Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Gib ihr doch ein Placebo!

with 22 comments

„Frau Müller hat wieder Schmerzen!“
Ich unterdrücke einen Fluch.
„Wo denn?“
„Am Rücken natürlich!“
Aha. Natürlich am Rücken. Frau Müller hat immer Rückenschmerzen. Seit Jahren schon, seit Jahrzehnten. Hundertschaften von Ärzten haben seit jeher versucht ihr zu helfen und wie zu erwarten ist es niemandem gelungen. Frau Müller ist mächtig stolz darauf. Sie hält sich nämlich für ein medizinisches Rätsel. Meine ganz private Meinung möchte ich lieber für mich behalten, alles andere wäre höchst unprofessionell und würde den strafrechtlichen Tatbestand der Beleidigung erfüllen.
„Was habt Ihr denn schon gegeben?“
„Alles!“
„Wirklich alles?“
„NSAR, Opiate, Antidepressiva…“
„Nur Tabletten?“
„Tabletten, Spritzen, Infusionen, Pflaster…“
„Hmmm.“
„Gebt ihr zwanzig Tropfen Haldol!“
„Hatte sie auch schon.“
„Wirklich?“
„Zuletzt vor zwei Stunden.“
Psychiatrisches Konsil vielleicht? Ist auch schon gelaufen. Mehrfach. Und wenn sie gerade nicht gerade stationär bei uns liegt oder auf Reha oder in der Psychosomatik dann besteht ihre Hauptbeschäftigung darin, sämtliche Therapeuten und Seelenklempner im Umkreis von zwanzig Kilometern zu verschleißen.
Ich kratze mich am Kopf. Bohre in der Nase. Puhle im Ohr. Tippe mit dem Finger gegen die Stirn. Nützt alles nichts. Keine bahnbrechende Idee. Oder vielleicht doch?
„Wie wäre es mit einem Placebo?“
„Wird gemacht, Doc, wenn Du unterschreibst!“
Nutzen wird’s wahrscheinlich nicht. Aber zumindest keinen Schaden anrichten, und somit ist es einen Versuch wert.

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Written by medizynicus

4. Oktober 2010 um 05:02

22 Antworten

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  1. In diesem Fall hilft vielleicht auch die Akupunkturmatte, und wenn es nur um die Verlagerung des Schmerzes geht :-))

    Rudolf Fiedler

    4. Oktober 2010 at 08:44

  2. Oder Marihuana? Dann ist die gute Dame zu entspannt, um euch zu malträtieren. 😉

    Der Maskierte

    4. Oktober 2010 at 08:45

  3. Habt Ihr denn Placebo-ExtraForte? (Wenn nicht, würden es auch zwei Palcebo-Forte auf einmal genommen auch tun.)

    lorem42

    4. Oktober 2010 at 10:42

  4. Wenn all diese Medikamente nicht wirken (wo doch die Wissenschaft ihre eindeutige Wirksamkeit nachgewiesen hat), dann entstehen die Schmerzen wohl nicht da, wo die Medikamente wirken, in der Physis.

    Wann begreifen wir Ärzte, dass man nicht alle Beschwerden eines Patienten alleine mit Chemie oder Stahl (und als „letztem“ Notnagel die Psychotherapie) beseitigen kann?

    Um die Lebensprobleme eines Patienten zu lösen muss man noch viel mehr einsetzen: Wissen, Können, Sicherheit und Überzeugung, Menschlichkeit, Anteilnahme, Empathie und manchmal sogar Strenge und Strafe (ja auch mal Notlügen á la Placebo).

    der Landarsch

    4. Oktober 2010 at 11:25

  5. Bin ja mal gespannt ob es geholfen hat…

    shortend

    4. Oktober 2010 at 13:05

  6. Wenn einfach überhaupt nix mehr wirkte, verabreichte mein ehemaliger Chef (Gyn.) „Aqua Antidolorosa“ (schlicht und ergreifend Kochsalzlösung). In 9 von 10 Fällen trat die Wirkung prompt und dauerhaft ein. Unsere „sehr speziellen“ Schmerz-Patientinnen liebten ihren Doc…

    Sanna

    4. Oktober 2010 at 15:51

  7. Mal aus Interesse eine praktische Frage:
    Gibt es „frei käuflich“ Placebos? Oder werden die Hausintern hergestellt?

    (Klingt doof die Frage, aber möcht ich echt mal wissen, ob in der Apotheke irgentwo eine Pillenschachtel liegt, wo „Placebos“ draufsteht… zumal die ja auch idealerweise unterschiedliche Aussehen haben sollten… weiß und rund, weiß und länglich, Dragees, Tröpfchen…)

    Abmahner

    4. Oktober 2010 at 18:01

  8. Achso, vergessen: In deinen Verlinkungen ist Frau Müller einmal 85, und in einem anderen Beitrag 42 o.o

    Abmahner

    4. Oktober 2010 at 18:26

  9. @Abmahner: danke für das aufmerksame Lesen! Ich denke mal, Frau Müller ist jünger als 85. Aber 42 ist wohl doch etwas zu jung. Entscheiden wir uns also für die goldene Mitte, sagen wir also um die sechzig, ja?
    Apotheken haben in der Tat meistens irgendwo in einer geheimen Schublade verschiedene Sorten von Placebos. Die sind prinzipiell sogar verschreibungsfähig. Trotzdem wird es wohl so gut wie nie vorkommen, dass ein Niedergelassener Arzt ein Rezept für Placebos ausstellt, erstens sind die Patienten ja auch nicht blöd und zweitens könnte es dann Probleme mit der Kostenerstattung geben. In der Regel wählt man also ein „unreines Placebo“, also ein Arzneimittel, was zwar einen Wirkstoff enthält, der aber faktisch wirkungslos ist. Zum Beispiel also irgendwelche Vitaminpräparate. Oder halt „Etwas Pflanzliches“. Oder Homöopathika.

    medizynicus

    4. Oktober 2010 at 18:52

  10. @Abmahner: Placebos gibt es zum Beispiel als „P-tabletten weiss Lichtenstein“ oder als „P-Dragees blau (oder rosa) Lichtenstein“ problemlos bestellbar, meist aber nicht auf Lager in der Apotheke. Eine richtig schöne normale Arzneimittelpackung, sogar mit Beipackzettel!

    @Medizinicus: Geheim werden die nicht gelagert, sondern brav im Alphabet wie sich das für eine deutsche Apotheke gehört. 😉 Meist sind die echten Placebos aber nicht auf Lager, es gibt schliesslich genug Alternativen.

    Mr. Gaunt

    4. Oktober 2010 at 20:21

  11. Ganz vergessen:
    Was macht man denn nun mit so einer Frau Müller außer Plabebos verfüttern? Kann man die nicht an eine Uni abturfen, damit die dort irgendwelche Nervenleitungen messen und EEGs und irgendwas anderes, was mit schönen großen Geräten messbar ist?

    Ich würde denken, dass die Medizin an solchen Häusern wenigstens soweit ist, psychische gegen „echte“ Schmerzen abzugrenzen.

    Mr. Gaunt

    4. Oktober 2010 at 20:25

  12. MrGaunt:
    Da interessiert mich aber mal ehrlich, was in der Packungsbeilage steht. So ein paar Nebenwirkungen sollte man ja aufführen damit es glaubhaft rüber kommt.

    War Frau Müller schon zur Physio und hat was für den Muskelaufbau getan?

    Blogolade

    4. Oktober 2010 at 20:47

  13. @Mr. Gaunt: Abturfen wäre die Falscheste (wenn auch die vordergründig bequemste) Lösung. Die Dame leidet an einer somatoformen Störung. Je mehr man sie darin bestärkt, dass es doch eine somatische Ursache geben könnte, um so weniger hilft man ihr. Was sie braucht ist eine gute psychosomatische und psychiatrische Betreuung – aber das muss sie erstmal akzeptieren. Außerdem sollte man wenn möglich verhindern, dass sie zu zig weiteren Ärzten rennt.

    medizynicus

    4. Oktober 2010 at 20:54

  14. @Blogolade: Von Physio wird sie nicht viel halten – da muss sie ja selbst mitwirken. Wenn man sie motivieren könnte, wäre es natürlich toll, schon allein auch aus dem Grund um sie zu beschäftigen. Was sie wahrscheinlich möchte, sind Massagen. Hat sie mit Sicherheit schon oft gehabt, natürlich ohne nachhaltigen Effekt.

    medizynicus

    4. Oktober 2010 at 20:56

  15. Ja gut die Frau hat keine tatsächlichen Rückenschmerzen. Es gibt aber auch Krankheiten, wo eine Diagnose mitunter erst nach langen schmerzhaften Jahren gestellt wird, wie bei meiner Freundin erst geschehen. Diese hat sich dann oft als Simulant gefühlt. Letztendlich hat sie nun Rheumatische Arthritis. – So kann es halt auch ablaufen.- Ich hatte in dem Sinne Glück gehabt. Die Diagnose Multiple Sklerose stand bei mir schon nach einem Jahr Krankheitskarriere fest.

    MSchnettel

    4. Oktober 2010 at 22:05

  16. @Blogolade: Guckst Du hier: http://shop.apotal.de/productimages/hashed/3/9/3/3935636p.pdf
    Anwendungsgebiete: „Nach Angaben des Arztes“
    „Bitte halten Sie sich an die Einnahmevorschriften, da P-Tabletten blau Lichtenstein sonst nicht richtig wirken kann!“ 🙂

    Kleine Notiz am Rande: Das Zeug ist sogar eine farbige bzw. durchgefärbte Tablette, keine Filmtablette, die nur außen blau ist. Das ist eine ziemliche Sauerei beim Produzieren.

    Mr. Gaunt

    4. Oktober 2010 at 23:43

  17. Aber dazu sagen, dass es das heftigste Medikament überhaupt ist und sauteuer und dass es eigneltihc sonst nur seeeehr sehr wichtige Personen bekommen…
    Und, dass, wenn es nicht hilft, sie wieder mit Aspirin leben muss… 😀

    Chaoskatze

    5. Oktober 2010 at 01:31

  18. was ich daran nicht verstehe: ihr helfen all die anderen mittelchen nicht. wieso sollte dann das placebo wirken?
    wenn sie die anderen medikamente nicht gehabt haette, ok – das ist dann eine vorgehensweise, einfach wegen der tablettenform.
    aber so? ist es dann nicht wieder nur so, dass es nicht wirkt *am kopf kratz*?

    alba

    5. Oktober 2010 at 14:51

  19. oh Mann, ich habe auch Rückenschmerzen, das ist echt kein Scherz

    jan.siemer@gmx.net

    5. Oktober 2010 at 14:57

  20. Den „Wahn des Schmerzes“zu unterstützen,auch per Placebo bringt nur dem Anordner Seelenfrieden sonst gar nix.Konfrontation mit eigener Meinung und dringendem Ratschlag dies psychische Phänomen zu behandeln ist meine ich Mittel der Wahl.Schade das pflanzliche Mittel oder Homöopathika missbraucht werden sollen als „Placebo“

    quacksalberin

    6. Oktober 2010 at 01:39

  21. hm, ich kenne (durch meine frühere Arbeit in ner Mdedizintechnikfirma, die speziell für Wirbelsäule Produkte vertrieb) viele Patienten, die ne lange Krankheitsgeschichte haben, wo viele Ärzte sie tatsächlich als „Psychosomatisch“ hinstellten, und sich nach langen Jahren Leiden dann hinterher doch ne Ursache rausstellte. Bei vielen lag es am Iliosakralgelenk. Deswegen bin ich grad bei solchen Rückengeschichten immer etwas skeptisch.. Aber gibt natürlich auch „eingebildete“ Patienten. mal sehen, ob das Placebo was bringt, zu wünschen wärs ihr ja. und ganz allgemein: toller Blog 🙂

    mia

    6. Oktober 2010 at 12:21

  22. > Schade das pflanzliche Mittel oder Homöopathika missbraucht werden sollen als „Placebo“

    Bei einem Arzt, der in Homöopathika etwas anderes sieht als ein Placebo, würde ich mich als Patient äußerst unwohl fühlen.

    (Nichts gegen die Öko-Fraktion, aber man soll es dann doch bitte da lassen wo es hingehört, bei Wunderheilern usw. – aber bitte nicht unter dem Deckmantel ernsthafter Medizin.
    Als junger Papa bin ich da grad sowieso gereizt, weil uns von allen Seiten eingeredet wird, das wir doch unbedingt dem Kind Globuli geben sollen, weil das so schön sanft und natürlich ist… die Propaganda scheint bei jungen Eltern zumeist auf sehr fruchtbaren Boden zu kommen, weil die sich scheinbar jeden Mist andrehen lassen. Die wissen alle noch nichtmal in Grundzügen, was Homöpathika sind, aber schmeissen ihren Kindern eine Zuckerkapsel nach der anderen rein)

    Abmahner

    6. Oktober 2010 at 12:36


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