Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Was soll die Kasse zahlen?

with 13 comments

Aus. Schluß. Vorbei. Mehr Geld gibt’s nicht.
Die Arzthonorare sind hoch genug, behaupten die Politiker.
Wer sich mit unserem Gesundheitssystem beschäftigt, weiß: es gibt eine Menge Einsparungspotentiale bei Pharmaindustrie und Bürokratieabbau. Aber selbst wenn jemals politisch durchsetzbar sein sollte, hier konsequent durchzugreifen: irgendwann sind auch diese Ressourcen aufgebraucht und die Ausgaben steigen trotzdem weiter. Und spätestes dann geht’s ans Eingemachte.
Tatsache ist: Wir werden immer älter.
Der Bedarf für medizinische Dienstleistungen steigt. Aber unsere Ressourcen sind begrenzt.
Medizinischer Fortschritt sorgt dafür, dass immer mehr machbar ist, doch ist das Ganze irgendwann nicht mehr bezahlbar. Da helfen keine Schönfärbereien: Früher oder später werden wir uns also ein paar unbequeme Gedanken machen müssen.

„Bisher gilt der Grundsatz, dass das was an Bedarf da ist auch bezahlt wird. In Zukunft bestimmt nicht mehr der Bedarf die Mittel, die verbraucht werden, sondern die Mittel bestimmen die Leistungen, die noch erbracht werden können“

sagte Fritz Beske, Direktor des Instituts für Gesundheits-System-Forschung Kiel letztens.
Was also sollen die Krankenkassen in Zukunft noch bezahlen?
Dass die Behandlung einer akuten Blinddarmentzündung und eines Herzinfarktes auch weiterhin zum Leistungskatalog gehören sollten… darüber sind wir uns einig. Aber wie sieht es mit den Folgenden Dingen aus?

  • Präventiongilt als heißer Kandidat fürs Streichkonzert. Prävention sei nunmal Privatsache und nicht Aufgabe der Kassen. Dass man sich damit ins eigene Fleisch schneidet, haben die Kassen allerdings inzwischen kapiert.
  • Vorsorgeuntersuchungenmanche sind sinnvoll, manche nicht.
  • KontrazeptionWarum die Pille in Deutschland nicht von der Kasse bezahlt wird, ist mir schleierhaft
  • RaucherentwöhnungWenn’s klappt: Lebensqualität gewonnen, langfristig Kosten gespart.
  • HokuspokusmedizinWer an die Heilkraft von Kristallen und Sternzeichen glaubt soll es gerne tun, aber nicht auf meine Kosten.
  • KurenBringen die etwas, rein medizinisch gesehen? Gibt’s Studien dazu? Kein anderes Land leistet sich diesen Wahnsinn!
  • Neue Medikamente, bei denen noch kein Nachweis darüber vorliegt, dass sie erheblich besser sind als bisherige Präparateheißes Eisen…
  • Extrem teure Medikamentesind manchmal dringend notwendig und unvermeidbar. Lassen sich manchmal aber auch ersetzen. Wer soll darüber entscheiden?
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Written by medizynicus

25. September 2010 um 06:20

Veröffentlicht in Nachdenkereien

13 Antworten

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  1. Wird der teure Fortschritt oft unnötig angewendet?

    Blogolade

    25. September 2010 at 09:16

  2. @Blogolade: diese frage darf man zu recht stellen. aber sie wird, jedenfalls aus meiner erfahrung heraus, auch oft nur dort angewendet wo sie sich lohnt. sprich bei patienten die es sich ohnehin leisten könnten.

    medizynicus: prävention, was hilft sie einem wenn man sich den mund fusselig redet, tut und macht und die zukünftigen patienten zuhause dann doch wieder zur bierpulle, zigarette oder anderen luxusgütern im übermäßigen gebrauch greifen ?

    die sache mit den medikamentenkosten ist ja auch in der BRD recht brisant. wiso kostet das gleiche präparat – hergestellt in der BRD – im ausland deutlich weniger ? die frage muß man sich doch auch gefallen lassen.
    außerdem, was hilft sie, wenn in der heutigen zeit gerade in billiglohnlonsegment, der mensch rücksichtslos ausgebeutet wird. folgeschäden physischer und psychischer art sind doch dann logisch.
    hat da schon einer mal nach der „kosterdeckung“ und verursacherprinzip gefragt ?

    gokui

    25. September 2010 at 10:28

  3. […] via Medizynicus Arzt Blog […]

  4. Ich hoffe das hier wird nicht als Offtopic gewertet (gehört zu den teuren Arzneimitteln):
    Habe mir mal als interessierter Laie den GEK Arzneimittelreport 2009 angeguckt:
    Da wird für 2008 angegeben: 106 Millionen Euro für Esomeprazol (somit auf Platz 20 nach Preis). Da ich das nie verstanden habe: Kann mir einer der anwesenden erklären? Was spricht so oft gegen Omeprazol? (Und die Kinnlade fiel mir spätestens runter, als ich ein Paper überflog, in dem 40 mg Esomeprazol mit 20 mg Omeprazol verglichen wurden…)

    Joachim

    25. September 2010 at 11:36

  5. Ich bin momentan zur Kur, und es bringt mir sehr viel. Ein kompletter Zusammenbruch wäre teurer gewesen. Allerdings sehe ich hier auch Patienten, die das Ganze als Urlaub sehen. Und das ist das Problem, es gibt kein schwarz und weiß.

    Anise

    25. September 2010 at 13:18

  6. Wer das bezahlt? Na der Patient! Logisch, wer denn sonst?

    DocConsult

    25. September 2010 at 18:05

  7. bitte die pille… wäre wunderbar! =)

    kaeks

    25. September 2010 at 19:01

  8. Na, meine Kondome zahlt mir auch keiner.
    Oder meinen Fahrrad-, Ski-, Motorhelm (Ist ja auch Prävention) zahlt auch keiner.

    Für Privatvergnügen muss man halt selber aufkommen.

    Blublubla

    25. September 2010 at 19:22

  9. «Tatsache ist: Wir werden immer älter. Der Bedarf für medizinische Dienstleistungen steigt.»

    Wenn 1 auch noch stimmen mag (seit immer, denn wann ist wer schon mal jünger geworden, gar immer jünger?) ist ein Zusammenhang mit 2 reinste Propaganda ohne irgendeinen klitzekleinen Beleg. Das ist die Propaganda der in Bedarfsplanung schon seit Jahren (wenn nicht Jahrzehnten!) versagenden Selbstverwaltungen.

    Wolf

    25. September 2010 at 22:06

  10. @Joachim – Du hast ins Schwarze getroffen! Esomeprazol ist nicht besser als Omeprazol, aber um ein Vielfaches teurer.

    @Kaeks und Blublubla: Kontrazeption gehört in vielen Ländern zur Grundaufgabe des Gesundheitswesens, schließlich sind ungewollte Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten langfristig viel teurer. Ist bei näherem Hinsehen ethisch eine ziemlich kniffelige Sache: Ist es in Deutschland vielleicht sogar politisch gewollt, etwas gegen sinkende Bevölkerungszahlen zu unternehmen? (In Ländern wie Burkina Faso ist die Überlegung genau anders herum, aber da hat das öffentliche Gesundheitswesen nur wenig Geld zur Verfügng…)

    medizynicus

    26. September 2010 at 16:02

  11. @Anise: Was an der Kur hilft dir? Die Kuranwendungen? Oder die ruhige, entspannte Atmosphäre?

    Marc B.

    26. September 2010 at 21:08

  12. Das Problem: wenn ich einfache Sachen nicht mache (weil sie nicht gezahlt werden), dann wirds in einem gewissen Prozentsatz, und meistens insgesamt teurer, als wenn ich „den Anfängen“ gewehrt“ hätte.

    Man kann – das haben 40 Jahre efolglose Kostendämpfungspolitik gezeigt – nicht die Leistungen kürzen, ganz egal wo. Man kann nur endlich – positiv – definieren, welche Krankheit (wie) gezahlt wird. Aber das scheuen die Politiker wie der Teufel das Weihwasser. Und auch die Ärzte wollen keine Diskussion, sondern immer nur der helfende gute Onkel (auch Tante) sein.

    der Landarsch

    27. September 2010 at 09:56

  13. @Marc B.

    Habe gerade eine onkologische Reha hinter mir, ohne die es mir deutlich schlechter ginge und ich nicht weiß, ob ich noch lange in der Lage gewesen wäre, meine selbstständige berufliche Existenz aufrecht zu erhalten, deren Aufgabe das Sozialsystem ganz sicher deutlich teurer gekommen wäre. Jeder von mir nicht verdiente Euro bedeutet 15 cent weniger für die Krankenkasse. Und was dem Staat zusätzlich an Steuereinnahmen verloren ginge, dürfte ein Mehrfaches ausmachen.

    Was genau im Einzelnen nun die Erhohlung bewirkt hat, lässt sich nicht aufdröseln, macht auch wenig Sinn. Ich wurde rundherum, körperlich und psychisch nicht gänzlich heil aber heiler gemacht und fühle mich erheblich leistungsfähiger. Das war mit Sicherheit sinnvoll investiertes Geld.

    drkall

    27. September 2010 at 23:42


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