Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Verhältnis zwischen Ärzten und Schwestern

with 14 comments

Eine Leserin fragt:

Ich bin zwangsläufig häufig als Patientin in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern unterwegs. Hierbei bin ich bisher davon ausgegangen, dass zwischen Ärzten und Schwestern stark abgegrenzte Hierarchien herrschen. Wenn ich aber Deine Beiträge in dem Blog lese, denke ich es ist eher ein paritätisches Miteinander zwischen den beiden Berufsgruppen. Wie verhält sich das denn nun in Deutschland?

Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Das Verhältnis von Ärzten und Pflegepersonal ist von Krankenhaus zu Krankenhaus, und von Abteilung zu Abteilung unterschiedlich. Als Faustregel gilt vielleicht dass in größeren Häusern und Unikliniken ein eher lockerer Umgangston besteht, in Kleinstädten und in kirchlich geführten Häusern ist man hingegen eher formell. Im OP, in der Ambulanz, in der Notaufnahme und in der Intensivstation arbeiten Ärzte und Pflegepersonal viel enger zusammen als auf normalen Pflegestationen. Auf Intensivstationen und im OP tragen alle Angestellten die gleiche Funktionskleidung, hier ist oft auf den ersten Blick gar nicht erkennbar, wer Arzt und wer Pflegekraft ist.
Innerhalb der Ärzteschaft herrscht in den meisten Krankenhäusern immer noch ein starkes Hierarchiegefüge, auch wenn dies heutzutage nicht mehr so starr ist wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Assistenzärzte duzen sich in der Regel untereinander und duzen sich oft mit dem Pflegepersonal (manchmal auch mit den Auszubildenden). Oberärzte werden meistens gesiezt – von Assistenzärten und von Pflegepersonal. Den Oberarzt duzen dürfen oft nur diejenigen Assistenzärzte und diejenigen Schwestern und Pfleger, welche den Kollegen schon kannten, als er noch Assistenzarzt war. Der Chefarzt wird meistens gesiezt.
Nicht selten ist übrigens das „asymmetrische Du“ – eine Praxis, die aber eigentlich sehr unhöflich ist.

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Written by medizynicus

15. September 2010 um 06:57

Veröffentlicht in Nachdenkereien

14 Antworten

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  1. Ich hab gegooglet, und das ist wirklich sehr unhöflich. Nahezu respektlos. Darauf würde ich mich nicht einlassen.

    Anise

    15. September 2010 at 08:35

  2. Das „Du“ zwischen Arzt und kranker Schwester auf der einen Seite und Hierarchiefreiheit auf der anderen Seite sind zwei unterschiedliche Dinge.

    Das joviale „Du“ zwischen Arzt und kranker Schwester als Angehörige unterschiedlicher Berufsgruppen verdeckt, dass es ganz klar zementierte und noch immer unüberwindliche Grenzen gibt. Auf speziellen Fachabteilungen mag das ein wenig aufgeweicht sein, aber ansonsten herrscht Hierarchie allerorten.

    Nach wie vor dürfen sich kranke Schwestern noch immer irgendwo beim Reinigungspersonal einordnen – und werden auch so wahr genommen.

    Leider

    Michael

    15. September 2010 at 10:07

  3. Nur durch ein „Du“ verschieben sich ja nicht die Kompetenzen. Es schafft aber ein deutlich angenehmeres Arbeitsklima, von dem ja letztlich auch die Patienten profitieren.
    Und ich denke, nach wie vor ist es immer von Vorteil, sich mit den „kranken Schwestern“ gut zu stellen. :o)

    Nadine

    15. September 2010 at 12:31

  4. Wer das Sie zur vermeintlichen Sicherstellung seiner Autorität braucht, ist mir – gerade im Arbeitsalltag – hochgradig suspekt.

    Schlimm finde ich das Siezen innerhalb einer beruflichen Hierarchieebene, während andere, mit denen man gleichermaßen viel Arbeitszeit verbringt, geduzt werden. Oder das sukzessive Duzen, bei dem sich neu hinzukommende KollegInnen (von Siezern gerne MitarbeiterInnen genannt) das Du erst mit der Zeit „verdienen“ müssen.

    Ich biete meinen Teams immer das Du an, was (wenn auch sehr selten) von KollegInnen, die das mit ihren Teams nicht tun, suspekt beäugt, resp. mit Entsetzen bedacht wird.

    Siezen konstruiert ein Machtgefälle jenseits einer Kommunikation auf Augenhöhe, und ich beneide jene Länder sehr, in denen es ein Sie nicht gibt.

    antagonistin

    15. September 2010 at 15:18

  5. Korrektur: Ich meinte natürlich, ich finde das Duzen innerhalb einer Hierarchiebene schlimm, während andere gesiezt werden. 😉

    antagonistin

    15. September 2010 at 15:20

  6. Hallo Nadine, ich bin kein Freund von „Du“ am Arbeitsplatz, auch und gerade nicht in der Klinik. Es gaukelt eine Verbundenheit vor, die es in der Realität nicht gibt. Und „Du A+++loch“ sagt sich leichter und schneller wie „Sie A+++loch“. Und an den informellen Machtverhältnissen ändert das angeblich freundliche „Du“ gar nichts.

    „Sie“ impliziert eine andere Stufe von gegenseitigem Respekt.

    Michael

    15. September 2010 at 15:21

  7. @antagonistin: Mir fällt der schwedische Konzern mit dem Elch ein: Da ist das vermeintlich freundliche „DU“ Zwang – alle duzen sich, von ganz unten bis nach ganz oben.

    Aber ausgerechnet dieser Konzern darf zu den rüdesten gezählt werden, was den Umgang mit den Arbeitnehmern angeht.

    Es ist nicht das „DU“, dass etwas an den Machtverhältnissen ändert…

    Michael

    15. September 2010 at 15:24

  8. Hallo Michael!
    Wenn man viel Zeit miteinander verbringt (teilweise arbeitet man schon einige Jahre zusammen)und man sich gut versteht, warum sollte man sich nicht duzen? Ich habe nicht weniger Respekt vor „unseren“ Ärzten, nur weil ich sie duze und die Ärzte haben nicht weniger Resekt vor uns „kranken Schwestern“.
    Wie bereits gesagt, ich denke, dass soetwas auch das Arbeitsklima deutlich angenehmer macht.
    Letztlich sollte man das aber so handhaben, wie es einem selbst am angenehmsten ist und nicht, weil es auf Station so üblich ist.

    LG Nadine

    Nadine

    15. September 2010 at 15:51

  9. Michael, sorry, aber Deine beiden uralten Klischees (Ikea und die Floskel „Du Arschloch/Sie Arschloch“) scheinen mir wenig geeignet, das Ganze ernsthaft zu beleuchten.

    Ich teile Nadines Meinung – Respekt hat absolut nichts mit der Anrede eines Menschen zu tun. Wenn ich jemanden allerdings ein Arschloch finde, dann tue ich das, egal ob ich diese Person duze oder sieze. Und ein Du meinem Team gegenüber impliziert auch nicht, dass wir hierarchielos miteinander umgehen – die Strukturen sind nun mal existent. Ich muss sie allerdings nicht auch noch atmosphärisch zementieren, indem ich KollegInnen auf gleicher Ebene duze, mir „Untergebene“ hingegen sieze.

    Ich stimme Dir zu, ein Du ändert keine Machtverhältnisse, aber es bietet einen Kontakt auf Augenhöhe und vermittelt meinem Gegenüber, dass es mir ebenbürtig ist – egal in welcher Position.
    Ich fänd es akzeptabel, wenn sich in einer Einrichtung alle gleichermaßen siezen (auch wenn es mir persönlich nicht behagt), aber ich lehne die UArt und Weise ab, mit der Macht demonstriert wird durch unterschiedliche Anrede.

    antagonistin

    15. September 2010 at 17:35

  10. @ Michael: von mir auch sorry, der IKEA-Vergleich mag stimmen, bildet aber die Situation nicht richtig ab. Ich war diesen Sommer als Student acht Wochen an einer Uni-Klinik in Schweden – es gibt dort generell kein „Sie“ im allgemeinen Sprachgebrauch…und in einem so angenehmen, wertschätzenden Klima mit extrem unarrogantem, chefärztlichem Personal habe ich mich noch nie bewegt.

    Markus

    15. September 2010 at 18:31

  11. „assymetrisches Du“ ist eine absolute Unverschämtheit, und wenn ich jemandem Begegne, der mich Duzt, obwohl ich ihn Sieze, aber ohne mir das Du anzubieten, kläre ich den erstmal darüber auf, was ich davon halte, unabhängig davon, auf welcher „Hierarchieeben“ derjenige sich befindet.
    Ansonsten bin ich aber voll für Du, wenn das in gegenseitigem Einverständnis passiert.

    Freierfall

    15. September 2010 at 20:24

  12. „assymetrisches Du“ find ich eigentlich OK, weil ich dann automatisch davon ausgehe, das ich meinen Gegenüber auch duzen kann.
    Die Frage, ob man denn duzen darf, kann unter Umständen etwas unangenehm sein – und so ist es eben unausgesprochen gleich beim Du.

    Abmahner

    16. September 2010 at 11:59

  13. @ Markus: Genau das ist es doch: In Schweden wird geduzt und das ist auch gut so. Aber nicht das „DU“ ist die Grundlage des etwas anderen Umganges miteinander, es ist eine völlig andere Kommunikationskultur.

    Wenn man sich daraus nur das Duzen heraus nimmt und auf hiesige Verhältnisse übertragen will, kommt hier bei uns keine Veränderung der Kommunikationsstruktur dabei heraus, es ist allenfalls eine Äusserlichkeit.

    Der Eine mag’s, der andere nicht. ich gehöre zu den Letzteren (und sehe mich oft genug Situationen ausgesetzt, wo ich mich duzen lassen muss, obwohl ich es nicht möchte)

    Michael

    17. September 2010 at 09:22

  14. Mein Gott diese Sietzerei.Typisch Deutsch!!Ich hasse diese Sietzerei.Ich finde die antagonistin hat recht.Ich habe auch die Erfahrung gemacht,dass manscheKS gerne das „Sietzen“ ausnutzen um deren Position zu heben.Ich bin Stationsärztin und natürlich auch nicht so alt,habe daher mit einigen Krankenschwestern Probleme, vorallem wenn ich sie ohne „ihre Genehmigung“ dutze, dabei ist es nur nett gemeint.
    Ich habe eins werde ich in Zukunft trotzdem tun: solange sietzen bis man mir das Du anbietet.Typisch Deutsch eben.

    tamtam

    13. Januar 2011 at 16:22


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