Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Medizin macht süchtig…

with 13 comments

Nein, nicht von Morphium soll hier die Rede sein, auch nicht von Benzodiazepinen oder gewissen anderen Psychopharmaka: Dass starke Schmerz- Schlaf und Beruhigungsmittel abhängig machen, das ist schließlich allgemein bekannt.
Aber begegeben wir uns einmal an einem ganz gewöhnlichen Morgen in eine ganz gewöhnliche Arztpraxis in eine ganz gewöhnliche Sprechstunde und lauschen dem, was da vor sich geht:
„Der nächste, bitte!“
„Guten Morgen, Herr Doktor…“
„Guten Morgen, was kann ich für Sie tun?“
„Ich komme nur wegen meiner Tabletten…
„Kein Problem! Alles in Ordnung?“
„Alles in Ordnung, Herr Doktor!“
„Hier ist Ihr Rezept. Vielen Dank, auf Wiedersehen!“
Schon mal gehört, so einen Dialog?
Um was für Tabletten mag es sich wohl gehandelt haben?
Ein bißchen Diclofenac gegen Rückenschmerzen zum Beispiel oder Omeprazol gegen das Magendrücken, welches durch Diclofenac hervorgerufen wird.
Tatsache ist: Mit Rückenschmerzen und Magendrücken kann man leben. Oder man kann Tabletten schlucken. Je häufiger man aber Tabletten schluckt, desto weniger gut wirken sie. Der Körper gewöhnt sich an die Pillen und entwickelt eine Toleranz. Trifft zwar nicht auf jedes Medikament zu, aber auf viele. Die Folge: die Dosis muss ständig erhöht werden und wenn man das Zeug nicht mehr nimmt, kommen die Beschwerden wieder und zwar stärker als zuvor.

Dank an Pharmama für die Anregung. Zum Weiterlesen:

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Written by medizynicus

25. Oktober 2010 um 05:38

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

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13 Antworten

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  1. Stimmt, das ist mir auch schon aufgefallen, dass einige Medikamente eher gewohnheitsmäßig genommen werden.
    Umgekehrt rege ich mich über Freundinnen auf, die, wenn sie denn mal Kopfschmerzen haben, KEINE Tablette nehmen wollen. Obwohl vielleicht eine Aspirin, oder was auch immer, die Schmerzen lindern könnte. Die haben solch eine Abneigung gegen Medikamente, dass sie lieber leiden. Auch doof, oder?

    Svenja-and-the-City

    25. Oktober 2010 at 07:11

  2. Es ist ja sooo einfach, mal eben was zu „verschreiben“. Wird schon helfen, schließlich gab es ja Studien der Hersteller. Toll.

    Und es ist keineswegs „doof“, wenn jemand Medikamente „meidet“. Viel dümmer ist es, wenn sich niemand für die Ursache einer Krankheit interessiert.

    Aber es ist ja so einfach was aufzuschreiben. Die möglichen Nebenwirkungen, nun, da wird schon niemand dran sterben.

    Oder doch?

    DocConsult

    25. Oktober 2010 at 10:26

  3. Generell wird in Deutschland wohl einfach zu schnell ein Medikament verordnet. Anstatt das der Patient 10 Kilo abnimmt und ihm zu ein wenig Bewegung geraten wird bekommt er Tabletten gegen Bluthochdruck, anstatt seine Ernährung von Magen-Ex auf ausgewogene, leicht fettreduzierte Kost umzustellen gibts nenn Protonenpumpenhemmer, anstatt Krankengymnastik und Tipps für besseres ergonomisches arbeiten eben Ibuprofen.

    Diese Liste könnte man noch endlos fortsetzen und schuld sind noch nicht einmal allein die Ärzte, die haben nämlich Zeit- und Budgetdruck. Das deutsche Gesundheitssystem honoriert keine Therapie die auf langfristigen dauerhaften Erfolg ausgelegt ist, im Gegenteil, gespart werden muß jetzt und nicht in 5 Jahren.

    Denis

    25. Oktober 2010 at 11:02

  4. @DocConsult: „Und es ist keineswegs „doof“, wenn jemand Medikamente „meidet“.“

    Trotz grundsätzlicher Zustimmung möchte ich hier widersprechen. In manchen Situationen ist der Verzicht auf Medikamente „doof“ — zum Beispiel in folgenden Fällen, die sich in letzter Zeit in meinem Bekanntenkreis zugetragen haben:

    * Das auf alles mögliche allergische Kleinkind erwischt einen Bissen vom Erdnussbutterbrot, läuft komplett rot an und keucht. Die Eltern verbieten der anwesenden Ärztin „noch mehr Chemie zu verabreichen“. Das Ganze ist zum Glück gut ausgegangen.

    * Eine Bekannte schleppt sich schon seit Tagen mit starken Schmerzen — vermutlich durch Ischialgie — ohne Schmerzmittel durch die Gegend. Medikamente will sie möglichst vermeiden; von Chronifizierung der Schmerzen und Schmerzgedächtnis hat ihr Homöopath nichts erwähnt.

    * Eine Biologiestudentin (!) setzt, weil es ihr schon wieder besser geht, das Antibiotikum nach der Hälfte der Therapiezeit ab, um ihren „Körper nicht unnötig zu belasten“.

    … dazu kommen noch Krankheiten wie Diabetes (zumindest Typ 1), Schilddrüsenunterfunktion, HIV-Infektion etc., in denen ein Verzicht auf regelmässige Medikamenteneinnahme völlig unangebracht ist.

    anna

    25. Oktober 2010 at 11:48

  5. Wie bei den meisten Themen im Leben gibt es hier nicht nur schwarz oder weiß, sondern auch noch sehr viele Grautöne dazwischen.

    Als ich zum ersten Mal ein Triptan wegen meiner Migräne verschrieben bekommen habe, und angesichts der im Beipackzettel beschriebenen Risiken und Nebenwirkungen kurz geschluckt habe, meinte mein Arzt, ob ich folgendes auf meinem Grabstein stehen haben möchte: „Sie hat zwar gelitten wie ein Hund, aber sie hat wenigstens keine Tabletten genommen.“

    Man muß doch bei Schmerzen auch gut darauf achten, dass man kein „Schmerzgedächtnis“ entwickelt, oder? Eine adäquate Therapie bei Schmerzen, und zwar nicht erst, wenn man schon drei Mal durch die Hölle gegangen ist, ist doch extrem wichtig.

    Natürlich soll man das nicht in Eigenregie machen, sondern zusammen mit einem Arzt, der sich damit auskennt und alles koodiniert.

    Und der Arzt, der zum Diclo gleich Omeprazol verschreibt, ist mir wesentlich lieber als der, der erstmal die Gastritis abwartet.

    seniora.rossi

    25. Oktober 2010 at 13:27

  6. Dazu kommen noch die Opis und Omis welche niemanden, oder zu wenig Menschen haben die sich mit ihnen unterhalten und nur deswegen in schöner regelmäßigkeit beim Doktor aufschlagen.
    Damit sich jemand um sie kümmert, mit ihnen redet und ihnen zuhört. (Das ist dann im weitesten Sinne auch eine süchtig machende Medizin, denke ich.)

    Kat

    25. Oktober 2010 at 15:12

  7. Besonders witzig sind doch auch immer die älteren Leute, die zur Aufnahme im KH ihren halben Medikamentenschrank mitbringen. Und wo eigentlich rigoros aussortiert werden könnte.
    „Aber die nehm‘ ich doch schon immer!“

    GrafNudu

    25. Oktober 2010 at 17:28

  8. Ich sehe hier das Problem auch sehr stark in der Werbung („da gibt’s doch was von …“), obwohl ich ja nur noch sehr sporadisch Fernsehen schaue.

    Ich muß gestehen, daß ich auch lieber leide als ein Medikament zu nehmen. Meine Schilddrüsentabletten sind da die sprichwörtliche Ausnahme.

    Hesting

    25. Oktober 2010 at 18:49

  9. Jaja, blabla, die Patienten, blabla, Pharmaindustrie, blabla, heute kann ich das Geschwafel nicht mehr hören….

    DrMang

    25. Oktober 2010 at 18:56

  10. Das Thema hatte ich mit meiner Mutter,
    sie nimmt jeden Morgen 17! Tabletten ein, Für die Schilddrüse, für ihre Bronchien, gegen das Rheuma…ach ich krieg es schon nicht mehr zusammen.
    Ich frage mich, ob sich das alles untereinander auch verträgt,
    ob das wirklich alles noch gesund ist?

    Jedenfall bin ich der Ansicht, dass man meine Mutter nicht mehr ruhigen Gewissens auf den Friedhof beerdigen kann, wenn es denn dann mal soweit ist,
    ich finde, sie ist schon eher ein Fall für die Sondermülldeponie.

    sweetkoffie

    25. Oktober 2010 at 19:19

  11. Stolper hier auch mal so mit rein und schau mich interessiert um. Ich nehm mal im Wartezimmer hier Platz und vermelde, dass ich eine Ärztin habe, die mir ohne den Entlassungsbericht aus dem KH und ohne mit der Wimper zu zucken Targin 10mg/5mg als Rezept geschrieben hat und das nur, weil ich am Telefon aufzählte, was ich im KH alles gab. So leicht kommt man an BTM. Wahnsinn oder? Als mein Mann dann die Rezepte abholte, hatte ich alles in N3 Packungen vorrätig. Wie gesagt: Targin, Tramadol, Arthotec und noch diverse andere Mittelchen gegen hohen RR, Asthma, Schilddrüsenunterfunktion und und und…
    Laut Entlassungsbericht sollte ich auch am Tag 14 Tabletten einnehmen. Nach meiner Kur habe ich selbst die Medikation vorgenommen und jetzt klappts auch wieder mit dem Klar denken. Ich war sozusagen im A…
    Oktober 2009 eine Knie TEP und in diesem Jahr im April die Zweite OP dazu. Und das alles, weil ich mit meiner Gesundheit gespielt habe – Übergewicht. Heute gehe ich 3 mal die Woche ins Studio, Ernährungsberatung und auch die sonstige Lebensweise wurde umgemodelt. Und man siehe – es geht auch ohne Pillen und Pülverchen. Glaube, ich werde hier Dauerlesen und möchte dich dazu gerne bei mir verlinken. Falls es nicht erwünscht ist, bitte melden. Lieber Gruß an alle. Mandy

    Blindbat

    27. Oktober 2010 at 15:25

  12. @Mandy: Danke für den ausführlichen Kommentar! Selbstverständlich freue ich mich über eine Verlinkung immer!

    medizynicus

    27. Oktober 2010 at 15:33

  13. So, nun habe ich mich auch über das Buch belesen und was soll ich sagen? Ich bin neugierig geworden und habe mal eben locker bestellt.

    Lieferung voraussichtlich: 30. Oktober 2010
    Voraussichtlicher Versand dieser Artikel: 28. Oktober 2010
    1 „Schwester!: Mein Leben mit der Intensivstation: Vom Leben mit der Intensivstation“
    Katrin Grunwald; Taschenbuch; EUR 8,95

    Verkauf durch: Amazon EU S.a.r.L.
    1 „…Leben retten und so…: Geschichten aus dem Kreiskrankenhaus Bad Dingenskirchen“
    Medizynicus Medizynicus; Broschiert; EUR 7,00

    Mein Mann stöhnt schon wieder und ich bin glücklich über neue Lektüre. Wenn nur erst der 30.10. wäre…ich bin doch immer so ungeduldig. Liebs Grüssle. Mandy

    Blindbat

    27. Oktober 2010 at 21:18


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