Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Schlagmichtot Senior (Teil 2)

with 6 comments

Ich ziehe meinen Finger aus seinem Arschloch.
Ist ziemlich viel Scheiße dran. Scheiße und ein wenig Blut. Blut in der Scheiße ist nicht gut.
„Und?“ fragt der Patient. Er hat Ringe unter den Augen, das Gesicht wirkt grau und eingefallen.
„Hmmm.“ sage ich, ziehe meine Gummihandschuhe aus und werfe sie in den Müll.
Gelbe Tonne für infektiöse Abfälle. Aus dem Seifenspender drücke ich eine doppeltgroße Extraportion bläulichen Glibber auf meine linke Handfläche, verreibe das Zeug sorgfältig und lasse den Wasserhahn rinnen.
„Alles in Ordnung?“
Nicht so richtig.
Nee. Eigentlich gar nicht.
Der Knubbel da hinten im Arschloch, der gehört da nämlich normalerweise nicht hin. Oder drücken wir uns vielleicht doch mal lieber etwas gewählter aus: Wenige Zentimeter hinter dem Darmausgang eine derbe, knotige Veränderung, die bei Berührung blutet.
„Ist bei Ihnen mal eine Darmspiegelung gemacht worden?“ frage ich.
Er schüttelt den Kopf.
„Und die allgemeine Krebsvorsorge?“
„Schon lange her… Bestimmt mindestens zehn Jahre.“
„Hmmm.“
„Ist es schlimm?“
Statt einer Antwort stelle ich eine Gegenfrage.
„Seit wie lange geht das denn jetzt schon?“
„Was meinen Sie?“
„Jetzt erzählen Sie doch bitte alles noch einmal von vorn. Wann und wie hat das angefangen?“
„Das mit dem Durchfall, meinen Sie? Seit vier Wochen…“
„Und vorher?“
„Ich hatte immer schon Probleme mit dem Stuhlgang, Verstopfung, wissen Sie. Seit Jahren. Darum habe ich mir nichts dabei gedacht…“
„Und dann?“
„Dann habe ich mich immer so schlapp gefühlt… und abgenommen habe ich auch…“
„Wann sind Sie zum Arzt gegangen?“
„Erst gestern Nachmittag. Weil das mit dem Blut nicht aufgehört hat…“
„Was hat Ihr Hausarzt gesagt?“
„Der wollte mich gleich ins Krankenhaus schicken…“
„Aber?“
„Ich hatte noch etwas zu erledigen. Ging gestern nicht. Aber jetzt sagen sie mir doch endlich, was mit mir los ist!“
Ich räuspere mich.
„Wir müssen eine Darmspiegelung machen.“
„Wann?“
„So schnell wie möglich.“
„Oh…“
„Die Untersuchung ist zwar etwas unangenehm, aber normalerweise…“
„Ist es schlimm?“
„Was?“
Der Patient wird noch bleicher als er sowieso schon ist.
„Habe ich etwa…. Krebs?“
Ich will einen Besen fressen, wenn das nicht der Fall sein sollte. Es gibt Menschen, denen sieht man die Malignom-Diagnose an der Nasenspitze an. Und dieser gute Mann gehört dazu. Aber sagen werde ich es ihm erst dann, wenn die Diagnose gesichert ist.
Und jetzt werde ich erstmal den Oberarzt informieren.

Written by medizynicus

24. September 2010 um 05:14

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Tagged with ,

6 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. hm, ein unternehmensberater also?

    wieso steckt dem nicht der chefarzt den finger in den po?

    vll. könnte man sich die spiegelung ja sparen wenn der chef einfach mal eben nochmal reinkriecht?

    stachel

    24. September 2010 at 10:03

  2. Und wenn es Patient Meier, 50 Jahre Bergbau (oder so) wäre, würdest du ihm den Verdacht sagen oder auch erst nach der sowieso fälligen Spiegelung?

    Blogolade

    24. September 2010 at 19:58

  3. och ja, das hätte ich in diesem Fall wahrscheinlich auch gleich eine Etage nach oben eskaliert – vor der rekatalen Untersuchung.

    anna

    24. September 2010 at 21:12

  4. wie ich es liebe, wie du dich oft erst mal vorsichtig und gehoben ausdrückst… um dann den nächsten eintrag mit irgendwelchen total derben schilderungen zu beginnen 😀 absolut cool. ich erinnere da nur an den post über’s händewaschen nach dem scheißen…

    nadi

    24. September 2010 at 22:12

  5. (Wenn das auf einer wahren Begebenheit beruhen sollte…)
    Kommen wir zum Thema zurück, der Typ hat wahrscheinlich Krebs! Und nur das sollte eigentlich bei einem Krankenhaus zählen ein Typ mit Krebs.

    Hoffentlich kommt er halbwegs gut durch…

    Dennis

    24. September 2010 at 22:29

  6. @blogolade: Ob ein Patient Hilfsarbeiter oder Unternehmensberater ist, interessiert mich erstmal nicht, wenn es um so eine heftige Sache geht…. Die Diagnose wird ihm erst mitgeteilt, wenn sie gesichert ist, also nach der Coloskopie und nach der Histologie. Wieviel man ihm vorher sagt oder andeutet hängt sehr von der jeweiligen Persönlichkeit ab….

    medizynicus

    25. September 2010 at 02:33


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s