Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Dreck am Stecken – US-Menschenversuche in Guatemala

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Guatamala, im Jahre 1946: Vor dem zentralen Gefängnis der Hauptstadt ist ein Trupp Gringos eingetroffen. Die gut gekleideten Herren verlangen, den Direktor zu sprechen. Sie sind Ärzte und Wissenschaftler, behaupten sie und sie planen ein Forschungsprojekt. Es geht um Syphillis. Sie möchten herausfinden, ob das schon vor über zehn Jahren entdeckte aber erst jetzt in ausreichenden Mengen verfügbare Penicillin nicht nur zur Behandlung, sondern auch zur Prophylaxe der Krankheit geeignet ist.
Zu diesem Zweck haben sie eine Anzahl von Prostituierten aufgespürt, die sich mit der Krankheit infiziert haben. Diese Damen werden nun ihre Dienste einer Reihe von Gefangenen anbieten – selbstverständlich ohne Kondom. Die Wissenschaftler warten diskret nebenan und stoppen die Zeit. Anschließend werden die Gefangenen beobachtet und getestet und gegebenenfalls mit Penicillin behandelt. Allerdings haben sich zu wenige Probanden angesteckt. Man wiederholt das Experiment, indem man jetzt gesunde Prostituierte künstlich mit Syphillis infiziert, bevor diese dann im Gefangenen zusammengebracht werden.
Es folgen weitere Versuchsreihen. Die Patienten einer Psychiatrischen Anstalt werden direkt mit den Erregern infiziert (irgendwie hat man Bedenken, für diese Klientel Prostituierte einzusetzen).
Mehrere hundert Menschen werden absichtlich infiziert. Eigentlich sollen alle Infizierten beobachtet und auch behandelt werden, aber mit der Behandlung klappt es nicht immer, einige der Probanden verliert man aus den Augen, möglicherweise scheint es Probleme mit der Compliance und auch mit der Medikamentenversorgung gegeben zu haben. Wie viele Menschen Spätfolgen davon getragen haben oder gar gestorben sind, ist nicht bekannt.
Die Ergebnisse der Studie wurden nie publiziert. Bis dann vor wenigen Jahren eine Medizinhistorikerin die Unterlagen zufällig fand. Eigentlich hatte sie an einem Buch über einen anderen, kaum weniger ungeheurlichen Menschenversuch gearbeitet.
Jetzt haben sich prominente Vertreter der US-Regierung, darunter auch Präsident Obama bei den Opfern und beim Guatemaltekischen Volk entschuldigt.

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Written by medizynicus

5. Oktober 2010 um 05:17

3 Antworten

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  1. Wer Medizin studiert ist nicht automatisch Arzt* sondern Mediziner, so wie jemand der Jura studiert hat Jurist ist, nicht „Euer Ehren“. „Ärzte“ sind vielmehr diejenigen Mediziner, die Patienten behandeln! In der DDR wurde das Medizinstudium dehalb ehrlicherweise mit dem Titel „Diplommediziner“ abgeschlossen, nur in der BRD erhält man die „ärztliche Approbation“ (wohl, weil sich die Professoren, die sich nur noch mit Forschung beschäftigen und schon lange keinen Patienten mehr persönlich gesehen haben, sich gerne in der Glorie des Wohltäters der Menschheit sehen).

    Auch unter den Medizinern gibt es – leider – solche, denen der Hippokratische Eid und die Berufsethik Schnurz, ihre Karriere dafür alles ist. Wenn man allerdings von derartigen „Kollegen“ (ich geh mir jetzt die Finger waschen) hört und liest, dann kann sich einem schon der Magen umdrehen. Auch ein gewisser Herr „Dr.“ Mengele zeugt ja davon, dass wir in Deutschland davor auch nicht gefeit sind.

    der Landarsch

    5. Oktober 2010 at 08:52

  2. „Sich entschuldigen“ ist übrigens unmöglich. Eher noch zieht sich Münchhausen samt seinem Gaul aus dem Dreck, indem er an seinen Haaren zerrt.

    Man kann nur jemand anderen entschuldigen – entlasten – oder für sich oder andere um Entschuldigung bitten.
    In diesem Fall hier geht es aber wohl schon eher um Vergebung; die Schuld liegt ja klar und hart auf der Hand.
    Allerdings halte ich nichts von der Kollektivschuld, mit der Menschen, die zu jener Zeit noch gar nicht geboren waren, auf einmal zu Schuldträgern werden.

    Daß nicht jeder Medicus (ich sag manchmal Bioklempner zu jenen, denen das Ärztliche fehlt) ein Arzt ist, ist leider Realitöt.

    Wolfram

    7. Oktober 2010 at 08:37


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