Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Warum ich nicht auf Ärztedemos gehe

with 15 comments

Immer wieder mal machen Ärzte von ihrem in unserer Verfassung garantierten Demonstrationsrecht Gebrauch. Mal sind es mehr, mal sind es weniger. Mal steigt eine Riesensause in Berlin, ein anderes Mal sind es nicht ganz so viele in Köln. Ab und zu sind’s die Krankenhauskollegen und mal die Anderen. Und gestern, ach ja, gestern da war’s dann wieder mal soweit.
Ja, gestern, da sind halt dann die Hausärzte auf die Barrikaden gegangen.
Ja.
Hmm.
Und?
Zwei von ihnen halten ein Transparent in die Kameras, auf dem steht: „Erst stirbt die Praxis, dann stirbt der Patient!“
Glaub ich nicht, was da steht.
Aber mich fragt ja keiner.
Das Photo dieser beiden Kollegen aus Essen verbreitete sich gestern lauffeuerartig durch Fernsehen und Internet und ist heute in den Printmedien zu sehen, allerdings nicht unbedingt immer auf der Titelseite.
Die Ärztezeitung berichtet ausführlich und tendenziell wohlwollend über die Veranstaltungen, Spiegel Online hingegen schlägt andere Töne an: „Ärzte sahnen trotz Wirtschaftsflaute kräftig ab!“ heißt es.
Die können wohl ihren Hals nicht voll kriegen, oder?
Hmmm.
Böse, böse, diese Unterstellung!
Also, ich bin nicht hingegangen. Weder gestern in Essen oder Sindelfingen noch im März in Köln noch vor zwei Jahren in Berlin.
Warum nicht?
Wollt Ihr es wirklich hören?
Aber ich will kein Nestbeschmutzer sein. Nee, wirklich nicht. Trotzdem muß es einmal gesagt werden:
Es gibt nämlich längst genug Geld!
Richtig, Leute, im deutschen Gesundheitswesen gibt’s irgendwo einen irrsinnig riesiggroßen gigantischen Haufen von Kohle, Asche, Schotter, Moos, Moneten, Marie und Penunzen.
Und mehr davon gibt’s nicht. Geht einfach nicht! Oder wollt Ihr etwa, dass die Krankenkassenbeiträge noch weiter ansteigen, auf zwanzig oder dreißig Prozent?
Nee? Wirklich nich? Richtig, ich auch nicht!
Das deutsche Gesundheitssystem ist ein gigantisches Nudelsieb, da kippt man oben eine Menge rein und kaum etwas bleibt hängen.
Die Kohle versickert in der Bürokratie und bei den Kleptokraten der Pharmaindustrie, heißt es.
Aber jetzt stellen wir uns mal vor: Alle Bürokraten und Manager würden am nächsten Laternenmast aufgeknüpft und und die Pharmaindustrie wäre mit vorgehaltener Waffe zur kostenlosen Herausgabe ihrer überteuerten Schätze gezwungen. Alles, wirklich alles Geld käme bei den Ärzten an (Pflegepersonal und andere Gesundheitsberufe kriegen auch ein bißchen ab). Was würde passieren?
Richtig, einige Ärzte würden verdammt dick absahnen. Und zwar genau diejenigen, die das heute schon tun. Und die anderen kriegen nix ab.
Das ist es nämlich, was zum Himmel schreit: ein extrem unfairer und undurchschaubarer Verteilungskampf innerhalb der Ärzteschaft und allen möglichen anderen Interessengruppen (zu denen natürlich auch die Pharmaindustrie und jede Menge Bürokraten gehören).
Die Hausärzte schneiden dabei übrigens gar nicht so schlecht ab. Zumindest in einigen Bundesländern. Und da ist man gestern auch nicht auf die Straße gegangen sondern hat sich heimlich ins Fäustchen gelacht.

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Written by medizynicus

16. September 2010 um 06:18

15 Antworten

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  1. Das mit dem Spiegel wird immer mehr zum Problem… Über die Bild und Co. schimpfen, aber gleichzeitig alles schlucken was der Spiegel schreibt.

    Auch wenn dieser meist gute Beiträge hat, kaum Enten, meistens im Recht… man vergisst einfach, dass der Spiegel alles andere als neutral ist. Der Spiegel geht eindeutig ins Linke!

    kaeks

    16. September 2010 at 07:03

  2. Immer wieder sehr interessant dieses Thema. Man könnte auch vom Jammern auf sehr hohem Niveau reden. Glaubt man verschiedenen Medienberichten, berücksichtigt man veröffentliche (auch amtliche) Statistiken, dann soll der durchschnittliche, also der Mittelwert aller ausgeübten Fachrichtungen von Niedergelassenen, der durchschnittliche REINERTRAG (vergleichbar etwa mit dem Bruttoeinkommen von Arbeitnehmern) rund 170.000,- € p. a. betragen. Wer mit einem solchen Einkommen kein Auskommen hat, der kann schlicht und ergreifend mit Geld nicht wirtschaften. Nun kann ich sehr gut und im wahrsten Sinne des Begriffes „aus der Praxis“ berichten. Nicht etwa als Mediziner, nein als Unternehmensberater. Ich kenne so manchen „Fuhrpark“, so manches „Privatanwesen“, so manches „Urlaubsdomizil“ in Eigentum“ und, und das nicht zu knapp, so manch sehr lukrative Firmenbeteiligung von den Damen und Herren der Zunft. Aber, es ist immer wieder das Streben nach „noch mehr“. Die Zahl von Praxisinsolvenzen (2009) ist prozentual so gering, dass man sie nicht einmal als nennenswert bezeichnet. Sehr erstaunlich auch die Tatsache, wieviele Niedergelassene sehr einträgliche Nebenjobs betreiben. Was die so alles vertreiben ist schon sehr bemerkenswert. Würde dieser Zeitaufwand in eine eingehende und verantwortungsvolle Patientenbehandlung investiert, wie würden sich die meisten Patienten freuen. Aber bekanntlich ist ja jeder für sein Handeln verantwortlich und wird irgendwann dafür eine „Rechnung“ begleichen müssen :-)).

    DocConsult

    16. September 2010 at 09:34

  3. Uiuiui, jetzt bin ich ja mal gespannt auf das Kommentar von drgeldgier.

    Zum Thema:
    Liegt das eigentliche Problem nicht weniger in der Menge als in der Verteilung des Geldes? Oft wird sich (von Ärzte Seite) über bestimmte Spezialisierungen aufgeregt die (zu Lasten derer die Meckern, versteht sich) mehr bekommen. Von der Pharmaindustrie ganz zu schweigen — wobei, das Problem hat schwarz-geld ja gerade gut „gelöst“ 😉

    Ist es eigentlich Zufall das die Seite http://www.roeslerol.de/ in FDP Farben gehalten ist? Urkomisch das.

    Felix Nagel

    16. September 2010 at 09:47

  4. @DocConsult: Interessant! Kannst Du nicht noch ein bisschen mehr aus dem Nähkästchen plaudern?

    medizynicus

    16. September 2010 at 10:03

  5. Ich habe gestern auch mit dem Kopf geschüttelt. Das ist ja schon taktisch ein totaler Schuss in den Ofen. Alle schimpfen auf Harzt IV Emfänger und fordern moderates Lohnabschlüsse bei den Normalverdienern und die Ärzte erwecken den Anschein, dass sie kurz vorm Exitus stehen. Da halte ich es mit Volker Pispers. Ich kenne keinen verhungerten Arzt.
    Dabei liegt für mich der Fehler ganz woanders. Die Bezahlung ist schon ok, aber die Arbeitszeiten und Bedingungen sind eine Katastrophe. Aber zumindest in der Klinik muss man für sein Geld auch ziemlich hart arbeiten, also bevor hier der Neid auf Ärzte ausbricht. Ich möchte nicht tauschen. Denn auf die Arbeitsstunden umgerechnet verdiene Ich mir als Lehrerin mein Geld einfacher als mein Mann.
    Hier würde Ich doch als Gewerkschaft ansetzten. Wo bleibt der wirksame Arbeitsschutz? Eine Arbeitszeit die es einem noch erlaubt seine Kinder auch mal wach zu sehen und nicht nur an der Nachttanke einkaufen zu gehen.
    Hier hätten sicher auch viele Patienten Verständniss, denn es geht ja auch um ihre Sicherheit.
    Die Klinik meines Mannes hat es nach 4 Jahren und ziemlich viel Kampf und Druck durch die Assistenten geschafft endlich die Dienstbelastung unter 10 im Monat zu drücken. Und natürlich bedeutet es für uns finanzille Einbußen, aber wir tragen sie gerne, weil wie Lebensqualität gewinnen und weil das Gehalt eben auch so reicht.
    Und um die Verteilung innerhalb der Ärzteschaft gerechter zu machen muss man nicht streiken, sondern sich berufspolitisch engagieren.
    Daher Danke für den guten Beitrag.

    aupairfamilienrw

    16. September 2010 at 10:08

  6. @ kaeks: Wie jeder gute Student in den 60/70ern hatte ich den Spiefel abbonniert, bis, ja bis ich mal einen Medizin-Artikel im New England Journal of Medizin, und anschließend seine deutsche Wiedergabe in Bild der Wissenschaft gelesen hatte (beide identisch: logo, sollte ja so sein). Und dann kam der Spiegel, berief sich sogar noch auf den Original-Artikel und schrieb – rotz-frech – genau das Gegenteil als „Ergebnis der Studie“. Da war’s für mich aus! Der Spiegel – und das habe ich auch später immer wieder erlebt – hat zwar ein sehr großes Archiv, auf das er sich auch gerne beruft – aber schreiben tut er damit, wie’s dem Autor gerade in den argumentatorischen Kram passt!

    @ medizynicus, Du hast ja Recht. Aber – um das Beispiel mit dem Durchschnittseinkommen eines Millionärs und eines Arbeitslosen zu bemühen – sollte sich der Arbeitslose nicht zu Wort melden? Und zweitens: Es geht hier nicht um’s Gesamteinkommen, es geht hier ums Arbeitsentgelt! Wenn ich weniger Arbeit und Verantwotung habe, bin ich durchaus mit weniger Geld zufrieden. Aber wenn mir der Staat, die Politik, die Gesellschaft und die Patienten immer mehr Arbeit auf’s Auge drücken, dann ist wohl zu erwarten, dass es dafür als Bezahlung nicht nur dumme Sprüche, Verläumdungen und Beleidigungen gibt, sondern Bares!

    Oder hälts Du das, was Du über Deine eigene Überstundenbezahlung (in <a href="https://medizynicus.wordpress.com/2010/09/13/was-ist-meine-arbeitszeit-wert/#comments""Was ist meine Arbeitszeit wert?") berichtet hast, vielleicht für erstrebenswert? Glaubst Du, dass dies Studenten als erstrebenswert und zukunftssicher ansehen und zuhauf Ärzte werden?

    Jahrzehntelang haben sich die Ärzte – entgegen jeglicher Marketingnotwendigkeiten – nur um ihre Arbeit gekümmert, bis das Ansehen und die Bezahlung so demontiert waren, dass der Nachwuchs ausbleibt! Träum weiter in Bad Dingenskirchen. Auch du wirst bald wegrationalisiert sein zugunsten einer neuen Planstelle in der Verwaltung. Oder Du bleibst der letzte Assistenzarzt, dann freu Dich schon mal auf einen 24 h-365-Tage-Bereitschaftsdienst!

    @ DocConsult, Du hast Dich wohl auf die falsche Seite verirrt. Hier lesen und schrieben Ärzte, die sich ganz sicher nicht von Dir beraten lassen brauchen, weil das, was du beschreibst, bei ihnen nicht zu finden ist. Im Übrigen hör ich da im Hintergrund die Schlangengesänge Deiner Branche, die ständig den Ärzten einflüstert „seid nicht blöd, lasst Euch von uns beraten, macht IGeL etc, das Geld liegt auf der Straße“. Diesen egoistischen und wirklichkeitsfremden Schmarrn dann auch noch hier als Argument anzuführen, ist schon höhere Dreistigkeit

    @ aupairfamilienrw, die Sitation beschreibst Du richtig, nur die Lösung (berufspolitisches Engagement, Arbeitskampf etc.) bringt halt im niedergelassenen Bereich nichts (mehr). Da hilft nur eins: KV-Zulassung zurückgeben. Und wenn ich als reiner Privatarzt damit kein Auskommen habe, dann ab ins Ausland! Wer heute noch demonstriert, glaubt noch an eine – veränderte, bessere – Zukunft!

    der Landarsch

    16. September 2010 at 11:23

  7. @Landarsch: Richtig, richtig, richtig, ich gebe Dir hundertprozentig Recht… okay, neunundneunzigprozentig.
    Also: Was mich an diesen Demos – und zwar an fast allen – nervt ist, dass es da dann doch bloß um mehr Geld geht. Und mehr Geld gibts nicht, ist einfach nicht, Feierabend. Es sei denn, man nimmt es wem anderes weg, und dann schreien die logischerweise auf.
    Worum es geht, sind die Arbeitsbedingungen. Noch einmal: Das Gehalt, so wie es vom Marburger Bund ausgehandelt ist, ist nicht schlecht. Und auch fast alle Niedergelassenen haben ein anständiges Auskommen. Deswegen: Bitte, bitte, bitte: Demonstriert doch einfach mal für weniger Arbeit anstatt für mehr Geld. Weniger Arbeit… das heisst NICHT, dass dann Patienten sterben, wie es das strunzsaublöddoofdämliche Plakat dieser Essener Idioten weismachen will.
    Alle beschweren sich über diesen Bürokratiemist, unbezahlte Überstunden undsoweiter… aber beim Demomstrieren gehts dann doch bloß um mehr Geld als „Schmerzensgeld“.
    Und das kotzt mich an!
    Ich hätte gerne weniger Arbeit fürs gleiche Geld, dafür ginge ich gerne auf die Strasse… aber da kommt ja keiner mit!

    medizynicus

    16. September 2010 at 11:46

  8. @ medizynicus, jetzt geb ich Dir unumwunden recht. Aber kannst Du Dir ein Plakat auf einer Demo vorstellen wo drauf steht „Wir wollen weniger arbeiten“? Das ist ja – zumindestens in Deutschland – mit Verlaub – noch lächerlicher!

    der Landarsch

    16. September 2010 at 12:20

  9. @medizynicus und landarsch: Recht habt ihr!! Ich will nicht mehr Geld sondern Lebensqualität oder auch mal einfach nur ein Danke.
    Bin im Moment die einzige Assistentin, der Rest sind Gastärzte mit 80 Euro/h für die Dienste (auch wenn sie schlafen). Ist aber ok, so kann ich operieren, juhu… also, es läßt sich Geld verdienen.
    Aber die Bürokratie bringt einen um.
    Zum Beispiel:
    1. Patient kann entlassen werden, warten aber seit zwei Wochen auf eine Einstufung, da er in Kurzzeitpflege muß… Jeden Tag hinterhertelefonieren.
    2. Hatte letzte Woche die ED eines OvarialCa, habe mich echt krumm gemacht und überall geschleimt, Verlegung in die Gyn in den Nachbarkreis in 3 Tagen möglich, da noch Wochenende dazwischen: Ob ich noch ganz dicht wäre, schließlich würde in den drei Tagen der Tu noch wachsen…
    3. RD kippte letzte Woche gleich drei Leute ab und nebenbei noch Laufambulanz (also alles, was sonst kommt), u. a. eine HWS- Distorsion vor drei Tagen. Diese stand, als wir am reanimieren waren plötzlich in der Tür und fragte, wie lange sie noch warten solle. Alle Beruhigungsversuche halfen nichts. Jetzt will sie uns verklagen!

    Wenn die Patientin etwas mehr sensibilisiert wären, was geht und was nicht geht, wäre uns schon geholfen und die Arbeitszeiten etwas moderat. Ich glaube, ich hatte schon an anderer Stelle erwähnt, dass wir noch 24 Stunden- Dienste machen, die meist aber so 26- 27 Stunden dauern. Das kriegen natürlich auch unsere Patienten mit und bedauern uns, bitte nicht falsch verstehen, das will ich gar nicht, also auf keinen Fall Mitleid.

    Aber die, die es mitbekommen, haben auch viel Verständnis, dass nicht alles gleich und sofort geht.

    mausel

    16. September 2010 at 13:35

  10. @Landarsch

    Also ich muss hier mal als Nicht-Mediziner sagen, dass es bestimmt für viele Nicht-Mediziner nachvollziehbarer wäre, wenn auf weniger Überstunden gefordert würden anstatt mehr Geld. Denke dann würde auch die Loyalität in der Bevölkerung steigen.

    noname

    16. September 2010 at 14:20

  11. @noname

    Ich kann noname nur zustimmen. Wenn Ärzte 24 Std. und mehr durch arbeiten sind doch Fehler vorprogrammiert. Und dies alles bei derart viel Verantwortung für das Leben von Menschen. Das sind Zustände, die in fasst allen anderen Berufsgruppen vor sehr vielen Jahrzehnten notwendig waren. Ich bewundere auch immer wieder Ärztinnen, die bei diesem Arbeitspensum Kinder bekommen und diese dann auch groß ziehen.

    MSchnettel

    16. September 2010 at 15:10

  12. > Da hilft nur eins: KV-Zulassung zurückgeben.

    Das find ich auch! Wenn die Ärzte der Meinung sind, dass die KV-Bezahlung ihre Unkosten nicht deckt, sollten sie die Kassenzulassung zurückgeben.

    > Worum es geht, sind die Arbeitsbedingungen.

    War das nicht beim ersten Ärzte Streik eine der Hauptforderungen? Und was hat der Marburger Bund denn diesbezüglich erreicht? Nichts, wenn ich mich richtig erinnere. Mag aber sein, das ich mich falsch erinnere.

    michael

    17. September 2010 at 00:45

  13. Jetzt werden wieder “die Ärzte” in einen Topf geworfen. Weshalb? Weil die Situation extremissimo kompliziert ist.
    Einen nach 24 Stunden weiterarbeitenden Chirurgen betrachtet der Patient mit einer Mischung aus Mitleid und Todesangst. Wegen dieser Empathie ist da auch eine ordentliche Entwicklung zu verzeichnen.
    Einen Hausarzt, der wegen durchschnittlich 18! Kontakten pro Patient pro Quartal nur eine traurige 7 Minutenmedizin erbringen kann, dem wird sogar noch vorgeworfen weshalb er keine Zeit habe? Diese Zahl von “18 Mal in die Praxis Laufen” ist eine Folge dieses abgründig
    schlechten KV-Systems. So etwas macht entsetzliche Arbeitsbedingungen.

    Und dann die schlangengleich hintertückisch verkomplizierte Bezahlung der Hausärzte. Sie bekommen Pauschalen für ihre Arbeit. Das bedeutet, der Patient kann 18 oder auch 28 Mal kommen und kein Cent mehr wird gezahlt.

    Was lernt der Patient? Es gibt keine Bremse, bei der kostenlos arbeitenden Praxis mal eben reinzugucken. Das als “niederschwellig” politisch korrekt verkaufte Angebot wird dadurch für die Patienten “billig” entwertet und (oft) missbraucht.

    Was lernt der Arzt? Wenn er bei seinen Patienten beliebt ist, dann muss er immer gehetzter arbeiten und sein Praxisteam wird als Familienmitglied missbraucht.
    Hat der Arzt durch Überarbeitung bei gleichzeitig hoher Akzeptanz eine entsprechend große Patientenzahl im Quartal, dann bemerkt er schnell, wie ihm mit dem Fachausdruck “Leistungsbegrenzung” so etwa ein drittel seiner erbrachten Arbeiten “gestrichen” werden, einfach nicht bezahlt werden.
    Welcher normale Mensch will denn von diesen verquasten und unverständlichen Dingen hören? Und glauben Sie mir, es ist nur ein verschwindender Bruchteil des “Streichorchesters”, dessen Missklänge die Hausärzte permanent hören.
    Hausärzte und andere Niedergelassene bekommen als Bezahlung ein sogenanntes Honorar . Es ist so irrsinnig organisiert, dass kaum einer der Ärzte die Abrechnung am Ende lesen und verstehen kann. Ich kann es nicht und ich habe aufgegeben.
    Leider leider ist unter den Ärzten immer nur der Gedanke an Verbesserung des Einkommens kommunizierbar. Über die Änderung des Systems sind alle uneinig. Mein Wunsch: Man müsste die Bezahlung der Niedergelassenen an die mit den Patienten verbrachte Zeit binden, dann einen Stundenlohn bezahlen, der angemessen ist und die Praxisunkosten von der Kassenärztlichen Vereinigung tragen lassen. Das wären für mich sinnvolle Schritte, die vor Allem TRANSPARENZ erzeugen würden. Aber in D passiert das Gegenteil: Immer neue Verwaltungsvorschriften, Regelleistungsvolumen, Qualitätsbudgets u.v.m.
    Das ist eine hochgefährliche Entwicklung. Aber sie ist so komplex. Keiner will das hören.

    Ist doch viel schöner die alten Klischees zu bedienen….

    Kreativarzt

    17. September 2010 at 20:50

  14. Ich gehe auch zu keiner solchen Demo, und auch ich gehe nicht, weil mich die thematische Ausrichtung, um mehr Geld zu betteln stört. Auch gerechtere Verteilung, oder weniger Arbeitsbelastung, wie hier von einigen vorgeschlagen wären da nicht besser.

    Obwohl, ich kann die Leute gut verstehen, die das tun. Wir leben in einem System, wo den Kassenärzten gar keine andere Möglichkeit bleibt als zu jammern, um mehr Geld zu betteln und Anerkennung zu flehen:
    Stell Dir vor, Medizynicus, Du bräuchtest mehr Geld oder wärst aus irgendwie nachvollziehbaren Gründen der Meinung Du solltest mehr bekommen. Nehmen wir weiter an mit Einschmeicheln beim Chef, guter, vorbildlicher Arbeit und Überstunden hast Du bereits alle Register gezogen, doch ohne Erfolg. Nehmen wir weiter an Du konntest von Kollegen lernen, dass auch eine Klage vor dem Arbeitsgericht nichts bringt. Was bleibt Dir denn da noch, als zum Direktor zu gehen und zu jammern oder Horrorszenarien zu malen. Zumal das Jammern in dieser Gesellschaft stets belohnt wird. Von den H4-Empfängern mal ganz abgesehen, habe ich in dieser Gesellschaft auch schon gut versorgte Beamte, und gut verdienende IGMetall-Arbeiter jammern sehen. Das Jammern ist zu solch einer Kultur geworden, dass Berufsjammerer zu den höchstbezahltesten Berufen gehören, siehe Betriebsräte und Gewerkschaftsfunktionäre. Wer andererseits in dieser Gesellschaft nicht jammert sondern brav und ordentlich seine Arbeit tut, wird mit Vernachlässigung bestraft. Dies ist keine Leistungsgesellschaft, es ist eine Jammergesellschaft. (Das gleiche konnte man übrigens auch von der ehemaligen DDR sagen.)

    Ja und insofern bin ich gegen solche Demonstrationen, denn jeder neu aufgemachte Jammerzirkus stabilisiert nur das System. Er bestärkt die Machthaber in ihrer sich zu unrecht angeeigneten Rolle als Verteiler der Ressourcen. Hingegen, an einer Demo zum Systemwandel zur Wahrung und Wiederherstellung bürgerlicher Grundrechte, so zum Beispiel zur Abschaffung der Leibeigenschaft für Kassenärzte, an solch einer Demo würde ich gern teilnehmen.

    Kamhameha

    18. September 2010 at 11:14

  15. In meinem Statement sollte es heißen 18 Kontakte im Jahr, nicht Quartal. Kam wahrscheinlich vom gefühlten Quartal.. Aber das ändert nichts am Missbrauch unserer Arbeitszeit.
    Kamhameha hat recht: eine Demo zur Abschaffung der kassenärztlichen Leibeigenschaft wäre nötig. Aber das haben selbst die Kollegen nicht gemerkt, dass wir Leibeigene sind! Wir haben Arbeitszwang an Stelle eines freien Berufes. Egal, ich habe den Glauben an eine Verbesserbarkeit des Systems verloren. Wenn Röhn und Patiomed Freunde erst alles übernommen haben, dann kappieren es Einige. Zu spät. Ich empfehle den offenen Brief von Frau Hartwig auf Kollegen Geldgier`s Blog!

    Kreativarzt

    18. September 2010 at 20:11


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