Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Schlagmichtot Senior (Teil 5)

with 3 comments

Oberarzt Dr. Heimbach schlägt die Akte auf. Gleich oben liegt ein krakelig beschriebener A-4-Zettel.
„Was ist denn das?“
„Offenbar das chirurgische Konsil!“
„Schön! Haben die ihn schon angeschaut?“
Wir beide beugen uns über das Blatt. Da steht nur ein Satz drauf, in typischer Chirurgen-Sauklaue, nur schwer zu entziffern.
„Was soll das heißen?“
„Bitte um Wiedervorstellung nach Abschluss der Diagnostik!“ lese ich laut.
Heimbach ist sprachlos.
„Wer hat denn das geschrieben?“
„Der Unterschrift nach war es Martin Bückling.“
„Da steht doch noch etwas…“
„Biestig vidit et dixit
„Aha?“
„Biestig sieht das auch so.“
Heimbach sagt nichts. Das ist immer so bei ihm, Heimbach ist wie ein Vulkan, der unter der Oberfläche brodelt.
Ich blättere durch die Akte.
„Was wollen die denn noch an Diagnostik haben? CT ist doch schon am Aufnahmetag gelaufen und die Coloskopie haben Sie gleich am nächsten Morgen gemacht!“
Heimbach nickt.
„Die Sache ist eindeutig. Endoskopisch war ein großer Rektumtumor zu sehen, im CT glücklicherweise noch keine Metastasen, weder in der Leber noch sonst irgendwo im Bauchraum. Wie geht es ihm denn sonst?“
Ich kann nur mit den Schultern zucken. Seit der Aufnahme habe ich den Patienten ja auch nicht mehr gesehen.
„Laborwerte sind akzeptabel…“
„Der Patient wäre also im Prinzip operabel…“
„…Das entscheiden die Chirurgen und Anästhesisten. Aber dazu sollten sie ihn tunlichst einmal anschauen. Und zwar zeitnah!“
Heimbach schüttelt den Kopf, dann klopft er an der Tür und tritt unmittelbar darauf ein.
Herr Schlagmichtot sitzt am Tisch vor seinem Laptop und arbeitet. Neben ihm liegen zwei verschiedene Handys. Einen Moment lang denke ich, er führt Selbstgespräche bis ich das kleine Headset am rechten Ohr bemerke.
Als er uns sieht, unterbricht er das Gespräch, steht kurzt auf und streckt erst dem Oberarzt, dann mir seine rechte Hand hin.
„Nehmen Sie Platz!“
Ich bleibe stehen, Heimbach setzt sich an den Tisch, dem Patienten gegenüber.
„Haben Sie schon Ergebnisse?“
Wer hat hier wohl das Sagen?
„Sie haben da eine Geschwulst…“
„Sie meinen einen Tumor.“
„Richtig, einen Tumor. Noch können wir nicht mit Sicherheit sagen, ob er gut- oder bösartig ist, aber…“
„Wann haben Sie die Histologie?“
„Normalerweise innerhalb von fünf bis sieben Tagen.“
„Nennen Sie mir die Telefonnummer des Pathologen, ich regel das schon. Wie geht’s dann weiter?“
„Wir werden Sie unseren Chirurgen vorstellen, damit…“
„Warum waren die noch nicht hier?“
Bingo, der Mann hat’s erfasst!
„Ich sorge dafür, dass sich heute noch ein Chirurg bei Ihnen meldet!“
Dr. Heimbach steht auf, streckt dem Patienten zum zweiten Mal die Hand hin und erhobenen Kopfes verlassen wir das Zimmer.
„Machen Sie mal alleine weiter!“ sagt Heimbach und verschwindet dann in Richtung Treppenhaus.
Keine halbe Stunde später rennt Dr. Biestig an mir vorbei.
„Warum hast Du mir nicht gesagt, dass der privat ist?“ zischt er mir zu.
Bevor ich irgendwas sagen kann ist er schon im Privatflur verschwunden.
Meine Laune hat sich in dem Moment um geschätzte hundertdreißig Prozent gehoben.

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Written by medizynicus

8. Oktober 2010 um 05:13

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

3 Antworten

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  1. Boah, watt simmer wieder fies!!

    Der Lohndepp

    8. Oktober 2010 at 11:06

  2. Ich finde es etwas bedenklich, dass die Chirurgen ihre Pflicht zu helfen offensichtlich von der Privatversicherung abhängig machen. Ich hoffe ich bin nie auf die angewiesen.

    Ansonsten aber: großes Kino, ich hätte gerne Mäuschen gespielt bei dem Anpfiff 😀

    Blogolade

    8. Oktober 2010 at 12:01

  3. Ohje. Wenn da nicht mal jemand am Ende ganz klein mit Hut war.

    (Wie findet man vom Fach, denn Patienten die Ahnung haben. Eher gut = Weil nicht so viel Erklärbär spielen, oder mies= Klugscheisserpatienten?)

    Kat

    8. Oktober 2010 at 13:45


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