Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Frau Namenlos (Teil 2)

with 11 comments

Tja, was machen wir mit der verwirrten alten Dame? Das ist echt eine gute Frage. Jedenfalls bin ich erleichtert, dass von ihr keinerlei Gefahr für eigenen Leib und Leben ausgeht, was bei Polizei-Patienten ja nun leider nicht immer selbstverständlich ist.
„Haben Sie irgendwelche Informationen?“
Die Beamten verneinen.
„Keine Geldbörse, nichts. Nur ein Schlüsselbund. Aber der nutzt uns reichlich wenig.“
Inzwischen ist die Patienten aufgestanden und schluft mit ihrem Stock den Gang entlang.
„Guten Tag, gute Frau. Wo möchen Sie denn hin?“
„Nach Hause!“
Aha, sie kann also reden!
„Wo ist denn das?“
Sie starrt mich mit großen Augen an.
„Können Sie mir Ihre Adresse verraten?“
Unverständliches Gemurmel.
„Wollen Sie mir sagen, wie Sie heißen?“
Sie scheint angestrengt nachzudenken, sagt dann aber nichts.
Ob sie etwa einen Schlaganfall hat? Hängender Mundwinkel? Kraftminderung? Zumindst auf den Ersten Blick nichts Eindeutiges.
Kann man trotzdem als Verdacht auf TIA laufen lassen, dann noch Demenz und Verwirrtheitszustand unbekannter Ursache, da haben wir schon einmal eine Reihe von Diagnosen. Damit läßt sich ein stationärer Aufenthalt der Kasse gegenüber rechtfertigen und für die Belegungsstatistik macht sich das auch ganz gut. Besser wäre es natürlich, wir würden ihr ein paar neurlologische Ausfälle andichten, dann würde die Verwaltung sich richtig freuen, aber wir wollen ja nicht übertreiben.
„Wissen Sie, wo wir hier sind?“
„Ja“
„Wo denn?“
„In….“
Der eine Polizist schüttelt den Kopf.
„Ja, wir gehen dann mal wieder. Viel Glück noch!“
„Und Sie melden sich, wenn Sie etwas erfahren?“
„Selbstverständlich!“
Und ich nehme die Gute erstmal stationär auf. EKG, Blutabnahme, Infusion anhängen, und nach der Frühbesprechung schauen wir dann mal, ob wir noch weitere Untersuchungen machen…
Ich lege Marvin die Blutröhrchen auf den Schreibtisch.
„Chef?“
„Meinst Du mich?“
„Was für einen Namen geben wir denn ein?“
„Hmmm.“
„Ohne Namen kann das Labor die Proben nicht bearbeiten. Und auf Station kann sie auch nicht!“
„Warum?“
„Weil sonst die EDV spinnt!“

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Written by medizynicus

10. September 2010 um 05:16

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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11 Antworten

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  1. Ein klarer Fall für Jane Doe!

    neklaf

    10. September 2010 at 08:47

  2. Als ITler muss ich da sagen: SUPER System! Hat mal wieder einer nur den „Normalfall“ abgebildet. Und für die Ausnahmen muss man sich dann krumm legen.

    Sicher kann man dann im Nachhinein, sobald der Name bekannt ist, diesen nicht mehr ändern. Schliesselch ändern sich Namen nicht einfach so….

    Meine Software-Engineering-Lehrerin hat uns beigebracht: Bildet die Ausnahme ab, richtete die Software auf den „nicht-Standard“ aus. So habt ihr keine Problem, wenn die Ausnahme mal eintritt, und den Normalfall hat man gleich auch mit eingeschlossen. Weil der Normalfall ist eine Untermenge aller Fällen. Die Differenz zw. Normalfall (Untermenge) und alle Fälle (Obermenge) sind die Ausnahmen. Es ist nun mal eben NICHT so, dass die Ausnahmen eine Untermenge der Normalfälle wären… so sind aber die meisten Programme geschrieben… 😦

    lorem42

    10. September 2010 at 09:05

  3. In der Uniklinik, in der ich PJ gemacht habe, gab es zumindest für Notfälle Magnetkarten ohne Namen, damit Untersuchungen angemeldet werden und Blutproben untersucht werden konnten. Aber Deine Dame ist ja kein Notfall? Hm…

    me

    10. September 2010 at 11:42

  4. Ich hätte jetzt auch Jane Doe eingetragen.
    So selten kann das doch nicht sein, man kann doch auch nach einem Unfall ohne Bewusstsein und ohne Papiere gefunden werden, weil man nur eben Brötchen holen gegangen ist, also sollte es da Möglichkeiten geben. Hoffe ich.

    Anise

    10. September 2010 at 12:32

  5. *lorem42 einen Belohnungs-Keks geb*

    Schon komisch, dass das nicht gehen soll – dieses Problem kann ja wohl nicht zum ersten Mal aufgetreten sein.

    NK

    10. September 2010 at 14:41

  6. Naja es gibt immer die möglichkeit einen Patienten erstmal ohne Namen aufzunehmen, also zumindest bei uns. Kleiner Tip fürs nächste Mal, schaut mal in die Kleidung, vielleicht ist da ein Namensschild, von einer Wäschefirma drinn, die in Heimen immer für die Bewohner waschen 😉

    Sylvia

    10. September 2010 at 16:26

  7. @lorem42: Wie viele Sonderfälle abgebildet werden, hängt auch immer damit zusammen, wie viel der Kunde für die Software zahlen will…. und meistens ist es so, dass nicht jeder Fall abgedeckt ist, weils sonst einfach zu teuer wird (oder auch keine Mensch auf diese Ideen kommt)

    DelfinStern

    10. September 2010 at 22:17

  8. unsere letzte Patientin (bewusstlos nach Verkehrsunfall, keine Papiere) hieß NOTFALL, NOTFALL – geboren am Aufnahmetag… damit konnten wir erstmal alle Untersuchungen machen

    Antje

    11. September 2010 at 10:25

  9. Bei uns gab es auch schon Männlich (Nachname), Alkoholisiert (Vorname), ebenso wie Weiblich, Bewusstlos 😉 wenn man dann mehr erfährt kann mans ja ändern…

    chilara

    11. September 2010 at 10:32

  10. Dazu nur…
    Katastrophenplan, – wie macht man das dann bei einem MANV?
    Gerade mit Kat-Schutzeinsatz, – wo nur gesichtet und kategorisiert wird, wo zum Teil für Namen gar keine Zeit ist und die ja fürs erste auch vollkommen unerheblich sind?

    schneckenhaeuschen

    11. September 2010 at 15:36

  11. @Lorem: genau das – „supersystem“ – hab ich auch gedacht 😉

    Der Rest von deiner Aussage ist aber nicht ganz korrekt: Im Zuge agiler Entwicklung soll man ZUERST den Standardfall abdecken, weil der dem Kunden den meisten Benefit bringt.
    Natürlich sollte man dann nicht mit der Systemerstellung aufhören… aber wie Delfinstern schon schrieb, ist manchmal einfach kein Geld da – und ich möchte ergänzen, dass mangelnde Anforderungsanalyse auch noch ein häufiger Fehler ist. Der Kunde ist oft einfach nicht in der Lage, diese Sonderfälle zu spezifizieren – und der Systemdesigner kommt halt auch nicht immer auf die Idee, dass da noch was sein könnte.

    Benedicta

    11. September 2010 at 20:38


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