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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Das angebliche Heilpflanzenverbot – oder: nicht als heiße Luft von der Globulifront

with 10 comments

Zunächst mal die Fakten:

  • Die EU erläßt eine Richtlinie mit dem sperrigen Titel „THMPD“. Da steht irgendwas von Heilpflanzen drin. Und wie das mit EU-Richtlinien so ist, ist das Machwerk kompliziert und für Laien schwer zu verstehen.
  • Ein Blog aus der Alternativmedizin-Naturheilkunde-Schulmedizinkritik-Ecke schreibt darüber. Behauptung: „Die EU will Heilpflanzen und Naturheilmittel verbieten“ – Dahinter steht natürlich die böse Pharmalobby, die gegen alles wütet was sich nicht patentieren und teuer verkaufen läßt. Das ist allerdings falsch: In Wirklichkeit geht es in der Richtlinie lediglich um die Art und Weise der Zulassung von naturheilkundlichen Medikamenten
  • Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Netz und wird noch weiter pointiert: „Aus für Kammillentee?“ lautet die griffige Formel.
  • Flugs wird eine Petition an den Deutschen Bundestag auf den Weg gebracht: man möge beschließen, dass das „Heilpflanzenverbot“ in Deutschland nicht greifen soll
  • Zahllose Aufrufe zur Unterschrift der Petition machen in Blogs, Foreneinträgen und Kettenmails die Runde und werden per copy-and-paste weitergeschickt.
  • Auch die „etablierten“ Medien greifen die Sache auf. Artikel zum angeblichen Heilpflanzenverbot erscheinen – zum Beispiel im Blog der Taz
  • Die Petition wird von mehr als hunderttausend Menschen unterschrieben
  • Kurz vor Ablauf der Unterschriftsfrist schreibt ein Blogger einen Beitrag, in welchem er den Unsinn der Geschichte entlarft.
  • Der Beitrag wird zunächst von anderen Blogs – zunächst aus der Szene der Wissenschaftsblogs, dann von den Großen „A-Bloggern“ übernommen und gelangt von dort in die „etablierten“ Onlinemedien.

Was lernen wir aus der Sache?
Wir Blogger haben doch offenbar eine Menge Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung.
Aufgabe der etablierten Journalisten sollte es sein, aus dem Grundrauschen die wichtigen Nachrichten herauszufiltern und die Fakten zu checken.
Aber hier kam die entscheidende Recherche auch wieder von einem Blogger, nicht von einem Journalisten.

Quellen:

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Written by medizynicus

14. November 2010 um 05:53

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

10 Antworten

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  1. Es geht auch im Journalismus vornehmlich darum, „der erste“ zu sein, der eine Story hat uns darüber berichtet. Wenn man nicht „der erste“ ist, dann zumindest der zweite. Da bleibt die Recherchearbeit eben auf der Strecke. Das gilt sicher nicht für jeden Journalisten und jedes Blatt und jede Story. Aber an diesem Beispiel sieht man zumindest, dass auch etablierte Medien davon nicht frei sind.

    anna

    14. November 2010 at 09:47

  2. Ich hoffe sehr, das der Einfluss der klassischen Medien zunehmend geringer wird.

    Einerseits klauen Sie ohne Ende aus dem Internet (meistens mit so genialen Quellenangaben, wie „Quelle: Internet“), andererseits haben Sie panische Angst davor, zunehmend unwichtiger zu werden, und machen darum soviel Meinungsmache gegen das Internet wie es nur geht.
    Diesen Fall werden sie dafür auch wieder ausschlachten „da sieht man mal wieder, das im Internet nur lügen stehen, zum Glück gibt es ja uns, die Journalisten“.
    Sie selbst schreiben auch nur voneinander ab, übernehmen kritiklos jegliche Agenturmeldungen und Meinungen der Politiker, manipulieren und bringen einen Mist raus, der nichts mit unabhängigem Journalismus zu tun hat.

    Ich vertraue lieber dem Blog von irgendeinem unbekannten Hartz4-Empfänger aus Sachsen, als einer Seite aus einer beliebigen Tageszeitung.

    Abmahner

    14. November 2010 at 10:59

  3. Mich würden Blogs aus der „Alternativmedizin-Naturheilkunde-Schulmedizinkritik-Ecke“ brennend interessieren.

    Hast Du da mal eine Adresse?

    Ich finde immer nur Blogs von Schulmediziniern.

    Danke im Voraus

    Kadina

    14. November 2010 at 17:41

  4. Avialle

    14. November 2010 at 19:09

  5. @ava: O danke, das ist aber lieb!

    medizynicus

    14. November 2010 at 23:02

  6. @Kadina: die findest Du auf der Rangliste von Wikio ziemlich weit oben – ich mag sie aus Prinzip nicht verlinken, kann Dir den Link aber gerne per Mail schicken.

    medizynicus

    14. November 2010 at 23:03

  7. „In Wirklichkeit geht es in der Richtlinie lediglich um die Art und Weise der Zulassung von naturheilkundlichen Medikamenten“

    Aber das ist doch gerade der Punkt!
    Als Mensch, der die meisten seiner gesundheitlichen Probleme durch Fehler der Schulmedizin eingesackt hat und erfahren hat, daß die Hilfe ausschließlich von seiten der Naturheilmittel kam, bin ich ziemlich empfindlich. Wenn ich diese Mittel nicht mehr bekommen kann, rechne ich zuversichtlich mit einem früheren Tod.

    Eva

    15. November 2010 at 10:14

  8. @Abmahner: Tatsächlich können auhc viele Journalisten nicht zwischen „Sie“ (Anrede) und „sie“ (3. Person) unterscheiden. Aber denen kann man dann noch mal sagen, „wofür bezahl ich dich eigentlich?“

    Wolfram

    15. November 2010 at 11:10

  9. @Eva:
    Du bekommst Deine Naturheilmittel auch weiterhin. Die Frage ist in diesem Gesetz lediglich das „Wie“ in der Zulassung.

    @Medizynicus:
    in der Petition bzw. in dem dazugehörigen Forum haben übrigens auch andere Blooger/User vorher schon angefangen, sich Fragen zu stellen ob das alles so seine Richtigkeit hat z.B. Fragen nach der Original-Quelle und wo da jetzt ein Verbot sei etc. Sie sind jedoch immer schön mit dem Argument der Pro-Pharmalobby plattgemacht worden. So lange, bis jemand, der sich vermutlich auch beruflich damit beschäftigt, endlich mal genau erklärt hat, was da los ist.

    Solche Hetzschreiben mit dem Tenor „Verbot alternativer Heilmittel“, „Verbot von Nahrungsergänzungsmitteln“ usw. erhalte ich insbesondere immer ma wieder aus dem englischen Raum. Persönlich habe ich den Eindruck gewonnen, dass dort eine (möglicherweise unseriöse) Firma sitzt, die versucht, mit allen Mitteln ihre Pülverchen, Extrakte etc. zu verkaufen und nun vom Europäischen Gesetzgeber ausgebremst wurde. Aber das ist mein Eindruck, muss nicht stimmen.

    Naschbaer

    15. November 2010 at 14:28

  10. @Wolfram
    Hä?

    Abmahner

    15. November 2010 at 20:12


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