juristisch sauber. Ergo : Motiv Angst und „turfen“. (für Nichtleser von „House of God“: turfen heißt klinikintern etwa: weiterleiten an irgend einen anderen, der formal zuständig sein könnte).
    Die Gesellschaft kauft sich mittels Hight tech Medizin von ihrer menschlichen Verantwortung frei. (Und überlastet die Kliniken).

    Kreativarzt

    8. September 2010 at 15:58

  16. und jetzt stelen wir uns mal vor, die Verwirrtheit komme *doch* von irgendeiner akuten Erkrankung, Medikamentenmissbrauch, wasauchimmer. Und die Polizisten bringen sie *nicht* ins Krankenhaus sondern auf die Wache, wo sie in der Nacht noch verstirbt.
    Ganz abgesehen von eventuellen strafrechtichen Konsequenzen äme ich mir als Polizist dann sicher mies vor. So macht er wenigstens nichts falsch, falls eben doch was ungewöhnlich ist.

    Was man in so einem Fall macht? Ganz einfach: man „turft“ (wie das die Blogkollegin heldinimchaos bezeichnet) die verwirrte Dame einfach in die Psychiatrische, dann ist die Notaufnahme sie los… *duck*

    Engywuck

    8. September 2010 at 17:04

  17. … wie ich diese Einstellung bei offensichtlichen Bagatellen hasse: „es könnte ja was schlimmes sein“ – das ist der Grund für tausende sinnlose Notaufnahmenbesuche täglich in Deutschland (Verbluten an Minischnittwunden, tragischer Tod durch geprellten Finger, Blutvergiftung durch winzigen Mückenstich, usw.)… und es muss natürlich sofort und ganz dringend ein Arzt sehen, auch mitten in der Nacht!

    Bei diesem Missbrauch des Gesundheitssystems, soll sich keiner mehr über steigende Beiträge beschweren!
    Leider kommen die wirklich Kranken gar nicht oder zu spät…Schade, dass es gesunden Menschenverstand nicht auf Rezept gibt.

    Lösungsvorschlag für das Beispiel von medizynicus: die Polizei nimmt die Oma mit aufs Revier, setzt sie vor sich auf den Stuhl (um sie im Blick zu haben, falls es ihr doch schlecht gehen sollte), spendiert vielleicht eine Tasse Tee und einen Keks, telefoniert derweil mit den umliegenden Pflegeheimen und guckt die Vermisstenmeldungen nach, wahrscheinlich dauert es gar nicht lange, bis jemand merkt, dass Oma fehlt.

    Antje

    8. September 2010 at 20:16

  18. @Antje
    Glaubst Du im Ernst, der Polizei ergeht es besser als den Ärzten in der Klinik?
    Die sind so minimal besetzt, dass sie gerade eben ihren Dienst verrichten können. Frag doch einen Polizeibeamten mal, wieviel Überstunden die vor sich herschieben.

    michael

    9. September 2010 at 04:02

  19. Ich habe nicht gesagt, dass die Polizei nichts zu tun hat. Soweit ich weiß, sitzt immer ein Einsatzleiter im Büro und kümmert sich um alles – und sich um aufgefundene / vermisste Personen zu kümmern, ist Job der Polizei. Sie mit fadenscheinigen Begründungen an andere Berufgruppen abzuschieben, ist einfach nur unfair.
    Und es es häufig genug die Polizei, die ganz schnell den Rettungsdienst ruft oder jemanden in der Notaufnahme abkippt, um das Problem weg zu haben. Das ärgert mich gewaltig – aber wehe, man braucht sie mal, da kann man lange warten…

    Antje

    9. September 2010 at 19:56


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: