Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Die Kunst des Nichtstuns

with 11 comments

Montag Morgen in Bad Dingenskirchen. Sarah rennt von Zimmer zu Zimmer und balanciert das Tablett mit den Blutröhrchen vor sich her. Kalle sitzt in der Küche und trinkt Kaffee.
Irgendwann steckt er dann mal gemächlich seinen Kopf ins Dienstzimmer und schüttelt den Kopf.
„Sag mal, was machst’n Du die ganze Zeit da?“
„Nimmst Du etwa kein Blut ab?“
Kalle deutet auf ein einsames kleines Tablett.
„Drei Röhrchen heute!“
„Äh… hast Du denn keine Patienten?“
„Mehr als Du!“
„Und…“
„Ich mag es halt nicht, meine Patienten unnötig zu quälen!“
„Das Labor muss doch bei jedem mindestens einmal pro Woche kontrolliert werden!“
„Warum?“
„Weil… wenn zum Beispiel das Kalium runtergeht…“
„Was machst Du dann?!“
„Natürlich substituieren!“
„Und dann?“
„Natürlich engmaschig kontrollieren…“
„Und dann?“
„Was soll jetzt Deine Frage?“
„Sag mal, behandelst Du Laborwerte oder Patienten?“
Sarah schaut ihn wortlos an.
„Also ich trinke lieber Kaffee!“
Und damit zieht er sich wieder in die Küche zurück.

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Written by medizynicus

1. November 2010 um 05:50

11 Antworten

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  1. Ich mag Kalle 🙂

    Blogolade

    1. November 2010 at 06:24

  2. Ich mag ihn auch, die vom Labor sollen dann auf Hartz IV gehen. Den Patienten tut es gut!

    REALM

    1. November 2010 at 07:46

  3. Ich mag Kalle auch. Solange es den Pat gut geht, brauchen wir auch nichts behandeln. Nur weil in irgendwelchen Lehrbüchern der Idelawert steht, muss nicht jeder den haben.
    Ist wie im RettD: Den Pat, der seit Jahren Rhythmusprobleme hat und dem es gut geht, brauch ich nicht mit Medis vollpumpen.

    rettungsassistent

    1. November 2010 at 09:53

  4. Recht hat er ja, der Kalle…die ganze Blutabnehmnerei hat doch erstaunliche parallelen zum Mittelalterlichen Aderlass 😉

    Ormel

    1. November 2010 at 10:39

  5. 🙂 *breit-grinz* da lacht das Herz einer MTA, wenn sie von Kalles Verständnis erfährt 🙂
    Ein guter Arzt erkennt den Infarkt am Patienten, nicht an den Laborwerten 😉

    Petra

    1. November 2010 at 12:34

  6. Also, ich weiß auch nicht. Ich muß bei Kalle häufiger an den Dicken aus „House of God“ denken :o)

    Nadine

    1. November 2010 at 13:07

  7. House of God – Das Medizinbuch… 😀 …

    @Petra: Der Doc erkennt den HI vllt. nicht am Patienten pur, aber er erkennt ihn anhand seiner Anamnese zusammen mit seinem Monitoring und den dann folgenden abschließenden Labor…und nicht andersherum 😉

    rettungsdienstblog

    1. November 2010 at 16:04

  8. Schnief, ich hätte mir den Kalle auch gewünscht. Leider kam mir ein solches Exemplar nie in die Quere und ich wurde gestriezt ohne Ende. Ich habe nur eine sehr tiefliegende Vene, wo man andocken kann und selbst die ist immer extrem eigensinnig. Vor all meinen OPs hatte ich weniger Angst, als vor dem ständigen Piesacken. Ich war der Schwesternschreck schlechthin, habe alle Neu-Ärzte in die Flucht geschlagen und am Ende ließ man immer einen von der Anästhesie kommen. Ein Gutes hatte es bei mir aber doch – ich wurde nie in den frühen Morgenstunden mit dem Adernlass belästigt.
    „House of God“ ist das Buch der Bücher, aber deines Doc ist auch nicht von schlechten Eltern. Habe heute in der Arbeit davon erzählt und es erregt großes Interesse. Habe es bald durch und dann gibts ein komplettes Feedback.

    Machts alle gut zusammen, die Gifti!

    Giftspritze

    1. November 2010 at 16:23

  9. @Nadine: Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Ich werde dem Kalle mal bei Gelegenheit ausrichten, dass er dringend ein wenig abnehmen sollte!

    medizynicus

    1. November 2010 at 16:32

  10. @Rettungsdienstblog et al.: Richtig! Erst Anamnese, dann Patienten untersuchen, ggf. EKG und DANN Labor! Es gibt natürlich Dinge, da ist ein dringendes Labor wichtig und richtig, aber das ist eher die Ausnahme. Bestes Beispiel Herzinfarkt: Bis das Troponin richtig hohe Werte hat, ist der Herzinfarkt schon mehrere Stunden (bis zu 12) alt… und bis dann sollte man etwas getan haben.
    Natürlich gibt es Herzinfarkte, die einem „durchrutschen“, weil man mit untypischer Anamnese und Klinik und ohne EKG-Veränderungen ablaufen oder weil man halt auch nur ein Mensch ist und Fehler macht… und für solche Fälle ist das Labor wichtig und deswegen macht man es auch regelmäßig!

    medizynicus

    1. November 2010 at 16:35

  11. Nur mal am Rand: Vielleicht geht es ja nur mir so, aber ich fänd’s angenehm, wenn gleich erkennbar gemacht würde, wer im Dialog gerade spricht.

    NK

    1. November 2010 at 20:25


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