Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Was ist meine Arbeitszeit wert?

with 16 comments

„Ja, guten Tag Frau Schuster, das ist aber schön, dass ich Sie endlich mal erreiche! Normalerweise sind Sie entweder zu Tisch oder im Urlaub oder bedauerlicherweise verhindert…“
„…“
„Ja, ich weiß, Sie haben wenig Zeit, Sie arbeiten ja schließlich hart da drüben in der Verwaltung, insbesondere die Personalabteilung ist ja…“
„…“
„Okay, ich komme ja schon zur Sache. Also, beim letzten Gehalt haben Sie mir da einen Betrag abgezogen und zwar genau…“
„…“
„Richtig. Das waren Minus-Stunden, weil ich einmal, selbstverständlich nach Absprache mit Chef und Kollegen etwas später gekommen bin und das andere Mal habe ich mir einen Nachmittag frei genommen, und dann…“
„…“
„Nein, selbstverständlich ist das berechtigt, ich will mich ja auch gar nicht beschweren. Es ist nur so…“
„…“
„…also es ist nur so, dass ich im selben Monat ja auch einige Überstunden geleistet habe…“
„…“
„Ja, genau. Sieben Minusstunden und achtzehn Überstunden. Das ist richtig.“
„…“
„Was soll das heißen? Der Computer erkennt das nicht?“
„…“
„Selbstverständlich waren die Überstunden angeordnet! Wurde alles ordnungsgemäß vom Chef abgezeichnet.“
„…“
„Also, das verstehe ich jetzt nicht!“
„……………………………………………..“
„Äh… könnten Sie mir das bitte noch einmal erklären?“
„……………………………………………………………………..“
„Also, nochmal zum mitschreiben: Die Minusstunden werden mir mit dreißig Euro vom Gehalt abgezogen. Von den achtzehn Überstunden hingegen sind elf verfallen weil die Software der Zeiterfassung das nicht hat registrieren können. Die restlichen sieben Überstunden werden mir mit zwanzig Euro pro Stunde vergütet. Bleibt also ein Minus von siebzig Euro obwohl ich summa sumarum elf unbezahlte Überstunden geleistet habe. …“
„….“
„Richtig, das muss man auch nicht unbedingt verstehen…“
„…“
„Ja ich weiß, Sie können auch nichts dafür aber….“
…jetzt einmal tief durchatmen, die Augen schließen, an das Leber-Niere-Milz-Chakra denken und die kleine Voodoopuppe in meiner Schreibtischschublade mit einer weiteren Nadel durchbohren.

Written by medizynicus

13. September 2010 um 05:52

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

16 Antworten

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  1. Ahhh sowas ist ja obermist, aber die Software in meiner Firma zählt alles über 10 Stunden auch nicht. Meine Abteilung hat das dann so gelöst das da ausstempeln „vergessen wird“ trotzdem die richtige Zeit auf Papier eingetragen wird und an einem Tag wo man normal nicht arbeitet die Zeit als anwesend eingetragen wird ebenfalls als „stempeln vergessen“

    Björn R.

    13. September 2010 at 08:06

  2. Voodoopuppe schön und gut, aber hier gibt es nur eine richtige Reaktion: auf den Tisch kacken und kuendigen.

    Patrick

    13. September 2010 at 08:35

  3. Oh je.
    Das erinnert mich mit Grausen an eine Klinik, in der ich mal gearbeitet habe (und die inzwischen wegen Personalmangel wohl weitere Stationen geschlossen hat).
    Die elektronische Stechuhr loggte einen nach 11 Stunden (oder so, ich weiß es nicht mehr) automatisch aus – Arbeitszeitgesetz schreibt das angeblich so vor. Meine (angeordnete!) Anwesenheit über diese Zeit hinaus konnte auch nicht manuell nachgetragen werden – „Das System lässt das nicht zu, das müssen Sie verstehen!“.
    Da ich die einzige Ärztin war, musste ich jeden Tag von 8 bis 17.30 Uhr anwesend sein, was bereits mehr als 42 Wochenstunden ergibt. Da ich alleine war, konnte ich auch keinen FZA nehmen, da dies vom Chef und der Verwaltung bei der „angespannten Personalsituation“ nicht genehmigt wurde. Nach dem ersten Monat hatte ich bereits 30 Überstunden, erfuhr dann aber, dass ich nur 20 in den nächsten Monat übertragen könne und der Rest einfach verfalle… Juhu.

    me

    13. September 2010 at 09:00

  4. Das mit der stechuhr kommt mir irgendwie bekannt vor :/
    in meinem aktuellen Job werden Überstunden bis auf die Minute aufgeschrieben und gerne abgefeiert, einen Rückschritt gibt es für mich nicht mehr.

    Doc Brown

    13. September 2010 at 09:28

  5. @me: Ich glaube ich hätte in einem cholerischen Anfall gefragt, ob das Arbeitsschutzgesetz verlangt, mich nach 11 Stunden auszuloggen, oder es nicht eher meine Anwesenheit verbietet.

    Wobei… Wenn ich mir die letzten 10-xy Regierungsjahre angucke, würde ich mich nicht über eine Formulierung wundern, die beides erlaubt…

    Joachim

    13. September 2010 at 09:49

  6. Das lasst ihr euch nicht ernsthaft gefallen oder? Das ist doch lächerlich…

    Felix Nagel

    13. September 2010 at 09:50

  7. Stimme Felix und Patrick zu.

    tibia

    13. September 2010 at 11:15

  8. Bei uns wird ebenfalls jede Sekunde erfasst. Dazu kommt, im Falle eines kurzfristig uebernommenen Dienstes („kannst Du morgen Abend…?) gibt es statt 200% volle 400% …

    Patrick

    13. September 2010 at 12:37

  9. das mit den kurzfristig übernommenden diensten gefällt mir ganz gut. bei uns läuft das in etwa so ab, dass einem morgens angekündigt wird, dass man erst am nächsten morgen nach hause darf, extra vergütung gibt es nicht, und gerade wochentagsdienste bringen ja sowieso fast nichts extra ein.

    Doc Brown

    13. September 2010 at 13:37

  10. Diese Ansagen kenne ich auch: „Ja was macht ihr denn da eigentlich in der Buchhaltung den ganzen Tag?“ Dieses in einem Autohaus vorgefallen. Ich hatte aber den ganzen Tag über ziemlichen Stress, um jeweils meine Arbeit überhaupt zu schaffen, ohne Pausen und sehr oft mit Überstanden. Es gab auch über die Jahre keine Zeiten, in denen ich sagen konnte: Es läuft mal etwas ruhiger.In der Verwaltung ist die Arbeit halt oft nicht so offensichtlich und fassbar wie „Das Fahrzeug ist jetzt fertig repariert und kann abgeholt werden.“ Falsche Lohn- und Gehaltsscheine wurden bei uns aber berichtigt, Überstunden konnten in der Verwaltung nur abgebummelt werden. Da kamen schnell ein paar Tage zusammen.

    MSchnettel

    13. September 2010 at 15:48

  11. Kann das Haus nicht einfach eine Verwaltung einstellen, die sich für dich mit der Verwaltung herumärgert?

    Thomas netAction

    13. September 2010 at 17:29

  12. Gibt’s denn keine Möglichkeit, dagegen Rechtliche schritte einzuleiten oder so? Tatsächlich den Arbeitsschutz verständigen? Arbeiten will man doch unter solchen Bedingungen in diesem Krankenhaus sowieso nicht, insofern ist das mit der anschließenden Kündigung auch kein Problem mehr. Da sollte auch das vermutlich schlecht ausfallende Arbeitszeugnis kein Problem darstellen, beim herrschenden Ärztemangel…

    Freierfall

    13. September 2010 at 19:14

  13. Als eher Arbeitgeber-orientierter Angestellter sollte ich mich eigentlich still zurücklehnen, mich über die Geschenke der Arbeitnehmer an die Menschheit freuen, und in meinem Betrieb eine Software einführen, die „leider“ technisch nur Minusstunden erfasst. So ein Pech auch.

    Ich hatte schon mal ähnliche Fragen gestellt:
    Was sagt der Arbeitsvertrag? Was sagt der Tarifvertrag? Habt ihr keine Arbeitnehmervertretung? Wenn ja: Wann setzt ihr bei denen die Benzos ab, damit die endlich das machen, wofür sie zu gebrauchen sind, nämlich in solchen Fällen dem Arbeitgeber ans Bein zu pinkeln?

    Mr. Gaunt

    13. September 2010 at 21:16

  14. Ich würde einen Rechtsanwalt aufsuchen. Ist ja nicht Deine Schuld, wenn die Buchhaltungssoftware nichts taugt (wenn es denn mal stimmt.).

    michael

    14. September 2010 at 02:53

  15. Ich hab da übrigens sehr schnell gekündigt. 😉
    Seitdem arbeite ich nicht mehr in einem Krankenhaus und bekomme Anfälle von Übelkeit und Brechreiz, wenn ich mich einem solchen Gebäude nähern muss…

    me

    14. September 2010 at 09:27

  16. Während meiner Ausbildung hatte ich kurz über ein angehängtes Pädiatriestudium nachgedacht. Dann kam mir das Leben in Form von Mann und Kind dazwischen.. dann >strike>ausgebeutet werden gearbeitet.. Kind2. Pläne danach lang schon über Bord geworfen, weil Lebensmitelpunkt verlagert.
    Und würde ich in meiner jetzigen Lebnssituation Ärztin sein und 50% arbeiten, würde ich ca. 300 Euro mehr verdienen als in meinem jetzigen Beruf. !!! 300 Euro für eine akademische und mindestens doppelt so lange Ausbildung mit sicherlich mehr Verantwortung und wesentlich mehr verkaufter Lebenszeit. Halleluja.

    Ob Pflege oder Arzt – es ist schon eine sehr ideelle Entscheidung. Jedenfalls nicht eine des Geldbeutels oder pragmatischen Lebensplanungen.
    Im nächsten Leben werde ich übrigens Lehrer Krankenhausmanager. ;-P

    Muckeltiger

    14. September 2010 at 23:21


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