Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Gehen oder Bleiben?

with 16 comments

Mein Beitrag über die Migrationskette hat eine interessante Diskussion in Gang gebracht.
Fassen wir zusammen:

  • Kalle sagt, es sei unethisch, wenn ein Arzt sein Land verlässt, in dem er gebraucht wird um anderswo mehr Geld, bessere Arbeitsbedingungen oder mehr Lebensqualität zu finden.
  • Patrick sieht das anders. Er fühlt sich nicht für die Misere des deutschen Gesundheitswesens verantwortlich. Er ist mit seiner Familie nach Schweden ausgewandert, weil er dort mehr Lebensqualität, bessere Arbeitsbedingungen und (vielleicht auch) mehr Geld gefunden hat.

Wer hat nun Recht?
Ist Patrick ein skrupelloser Vaterlandsverräter, der nur seinen eigenen Vorteil sucht? Oder ist Kalle ein weltfremder Idealist, der verzweifelt versucht, etwas zu retten, wo es nichts mehr zu retten gibt?
Ein wenig erinnert mich die Diskussion an das, was im Sommer 1998 in der damaligen DDR ablief (nein, war nicht dabei!). Wir erinnern uns:
Jener Staat lag in seinen letzten Zügen. Tausende, Zehntausende von Menschen sind in den Westen abgehauen: anfangs über Ungarn und Österreich, später über die westdeutsche Botschaft in Prag. Die Leute haben mit den Füßen abgestimmt. Sie sind gegangen sind, weil sie der Ansicht waren dass in der DDR nichts mehr zu reformieren gab.
Das Ergebnis ist bekannt.
Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung aber ist bekanntlich dort geblieben. Die meisten sicher aus Bequemlichkeit. Einige aber haben sich ganz bewusst gegen die Emigration in den Westen entschieden, weil sie hofften, dort etwas Neues aufbauen zu können, vielleicht so etwas wie eine „Richtig demokratische Republik Ostdeutschland“ aufzubauen.
Was wäre, wenn sie sich durchgesetzt hätten?
Wieviel Idealismus braucht ein Arzt? Und wieviel Realitätssinn?
Ist das deutsche Gesundheitssystem wirklich so marode wie die DDR vor einundzwanzig Jahren?

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Written by medizynicus

10. November 2010 um 05:59

16 Antworten

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  1. mach mals aus 98 ne 89…^^ und ich denke, sobald ich fertig bin mit dem studium bin ich weg, tut mir leid, aber ich kann nicht hier bleiben wenn sich nicht etwas ändert. ich bin nicht bereit mich kaputt zu arbeiten für nichts und wieder nichts und dann noch mit füßen getreten zu werden. da fehlt mir einfach der idealismus für, ich lebe immerhin nur einmal und das muss ich mir nicht schlechter machen als nötig.

    Bianca

    10. November 2010 at 06:48

  2. Ich war ja 1989 erst 11, aber … ich habe die DDR nicht als Diktatur und marode in Erinnerung. Da ist auch einiges schlecht geredet worden. Und ich habe (als Außenstehende!) den Eindruck, das passiert in der aktuellen Diskussion auch.

    Den Kommentaren in den beiden vorangegangenen Artikeln entnehme ich, daß anderswo die Wiesen auch nicht anders blühen. 😉
    Und die Vorstellung, jemanden nicht behandeln zu können, weil er oder sie kein Geld hat, so wie das in den USA üblich zu sein scheint, die geht mir schon sehr nahe.

    Ich habe bislang bei meinen behandelnden Ärzten nicht den Eindruck gehabt, daß sie sich totschuften.

    Hesting

    10. November 2010 at 07:21

  3. Eins ist sicher: das Gesundheitssystem ist schon viel länger in der Hand von Ärztinnen und Ärzten als ein paar Bundesländer in der Hand von Stalinisten waren.

    Ohne Autogramm vom Arzt gibt’s nix in diesem System. Da viele Ärzte aber die Blankovollmacht zur Selbstbedienung (auch mit Unsinn) missbraucht haben, da wurden nach und nach immer mehr Regeln aufgestellt. Leider wird immer noch viel Unsinn gemacht, manche Regeln sind auch schlecht.

    Wolf

    10. November 2010 at 08:35

  4. Wenn jemand seine persönliche und damit zumeist auch wirtschaftliche Situation verbessern möchte, dann ist das nur allzu verständlich und sicher auch zu akzeptieren.

    Ökonomisch betrachtet richten sich veränderungswillige Menschen naturgemäß nach Angebot und Nachfrage, keine Frage.

    Und es sind ja nicht nur Mediziner, die diesem Land hier den Rücken kehren. Auswanderungswillige Menschen gibt es in nahezu allen Berufszweigen.

    Ein Ausgleich abgewanderter Mediziner (Berufsbeispiel) wird mit Zuwanderung, vor allem aus Osteuropa, gewährleistet.

    Es besteht demnach kein Grund zur Sorge im Hinblick auf mögliche Unterversorgungen.

    Multikulti lebt eben doch!!!

    …und das ist auch gut so … :-))

    DocConsult

    10. November 2010 at 08:43

  5. Das einzige was das Ganze unethisch machen würde, ist die Tatsache dass das Studium in Deutschland weitgehend kostenfrei ist, weil es von den Mitbürgern mit Steuern finanziert wird. Deshalb hat das Auswandern eines deutschen Mediziners moralisch ene andere Qualität als das Auswandern eines amerikanischen .B., der sein Studium selbst bezahlt bzw. selbst die Schuldenlast trägt.

    Aber da dem deutschen Gesetzgeber dies bekannt ist und er sich dennoch gegen kostendeckende Gebühren entschieden hat, ist dem einzelnen Studenten/Mediziner kein Vorwurf zu machen.

    Andreas Moser

    10. November 2010 at 09:15

  6. @DocConsult
    Also du hast ein gutes Gefühl dabei von jemandem den Wanst aufgerissen zu bekommen, der deine Sprache nicht mal fließend spricht? Ich glaub da stehst du allein. Und warum finanzieren wir dann in D die Arztausbildung erst wenn die dann abwandern, dann lassen wir doch lieber die Unis ganz weg und kaufen die Profis gleich in Rumänien ein. Die wir dann wieder billiger bezahlen weil wir ja keine Akademiker mehr haben die mehr Geld verdienen können, weil wir die Unis abgeschafft haben. Es kam doch letztens im TV wo die Kliniken auf einem Berufsbazar in CZ Fachärzte einkauften. Und wenn die erstmal richtig damit anfangen können sie gleich wieder mehr Druck auf die echt-deutschen Gehälter ausüben, da sie billiges osteuropäisches Humankapital haben. Wo ist dein Multikulti da im geringsten „gut“. Das ist einfach nur zum k—en für uns und auch für die Länder wo wir Personal abziehen. In deinem Weltbild stehen arme Menschen in der Turnhalle an um sich kostenlos die Zähne rausreissen zu lassen. Man da wird mir echt schlecht bei so einer Einstellung. Ich bin dafür alle Studenten einen Vertrag unterschreiben zu lassen, der besagt, dass wenn sie aus D nach einem steuerfinanzierten Studium abhauen, sie dieser Uni den Betrag zahlen müssen, der ihr Studium in dem Auswanderungsland gekostet hätte. Ob dann immer noch so viele so gern wegwollen?

    Peter

    10. November 2010 at 09:32

  7. Wenn immer alles so einfach wäre und man klar „Richtig“ oder „Falsch“ sagen könnte.

    Vor 18 Jahren habe ich mich entschieden, in den „Westen“ zu gehen. Mir eröffneten sich ganz neue Perspektiven, ich musste aber auch damit leben, für einige Zeit ganz alleine mit allen „kulturellen“ Unterschieden klar zu kommen. Ich bereue es nicht. Aber sollte ich mir jetzt ernsthaft Gedanken machen, weil ich ein Bundesland verlassen habe, in dem der Altersdurchschnitt und die Arbeitslosenquote nach oben geschossen ist? Ich denke nicht. Wenn ich dort geblieben wäre, wäre ich womöglich nicht wie jetzt, seit 2 Monaten sondern schon seit 10 Jahren arbeitslos. Und ehrlich gesagt bin ich froh, dass mich das deutsche Sozialsystem auffängt. Ich weiss auch nicht was die Zukunft bringt, vieleicht lebe ich auch bald im Ausland, weil ich hier in Deutschland keinen adäquaten Job finde.

    Ich finde es ist eine Sache, Dinge oder Situationen, egal ob es sich um angebliche „Vaterlansverräter“, also Ärzte wie Patrick handelt oder um Honorarärzte zu kritisieren und immer wieder darauf herumzureiten. Man muss auch die andere Seite der Medaille betrachten. Auch dort ist nicht alles Gold was glänzt.

    Eigentlich trifft der Spruch „Love it, Change it or Leave it“ ganz gut. 🙂

    anjastagge

    10. November 2010 at 09:38

  8. @Hesting Ich muss dir zustimmen: Die DDR war zwar ökonomisch bankrott, aber als Diktatur habe ich sie auch nicht in Erinnerung. Das heißt, man konnte in dieser auch leben. Überhaupt das heutige Gesundheitswesen kann man einfach nicht mit der DDR vergleichen. (Ich war 1989 24 Jahre.)

    MSchnettel

    10. November 2010 at 10:16

  9. „Die Leute haben mit den Füßen abgestimmt. Sie sind gegangen sind, weil sie der Ansicht waren dass in der DDR nichts mehr zu reformieren gab.“

    Ja sie haben mit den Füßen abgestimmt. Sie sind aber nicht ausgewandert. Die Mehrheit ist demonstrieren gegangen. Friedliche Revolution 😛

    Celebrian

    10. November 2010 at 10:46

  10. Jeder Einzelne möge bitte nach individuellen Kriterien entscheiden. Aber ich habe ein grundsätzliches Problem damit, wenn unsere Gesellschaft jetzt systematisch ausländische Fachkräfte anwerben möchte.

    Denn das bedeutet, dass das reiche Deutschland von ärmeren Staaten verlangt, dass die ihre Menschen ausbilden. Ausbilden nicht um deren Gesellschaft zu verbessern, sondern damit sie hier unsere demographischen und anderen Probleme zu lösen. Das ist asozial und eine Form des Kolonialismus. Diesmal werden nicht Rohstoffe zu unfairen Preisen aus ärmeren Ländern geholt, sondern wir drücken den dortigen Gesellschaften die Ausbildungskosten für unsere Fachkräfte auf.

    Marc B.

    10. November 2010 at 11:26

  11. Von einer „Misere“ des deutschen Gesundheitswesens würde ich nicht sprechen. Es ist (noch?) eines der besten weltweit- was die Versorgung der Bevölkerung angeht. Mag sein, daß aus der Innensicht Arbeitsbedingungen und/oder Bezahlung unangemessen erscheinen. Das kann ich als Nichtmediziner nicht beurteilen. Wer sich ausgebeutet fühlt, wird berechtigterweise nach Alternativen suchen. Das tut jeder- auch in anderen Berufszweigen. Das ist auch nicht ehrenrührig. Man sollte nur auch nüchtern alles auf die Waagschale tun: neben der Zahl auf der Gehaltsabrechnung gibt es auch noch andere Faktoren, die bei einem Job- und Wohnsitzwechsel ins Ausland wichtig sein können: Kindergarten- u. Schulplätze, Integration aller Familienmitglieder in fremdsprachliches Umfeld, sozialer Kontakt zu in der Heimat zurückgebliebenen Freunden und Verwandten… Wenn unter Berücksichtigung aller Veränderungen für Euch anderswo alles immer noch besser erscheint als hier – dann habt Ihr keine andere Wahl. Dann müßt Ihr los. Die Lücken werden schon irgendwie gestopft werden- sei es durch straffere Organisation, ausländisches Personal… Und genauso emotionslos, wie wir Euch jetzt gehen lassen, werden wir Euch auch wieder empfangen, wenn Ihr Euch im Alter dann wieder auf Eure Wurzeln besinnt oder Ihr selbst auf medizinische Versorgung angewiesen seid. Jeder muß selbst wissen, wo und wie er leben will.
    Die DDR war wirtschaftlich am Ende- ganz gleich wie alt man 1989 gewesen ist, konnte man das inzwischen zur Kenntnis nehmen und anhand von Fakten nachvollziehen. Wenn ich nur daran denke, daß es im Arbeiter- und Bauernstaat 1984 gerade mal zwei Computertomographen gab (aus Devisenmangel, der Bedarf war natürlich größer)und deshalb Patienten nicht rechtzeitig geholfen werden konnte, obwohl das Wohl der Bürger theoretisch im Mittelpunkt aller Bemühungen von Partei und Regierung stand, dann muß da nichts mehr schlechtgeredet werden. In diesem Zusammenhang möchte ich allerdings nicht versäumen, die Arbeit der Mediziner zu dieser Zeit ausdrücklich zu würdigen. Mit sehr viel Ideenreichtum und persönlichem Einsatz haben die meisten versucht, Unzulänglichkeiten zu kompensieren.

    Harzmensch

    10. November 2010 at 11:46

  12. @MarcB: das stimmt so auch nicht unbedingt. Westeuropäische Fakultäten bilden Medizinstudenten aus vielen Ländern aus, von denen einige später in ihre Heimat zurückkehren und andere bleiben. Ich weiß von mindestens einem Österreicher in Hannover, und an den französischen Fakultäten sind die Bänke voll mit Neu-EU-Bürgern. Wo ist das Problem, wenn später auch die Kliniken voll sind mit Rumänen?

    Wolfram

    10. November 2010 at 14:13

  13. Ich denke, die alte DDR und das deutsche Gesundheitswesen sind da durchaus vergleichbar.

    Es wäre in der DDR nicht gut aushaltbar gewesen, wenn ALLE kritischen Leute in den Westen gegangen wären. Wir „Dagebliebenen“ kritischen Stimmen wären so wenige gewesen, dass es einfach gewesen wäre uns vollends mundtot zu machen. Es hat aber die Initialzündung der Massenflucht (vor allem: Prager Botschaft) gebraucht, um den Oppositionellen Mut zu machen, die DDR-Regierung unter Druck zu setzen und die westdeutsche Regierung aus ihrer Lethargie zu befreien.

    Übersetzt: Es braucht vermutlich den Massenexodus von guten Ärzten, um hier nicht in fatalistische Lethargie zu verfallen. Es müssen aber auch mutige, streitbare und nichtfatalistische Ärzte hierbleiben, um „intern“ weiter Druck zu machen und in kleinen Schritten Bewegung ins verkrustete Gesundheitswesen zu bringen.

    @Hetting und MSchnettel: Wir sollten hier eher keine „War die DDR eine Diktatur oder nicht?“-Diskussion anzetteln. Erstens hängt das sehr vom persönlichen Erleben des Einzelnen ab, zweitens ist dies auch nicht die Frage von Medizynikus.

    Sagt die Nihilistin, 24 Jahre alt zum Mauerfall, in der DDR eher auf der Oppositionsseite zu finden gewesen und im Sommer 1989 freiwillig von einem Urlaub in Ungarn zurückgekommen. Weil Flucht nicht immer die Lösung gesellschaftlicher Probleme sein kann.

    Nihilistin

    10. November 2010 at 16:20

  14. Ich denke, das eigene Leben ist zu wichtig, um sich wegen moralischer Überlegungen für, oder gegen das Auswandern zu entscheiden. Viele von euch haben ja nur dies eine Leben. (ich hatte Glück und hatte zwei)
    Nein, wenn ein Staat bezüglich der Fachkräfte auszubluten droht, dann muss er etwas ändern, damit die Leute lieber hierbleiben.
    Sogar ich habe schon Vorstellungsgespräche beim LKA in Brisbane/OZ geführt, weil ich hier weg wollte. Leider verdiene ich da vieeeel zu wenig. Bleib ich hier und lass mich weiter nassregnen.
    Mit euren Patienten ist es, wie mit meinen Verbrechern: Die Biester gibt es überall auf der Welt und deshalb können wir auch überall einen Job finden 🙂
    Klugscheißerische Grüße,
    svenja

    Svenja-and-the-City

    10. November 2010 at 20:12

  15. Manchmal verstehe ich Euch Ärzte nicht: Dableiben, nur weil man sich moralisch verpflichtet fühlt in Deutschland zu bleiben?
    Entweder ist das ein völlig falsches Helfersyndrom oder es ist eine Ausrede dafür, dass man aus anderen Gründen nicht wegziehen möchte (zu unbequem, familiär/freundschaftlich gebunden, etc.).

    Der Beruf Arzt ist handwerklich geprägt, man erbringt eine Dienstleistung und wird dafür bezahlt. Wenn ich einen Arzt aufsuche, erwarte ich, dass dieser mich heilt, das ist sein Job und das hat er gelernt. Wenn ich mein Auto in die Werkstatt bringe, dann erwarte ich schließlich auch, dass mir das dort repariert wird, das ist deren Job und das haben diese gelernt.

    Wer als Arzt wegziehen will, weil er denkt, dass das deutsche Gesundheitswesen schlecht bezahlt (was ja der Fall ist), kann dies tun, da spricht nichts dagegen. Wenn ich Arzt wäre, würden mich da moralische Bedenken nicht aufhalten.

    Steven

    14. November 2010 at 02:07

  16. Wir haben also eine moralische Verpflichtung in Deutschland zu bleiben nach unserer Ausbildung? Mich erstaunt es immer wieder, auf welche Gedanken die Daheimgebliebenen kommen, um zu rechtfertigen, nichts an den Verhältnissen ändern zu müssen. Es stimmt eben: Ärzte sind wie die Kuh, die glaubt, sie und der Metzger seien ein Team. Man wartet im übrigen auf den Tag, an dem wieder jemand eine Mauer baut um Deutschland, damit wir lebenslang unserer moralischen Pflicht gerecht werden … Grüsse aus der Schweiz.

    KlabauterDoc

    20. November 2010 at 10:28


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