Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Internetverbot im Krankenhaus

with 14 comments

Unausgeschlafen und unwach schlurfe ich des morgens an der Pforte vorbei, raunze dem Pförtner ein „guten Morgen“ entgegen und schaue ins Postfach. Da liegt ein Briefumschlag. Ich stecke ihn ein und gehe rauf auf Station, greife mir in der Küche einen Kaffee und gehe ins Arztzimmer um meinen Kittel zu holen.
Da steht Kalle, in der Hand einen geöffneten Briefumschlag und einen A4-Zettel.
„….Unglaublich!“
„Was denn?“
„Hast Du auch gekriegt!“
Ach ja. Ich nehme den verknitterten Umschlag aus meiner Tasche und öffne ihn. Er enthält eine Belehrung. Eine Belehrung unserer Verwaltung über den korrekten Umgang mit dem Internet auf der klinikinternen EDV-Anlage. Die Internetnutzung ist nämlich bereits seit jeher ausschließlich für dienstliche Belange gestattet und bei Zuwiderhandlung ist mit Abmahnungen und im Wiederholungsfall auch mit Kündigung zu rechnen.
„Und was soll das jetzt?“
Zum Zweck der Sicherheit hat man jetzt gewisse Seiten mit anstößigen Inhalt gesperrt und die Nutzung aller übrigen Seiten wird geprüft.
„Marvin hat letztens im Nachtdienst Pornos angeschaut!“ sagt Kalle.
Okay, das hat er mir auch erzählt. Wahrscheinlich hat er es jedem erzählt und war sogar stolz darauf.
„Und was machen wir jetzt?“
In langen Dienst-Nächten ist das Internet eine Überlebensnotwendigkeit. Als Alternative bliebe sonst nur das Fernsehen, aber das ist bekanntlich indiskutabel.
„Starten wir eine Gegenoffensive!“
„Wie soll das gehen?“
„Ich werde nachher mal ganz unschuldig bei der Frau Schuster in der Verwaltung anrufen und ihr sagen, dass ich gerade vor dem Computer sitze und jetzt gerne die Seite den neuesten kardiologischen Leitlinien aufrufen möchte aber nicht weiß, ob ich das darf. Dann werde ich sie fragen, ob sie mir eine Liste der erlaubten Webseiten zur Verfügung stellen kann…“
„Aha?“
„Und wenn ich das dann jeden Tag mache, und Du auch und alle anderen Kollegen ebenfalls…“
„….dann werden wir sie damit zur Weißglut treiben?“
Warum nicht? Auf einen Versuch käme es an!

Diesen Artikel widme ich mit ganz herzlichen Grüßen aus gegebenem Anlass der Chaos-Heldin Josephine, seit gestern zweitmeistgelesenste Gesundheitsbloggerin Deutschlands.

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Written by medizynicus

6. Oktober 2010 um 05:10

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

14 Antworten

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  1. Ist das eigentlich auch eine Form von Zensur?

    Bei allem Verständnis für eine „saubere“ Nutzung von Computern, aber diese Dienstanweisungen in Sachen „verbotener Websites“ bzw. Nutzung von Dienst-PC’s bei Mammut-Diensten erreicht allmählich lächerliches Niveau.

    Ich stelle mir gerade vor, medizinisches Personal recherchiert im Net und findet eine entsprechende URL. Klick und los. Nun ist ggf. der Artikel mit Bildchen oder sogar kleinem Filmchen ergänzt, in dem evtl. nackige Haut zu sehen ist. Soll bei Medizinern rein berufsbedingt ja gehäuft vorkommen.
    Bewegt ihr euch da im Bereich pornographischer Seiten oder gilt das noch als Weiterbildung *Ironiemodus*???

    Interessanter Weise moniert kein mir bekannter Arbeitgeber, wenn in den Sozialräumen z.B. Deutschlands größte Dummzeitung herumliegt. Dabei beinhaltet die bereits auf der Titelseite Pornographie, Verleumdungen bzw. in einer Gerüchteküche zusammengerührten Unsinn…

    Sanna

    6. Oktober 2010 at 06:59

  2. Komme gerade „von Josephine“ und hab auch da gesagt, dass leider jede Menge Missbrauch mit dem Internet im Dienst betrieben wird (nimmt Kalle Notrufe im Nachtdienst wahr, wenn sein Film recht spannend ist??), aaaber für die, die nächtens Wartedienste schieben, ooooder ganz dringend im Internet etwas Medizinisches recherchieren müssen, was man unter Umständen in einem Blog finden könnte, ist diese Regelung Mumpitz.

    Silke

    6. Oktober 2010 at 07:48

  3. Hahahah…. das scheint mir eine Super-Idee zur Lösung des Problems!

    Wenn ich mir vorstelle, ich bin als Notfall in der Nacht, einem Arzt ausgeliefert, den ich, quasi, beim Porno schauen kurz vorm Orgasmus, vom PC wegreiße…ich mag nicht darüber nachdenken, wie der mit mir umgeht….;-)

    sweetkoffie

    6. Oktober 2010 at 07:49

  4. Schon amüsant, mit welcher Verbissenheit die Verwaltungsfuzzies in Zeiten zunehmenden Ärztemangels ihren Macht glauben austoben und Ärzte am Nasenring herumführen zu können. Und wenn einer Porno’s schaut, na und (@ sweetkoffie: auch Frauen schauen Porno’s!)! Andere schauen Kochrezept-Seiten bis zum Abwinken oder Blondinenwitze, oder träumen in der Südsee. Gefährlich wird das Netz nur dann, wenn es – ähnlich Rauschgifte, Medikamente, Essen, Rauchen oder Fetischismus (z.B.Auto oder Schwestern/Arztkittel) – zur geistigen Flucht aus der Tristesse des (Krankenhaus-)Lebens mißbraucht wird (Ähnlichkeiten mit dem realen Leben wären hier rein zufällig).

    der Landarsch

    6. Oktober 2010 at 09:02

  5. ach, medizynikus, ein artikel für MICH, ich bin völlisch ferddisch (und das nicht nur, weil ich heute nacht um 3 mit einer willenlos blutenden frau im op stand – und die nummer in den schlaflosen stunden danach noch nicht mal BLOGGEN konnte….). auch wegen der glückwünsche. und überhaupt.

    *freutsisch*

    josephine (bloglos – quasi…)

    Heldin Im Chaos

    6. Oktober 2010 at 10:44

  6. Hehe… ich hab früher mal in einer Behörde gearbeitet, die Arbeitslose verwaltet hat. Eines Tages kam die EDV-Abteilung auch auf die Idee, Wortzensur zu installieren.
    Darunter waren dann tausend Wörter, die auf einer Website nicht vorkommen durften, ansonsten wurde sie automatisch blockiert. Unter anderem war das Wort „hart“ dabei, was es u.a. unmöglich machte, Informationen über „HARTz4“ im Net zu suchen. Nachdem ein reibungsloses surfen unmöglich wurde, kamen sie dann zur Vernunft, und haben den Wortfilter wieder rausgenommen…

    Abmahner

    6. Oktober 2010 at 12:44

  7. Erstens: Abgesehen vom fast immer „nicht arbeitsrelevanten“ Inhalt und der „Anstössigkeit“ der Pornographie verbunden mit allen möglichen und unmöglichen, meist unbekannten, Einstellungen der Arbeitskollegen und -kolleginnen dazu und dem Recht am Arbeitsplatz nicht sexueller Belästigung ausgesetzt zu sein , sind pornographische Seiten oft Quelle von „Schadsoftware“ (Viren, Würmer, Trojaner & Co) und somit handfestes Sicherheitsrisiko.

    Zweitens: Wer meint „einzelne“ Seiten von Hand zu sperren genügt, der irrt! Es gibt immer Umwege und Alternativen! Und wenn schon sperren, dann mittels Dienst einer professionellen Firma, die „Content Filter“ geordnet nach Kategorien anbietet. Solche Dienste sind meist im Zusammenhang mit dem Service-Vertrag der entsprechenden Netzwerk-Hardware zu bekommen und auch Sinnvoll einzusetzen. Dann kann man von „Pornoseiten“-sperren reden. Vorher nicht.

    Drittens: Kommunikation, Aufklärung und Schulung, statt blinde Verbote! Kommunizieren was erlaubt oder verboten ist und weswegen! Verbindliche Richtlinien schaffen. Diese Infos öffentlich bekanntgeben und neue und im Bedarfsfall auch „alte“ Mitarbeiter (nach-)schulen.

    Viertens: Wie in den anderen Beiträgen angesprochen: „Porno“ ist relativ. So ist in vielen medizinischen Inhalten „Porno“ zu finden.

    Fünftens: Die Behörden stellen zu diesem und ähnlichen Theman genug Leitfäden und Beispiele zur Verfügung. In Deutschland wäre das wohl das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (www.bsi.de)

    Sechstens: IT Sicherheit ist keine einmalige Belehrung, sondern ein stetiger Prozess der von allen gelebt werden muss.

    Siebtens: „Der Fisch stinkt vom Kopf!“, hat mein BWL Prof gesagt. Also: Firmenführung geht vor, der Rest folgt. Alles andere wird scheitern.

    Achtens: Jeder von uns schaut Pornos oder hat das mal getan oder würde es zumindest mal interessieren, sich einen Porno anzuschauen, reine Neugier…. Wer dies verneint, der lügt.
    Aber Leute: NICHT IN DER FIRMA! MACHT DAS ZUHAUSE!

    Neutens: Schluss.

    lorem42

    6. Oktober 2010 at 12:46

  8. Achja, apropos „gewisse Seiten mit anstößigem Inhalt gesperrt“:
    Google antwortet auf den Suchbegriff „Porno“ mit 111’000’000 Seiten (die er in nur 0.09 Sekunden gefunden hat… Spitzenleistung! 😉

    D.h. 17 Pornoseiten sind gesperrt. Die anderen 110’999’083 gehen in Ordnung, oder was?

    lorem42

    6. Oktober 2010 at 12:52

  9. Der Hint mit der Schadsoftware ist für mich der einzige Stichhaltige in der Diskussion.

    Ich sperre in den Grundschulen auch Seiten – aus gutem Grund. Ihr ahnt ja nicht, was die lieben Kleinen alles für Seiten kennen…. meine Herren….

    Dienstlich aber alle in Sippenhaft zu nehmen, weil einer durchtickt: Dämlich. So macht man sich als Admin keine Freunde.
    Und Medizynicus hat ja schon eine prima Möglichkeit genannt, den Admin in den Wahnsinn zu treiben, die kann aber leicht umgangen werden, indem man sagt: Nö, die Listen gibts nicht. Probierts halt aus. Wenn nicht geht, URL an mich mit Grund, dann schalte ich *DIESE* URL frei. Und keine andere.

    Nö, da muss Betriebsrat dran. Der hat der Dienstvereinbarung ja offenbar zugestimmt und kann sie (hoffentlich) ändern. Oder rüfen, ob die Vereinbarung entsprechend umgesetzt wurde oder ob hier ein IT-Wicht mal wieder seinen Größenwahn austobt.

    Ich würde das als den vielversprechendsten Ansatz *erstmal* sehen.
    Ansosnten: Wird nix so heiß gegessen wie es gekocht wird. Meist folgt auf den kräftigen wind, der so geblasen wird, nur ein laues Lüftchen. Wenn man nämlich feststellt, dass die Sperren nicht alltagstaugich sind. Und dann wird auch ganz fix wieder freigegeben.

    Warum war der Admin eigentlich nicht so schlau und macht ne Gruppe „Böse Buben“ – da kommen alle rein, die Dreck am Stecken haben.

    Ich hab die an jeder Schule. Sind fast immer die Rektoren drin *fg*

    Tante Jay

    6. Oktober 2010 at 15:34

  10. @lorem42
    Wegen den 17 gesperreten Seiten bei Google:
    Die sind nur in Deutschland gesperrt, weil Deutschland, wie so oft Sonderwege haben will. Kein Land schickt soviele Briefe an Google, das sie Seiten aus den Suchergebnissen nehmen sollen, wie Deutschland.

    Es sind insgesamt tausende Seiten, die Google-Deutschland der deutschen Bevölkerung vorenthält, nur bei dem plakativen Suchwort „Porno“ sind es nur 17, find ich auch ungewöhnlich. Gibt aber viele andere Suchergebnisse, die „zensiert“ werden.

    Das liegt vor allem an der restriktiven deutschen Gesetzgebung zum Jugendschutz, der nur etwas von chinesischer Zensur entfernt ist.

    Abmahner

    6. Oktober 2010 at 18:23

  11. Bei uns im Krankenhaus ist das Internet auf den Stationen (unabhängig wer sich anmeldet, mit Ausnahme der Admins) für alle gesperrt. So lässt es jedenfalls die Verwaltung verlauten. Ich habe etwa 10 Sekunden gebraucht um die „Sperre“ zu checken und dann zu lösen. Und das nur, weil ich auf die Homepage des Bundesamtes für den Zivildienst wollte….
    timotheus

    timotheus

    6. Oktober 2010 at 21:03

  12. @Abmahner: Sorry, da habe ich mich unklar ausgedrückt.
    Die „17 Seiten“ sind eine Fantasiezahl von mir und sollen die Situation verdeutlichen, dass wenn jetzt der Krankenhaus-Admin genau die „17“ Seiten sperrt, die er für „anstössig“ hält, immer noch 110’999’983 Seiten übrig bleiben, auf denen sich „Anstössige-Internet-Inhalte-Anschauer“ herum tummeln können.
    Google habe ich nur benutzt um eine für alle nachvollziehbare Zahl heranziehen zu können. Dass es genau die runde Zahl 111’000’000 „Porno-Seiten“ im Internet gibt, nehme ich nicht an. Dass Google keine echte Referenz ist, sollte auch jedem klar sein (zu viele finanzielle Interessen stehen dahinter).

    Dass in Deutschland Google-Suchresultate auf Geheiss der Regierung ausgeblendet werden, ist mir neu. Erstaunt mich aber nicht. Sorry, aber Eure Regierung wird immer wie paranoider. Nicht dass unsere sieben Zwerge in Bern besser wären, aber Initiativ- und Referedumsrecht halten doch noch einiges in Grenzen.

    @Tante Jay: Es geht nicht darum Sippenhaft zu vollstrecken, weil einzelnen Verfehlungen nachzuweisen sind. Es geht darum dass der, der das Internet zur Verfügung stellt, als „Provider“ auftritt und v.a. im Arbeitsumfeld auch sagen darf, was die Leute damit machen. Und wenn er nicht will, dass Pornos geschaut werden, dann ist das sein Recht und er kann dies Verbieten. Und damit grad gleich niemand in Versuchung gerät, werden Pornoseiten gesperrt. Punkt.
    Ausserdem kann man sich Schadsoftware ganz leicht auch auf nicht-Anstössigen Seiten einfangen: „Livre à visage“, z.B….

    lorem42

    7. Oktober 2010 at 09:10

  13. @lorem42
    Sorry hab ich auch etwas falsch verstanden 🙂
    Aber ich bin bei dem Thema sowieso immer hellhörig. Arbeitsrechtlich ist das eine ganze andere Geschichte, aber leider wird zu oft „anstößig = gehört verboten“ assoziert.

    Die Löschanträge an Google kommen nicht nur von der Regierung. Auch von Anwälten, Privatpersonen, Jugendschützern… nicht nur aus Deutschland, alles nachzulesen auf chillingeffects.org.
    Sicher kommt aus jedem Land mal was, bezeichnend ist aber das von allen Ländern der ganzen Welt die meisten Anfragen aus Deutschland kommen.
    Da kann nichtmal China mithalten, obwohl Deutschland im Verhältnis ein sehr kleines Land ist.

    Abmahner

    7. Oktober 2010 at 19:05

  14. Du hast nur die halbe Geschichte erzählt. Der Weg mit dem ständigen Nörgeln wirkt hervorragend, das stimmt. Wenn du zum Beispiel zu eBay willst und Port 443 gesperrt ist, sagst du der IT, dass du bei Amazon ein Fachbuch bestellen musst. Dafür brauchst du nämlich auch Port 443. Der genervte Admin wird bald den Port für alle freischalten.

    Die andere Seite ist aber empfindlicher: Die Leute bringen halt ihre UMTS-Rechner mit und surfen noch viel unkontrollierter. Sie werden stärker abgelenkt. Aus diesem Grund haben die weitsichtigen IT-Abteilungen der großen Konzerne Facebook und co längst wieder erlaubt.

    Für die Bildung ist es natürlich Unsinn, die private Internetnutzung am Arbeitsplatz zu verbieten mit dem Hinweis, Privates hätte am Arbeitsplatz nichts zu suchen. Konsequenterweise sollten die Ärzte umgehend alle Fachzeitschriften abbestellen und jegliche Recherche nach Feierabend einstellen.

    Thomas netAction

    8. Oktober 2010 at 10:47


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