Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

in Memoriam: Premiumpatientin

with 8 comments

Wir haben einander nie gesehen. Und doch sind wir uns begegnet, haben kommuniziert: über Kommentare in unseren Blogs und ab und zu auch per Email.
Vor meinem inneren Auge entstand das Bild von einer attraktiven jungen Frau – vielleicht Anfang-Mitte dreißig, vielleicht älter, vielleicht auch jünger. Blond oder brünett? Blaue oder braune Augen? Ich weiß es nicht. Vielleicht war sie zu dieser Zeit auch längst von ihrer Krankheit gezeichnet.
Wären wir uns im echten Leben über den Weg gelaufen… hätten wir uns unterhalten? Vielleicht sogar ein wenig geflirtet? Uns gar mal auf einen Kaffee getroffen?
So aber kenne ich nicht viel mehr von ihr als ihren Blog.
„Premiumpatientin“ war witzig, geistreich, humorvoll. Sie schrieb über ihr Leben und vor allem über ihre Erfahrungen mit Ärzten und Krankenhäusern, die schwere Krankheit jedoch pflegte sie stets mit einem unaussprechlichen Ausdruck zu bezeichnen.
Vor ein paar Monaten, an einem dunklen und klirrend kalten Winterabend haben wir zum letzten Mal gemailt. Sie klang traurig. Vielleicht verzweifelt. Aber nicht hoffnungslos.
Es folgte noch – ganz sporadisch – der eine oder andere Blogeintrag.
Dann langes, langes Schweigen.
Am 7. November ist „Premiumpatientin“ gestorben.
Gestern habe ich es erfahren. Heute sitze ich in einer kleinen Pizzeria, schaue hinaus in den Dauerregen und die Pfützen auf dem Kopfsteinpflastermarktplatz und erhebe schweigend mein Glas.
Premiumpatientin, leb wohl! Wo immer auch Du jetzt bist.
Ich weiß nicht, ob ich über ihre letzte Mail berichten darf. Ich tu es dennoch, weil ich denke, dass es in ihrem Sinne wäre:
Sie deutete an, dass eine Organtransplantation ihr vielleicht das Leben retten könnte.

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Written by medizynicus

11. November 2010 um 21:40

Veröffentlicht in Nachdenkereien

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8 Antworten

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  1. Ach wie unendlich schrecklich :-((((((

    Wie traurig… Mir fehlen die Worte.

    Nina

    11. November 2010 at 22:08

  2. Das ist ein schöner Nachruf auf einen Menschen, mit dem man ohne diese virtuelle Welt nie in Kontakt getreten wäre.
    Mir geht es auch so, dass ich mir über Schreiberlinge und Kommentatoren ein Bild mache, wie sie wohl aussehen könnten, was das für Leute sein könnten.

    Ich verstehe Deine Betroffenheit Medizynicus.

    sweetkoffie

    12. November 2010 at 07:56

  3. das ist so traurig, buhu… 😦 ich bin zwar vermutlich ein stück jünger als premiumpatientin es war… aber trotzdem hat mich der letzte satz deines posts dazu veranlasst, meinen geldbeutel zu holen, und zu gucken, ob mein organspendeausweis noch da ist… manche organe kann man nur eben nicht abgeben, wenn man das mit dem eigenen leben vereinbaren will. sonst hätte ich sooo vielen leuten schon ein herz oder sonstiges abgedrückt… ehrlich…! 😦

    souly

    12. November 2010 at 13:45

  4. Dass du diesen letzten Satz gebracht hast, war sicher gut und richtig – vielleicht weckt es bei manchen Menschen mal (wieder) das Bewusstsein dafür, wie wichtig das Thema Organspende ist.

    Bis gestern kannte ich diesen Blog nicht, bin aber dann durchs Queerlesen drauf gestoßen. Ist schon irgendwie tragisch – was soll man auch sagen, wenn man jemanden nicht (und schon gar nicht persönlich) gekannt hat.

    Mich erinnert es nur grad‘ wieder an eine Bekannte, die ich vor Jahren mal übers Netz kennengelernt hatte. Ich habe sie, ebenso wie du die ‚Premiumpatientin‘, nie persönlich getroffen – aber eine lange Zeit regelmäßig mit ihr telefoniert. Als ich im Frühjahr erfuhr, dass sie ganz plötzlich verstorben ist, war ich auch sehr betroffen.

    anima

    12. November 2010 at 18:29

  5. ich durfte sie kennen und bin unendlich dankbar dafür. sie war eine humorvolle, großherzige, tolle person und es bricht mir das herz, sie gehen zu lassen.
    danke für deinen letzten satz, seitdem ich mit premiumpatientins krankheit vertraut wurde, trug ich einen organspendeausweis bei mir. immer.

    alexis

    12. November 2010 at 21:05

  6. Das hast Du schön geschrieben.

    Muckeltiger

    12. November 2010 at 21:48

  7. Ganz ganz schlimm. Hab ihren Blog erst heute gefunden und wünsche mir nun ich hätte das Glück schon vorher gehabt.

    Zum Thema Organspende: Hier wo ich wohne ist es so, dass man beim Registrieren des Hausarztes angibt, was man behalten möchte sollte es mal soweit sein. Das ist, auch weil jetzt alles elektronisch vermerkt ist, einfacher als der Antrag auf einen Spenderausweis (den alle in meiner Familie haben, ausser mir aus eben jenem Grund)Ich hab angeben dass man nehmen soll was sich verwerten lässt.

    charlotte sometimes

    13. November 2010 at 00:39

  8. du hast die passenden Worte gefunden.

    psychoMUELL

    13. November 2010 at 15:14


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