Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Psyche, Herz oder Rücken?

with 21 comments

Es klopft an der Tür zum Arztzimmer.
„Herein!“
Die Tür öffnet sich zaghaft. Davor steht Herr Lanzberger, Herbert.
„Was können wir für Sie tun, Herr Lanzberger?“
„Ich… ich hätte ein paar Fragen an Ihre Kollegin…“
Sarah verdreht die Augen und atmet laut hörbar aus. Dann steht sie auf und reicht dem Patienten die Hand.
„Bei der Visite hatte ich Ihnen doch schon alles erklärt!“
„Aber ich weiß nicht…“
„Sie können heute nach Hause gehen, Herr Lanzberger!“
„Wirklich?“
„Wirklich!“
„Also, letzte Nacht, da hatte ich wieder…“
„Ihre Schwindelattacken haben wir doch längst abgeklärt!“
„Und was habe ich dann?“
„Herz und Lunge sind völlig in Ordnung!“
„Ja, und meine Schmerzen?“
„Die könnten… die könnten vielleicht vom Rücken her kommen…“
„Und was mache ich da?“
„Gehen Sie am besten gleich morgen zum Hausarzt. Der kann Sie dann zum Orthopäden überweisen, und der schickt Sie dann zum Kernspin, also in die Röhre…“
Herr Lanzberger bleibt unschlüssig in der Tür stehen.
„Jetzt machen Sie sich mal keinen Kopf! Gehen Sie mal erst mal heim. Da wird Ihnen schon nicht der Himmel auf den Kopf fallen.“
Der Patient zögert eine Weile, dann nickt er.
„Danke, Frau Doktor!“
Langsam schließt er die Tür hinter sich.
„Glaubst Du wirklich, dass er etwas am Rücken hat?“ frage ich.
„Selbstverständlich nicht!“ sagt Sarah, „der hat eine Somatisierungsstörung, wie aus dem Lehrbuch!“
„Warum hast Du ihm das nicht gesagt?“
Sarah zuckt hilflos die Schultern.
„Einen Herzinfarkt haben wir halbwegs sicher ausgeschlossen. Deswegen war er hier! Und alles Andere…“
„Ist nicht Dein Job? Was soll denn der arme Hausarzt tun?“
„Der wird ihm ja wohl die Wahrheit schonend beibringen!“
„Und ihn zum Orthopäden schicken?“
Sarah steht auf, schüttelt den Kopf und verdreht abermals die Augen.
„Vergiss es einfach!“ sagt sie und geht hinaus.

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Written by medizynicus

16. November 2010 um 05:11

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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21 Antworten

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  1. Und ein Bioklempner hat die Chance verpaßt, Arzt zu sein.
    Daumen runter für Sarah.

    Wolfram

    16. November 2010 at 06:45

  2. Ja, und dann zum Geistheilerscharlatan!!!

    REALM

    16. November 2010 at 08:00

  3. Ist das jetzt die Grenze der „Schulmedizin“?

    Wenn es einem besch… geht, die ganze Technik und Chemie nichts findet, dann gibt man dem Tierchen den Namen „Somatisierungsstörung“ und schickt ihn sich selbst überlassend nach hause?

    Und dann wundert sich jemand, wenn Hungerkuren, Gurus, Yogis und Lichtterapeuten Zulauf finden???

    lorem42

    16. November 2010 at 08:02

  4. „Warum hast Du ihm das nicht gesagt?“

    weils umständlich ist
    weils Zeit braucht
    weils unberechenbar ist – was wenn er anfängt zu erzählen oder zu weinen ?

    weil man das im Studium nicht gelernt hat?

    Aber die Frage ist schon ob man mit Somatisierungsstörung kein Recht auf Behandlung hat…
    Wurde wirklich nichts gefunden? Oder nur nichts was nach Schema F abgehandelt werden kann? Und wenn man schon keine Zeit/Lust/Interesse/Engagement für sowas hat warum schickt man den Patienten denn nicht zum richtigen Facharzt? Statt im schlimmsten Fall wirklich zum Orthopäden (der bestimmt was findet – irgendwas findet der immer) damit der Patient weiter teuer behandelt/untersucht wird ohne dass es ihm besser geht…

    Blogleserin

    16. November 2010 at 09:41

  5. … ist nur die Reaktion unmotivierter Arbeitnehmer/innen.

    DocConsult

    16. November 2010 at 10:02

  6. Ich musste erst mal googlen was eine Somadingsdastörung ist.
    Doofe Sache aber da frage ich mich dann (je nach Symptomen) ob das wirklich „eingebildet“ ist oder die wahre Ursache einfach nicht gefunden ist bisher?

    Sarah bekommt heute kein Gummibärchen von mir. Wenn sie an ihre Grenzen stößt, sollte sie das auch zugeben. Nur so lernt man dazu.

    Blogolade

    16. November 2010 at 10:17

  7. Wer sagt denn dass das eingebildet ist?

    Der Patient hat Schmerzen!
    Und das hat eine Ursache – auch Schmerzen können, wie vieles andere auch, psychische Ursachen haben.

    Oder es gibt eine physische Ursache die bisher nicht gefunden wurde und man die Schmerzen jetzt noch nicht erklären kann… aber auch diese Grenzen kann man einem Patienten erklären.

    Blogleserin

    16. November 2010 at 10:52

  8. Da könnte ich mich doch sowas von echauffieren…

    Warum sagt man dem Patienten nicht ganz direkt, dass seine Beschwerden auch psychosomatisch bedingt sein könnten – oder gar sind, falls organische Ursachen definitv ausgeschlossen werden konnten?

    Aber klar … ist ja dann leichter den Patienten zum HA abzuschieben, der ihn dann weiter zum Fachkollegen abschiebt, weil die entlassende Klinik das ja vermutlich im Entlassungsbericht empfohlen hat.

    Der arme Tropf wandert in seiner Unsicherheit und der Hoffnung, dass man ihm vielleicht doch helfen, weiter zum Orthopäden. Der wird vermutlich bestimmt irgendetwas finden – und wenn’s nur ’ne altersbedingte Arthrose ist. Der (teure) Diagnostikapparat wird wieder in Gang gesetzt und bla bla bla…

    Also für mich auch Daumen runter für deine Kollegin.

    P.S. Wieviel Zeit einem Patienten während einer Visite bleibt um seine Sorgen und Ängste anzusprechen, resp. wieviel Zeit ein Arzt hat, in diesem Moment darauf einzugehen, wissen wir ja alle

    anima

    16. November 2010 at 12:52

  9. Sorry … sollte natürlich so lauten:

    […] vielleicht doch helfen kann.

    anima

    16. November 2010 at 12:55

  10. Meistens lese ich einfach nur so mit, aber jetz muss ich mich doch mal zu Wort melden… Leute, lassts mal die Kirche beim Dorf.
    Ich meine, er ist ins KH gekommen zur Akutabklärung eines HI, die ist gelaufen und es is nix bei rausgekommen.
    Dass der Mann mit seiner Somatisierungsstörung mal zum Seelenklemptner muss, steht außer Frage. Sicherlich war es nich die feine englische Art von Sarah mit dem Patienten umzugehen, aber sie hat ihm den einzig sinnvollen Rat gegeben: sich nicht aufregen und erstmal nach Hause gehen, am nächsten Tag zum Hausarzt, der sich um die langfristige Behandlung kümmert, was meiner Ansicht nach nicht Sache vom KH ist. Der wird schon die richtige Therapie empfehlen, wenn er den Patienten schon länger kennt, wovon auszugehen ist.
    Nicht immer gleich auf die Klinikdoktern einhacken 😉

    Tommuc

    16. November 2010 at 13:06

  11. Weil Patienten weder hören noch einsehen wollen, dass sie psychosomatische Beschwerden haben – schließlich hat man dann ja einen an der Waffel…

    Autolyse

    16. November 2010 at 14:08

  12. …oder vielleicht hat Sarah schon versucht, ihm das beizubringen?

    Das wurde dann empört abgebügelt mit „Ich bin doch nicht verrückt, das bilde ich mir nicht ein, Unverschämtheit, ich werde sie verklagen!Wegen übler Nachrede und Beleidigung!!“

    Spätestens nach dem dritten Versuch ist man stark geneigt, den Herren in die nächste behandelnde Hand zu geben

    KS

    16. November 2010 at 15:12

  13. HOUSE OF GOD
    Da wird das Verhalten beschrieben 🙂 und so ist auch die Realität

    http://rettungsdienstblog.wordpress.com/2010/11/06/reihe-buchrezensionen-teil-i-house-of-god/

    🙂

    rettungsdienstblog

    16. November 2010 at 16:13

  14. Sarah könnte sich ruhig noch klarer abgrenzen und ihm klipp und klar sagen, dass sie ihm nicht weiterhelfen kann und dass sie einen psychischen Hintergrund vermutet. Wenn dem Patienten das nicht passt, dann ist es so, aber das ist dann sein Problem.

    Manchmal ists die Psyche, manchmal doch was anderes, aber das ist dann Aufgabe vom Hausarzt und dem Patienten, das herauszufinden.

    Naschbaer

    16. November 2010 at 17:39

  15. „Einen Herzinfarkt haben wir halbwegs sicher ausgeschlossen.“
    Was heißt halbwegs sicher und was ist mit den anderen Symptomen – hat der sich diese wirklich nur eingebildet?
    Leider haben Ärzte zum Behandeln viel zu wenig Zeit, da sie viel zu viel Verwaltungskram erledigen müssen -wird so Geld gespart und werden so die Patienten gesünder?

    Mara und Timo

    16. November 2010 at 17:40

  16. Auch wer sagt „Sie habens an der Psyche, gehnse mal zum Psychiater“, mangelt meiner bescheidenen Meinung nach entscheidender Fähigkeiten zum Arztsein.
    Da kann man behutsamer rangehen, auf besondere Belastungen in der letzten Zeit eingehen, Stress in jeder Form – und: das führt nicht unbedingt „zum Seelenklemptner“[sic], sondern zunächst einmal zum Überdenken der eigenen Lebensweise.
    Was Sarah aber tut, führt zur Chronifizierung eines akuten Leidens. Und ist ungefähr so wirksam und menschlich wie „Sie haben’s an den Bronchien, gehnse mal ’n halbes Jahr auf’n Zauberberg.“

    Wolfram

    16. November 2010 at 18:14

  17. Behutsamkeit ist das Stichwort.
    Irgendwo habe ich gelesen, dass die Grundlage der Therapie sei, zunächst ein tragfähiges Vertauensverhältnis herzustellen.
    Nicht ausreden lassen, abwiegeln, bewusst falsche Vermutungen anstellen, die dann der HA wieder entkräften müsste, wenn er den Patienten nicht in die falsche Richtung schicken will.
    Das trägt eher nicht dazu bei, ein tragfähiges Vertrauensverhältnis herzustellen.
    Auch wenn Sarah ihn vielleicht nicht wiedersieht (oder sehen will), es geht auch um das Verhältnis zu den Ärzten insgesamt. Die Verunsicherung wird dem Patienten sicher nicht weiterhelfen.

    drkall

    16. November 2010 at 19:45

  18. Ganz schwieriges Thema…

    Die Art und Weise ist sicherlich nicht das Wahre. Das hat ja schon was von raus und weg… von loswerden, wenn man so will. Sowas wird dem Anliegen des Patienten ja nicht gerecht, immerhin möchte er ja Hilfe und das ist ja nun auch das, wozu wir da sind.

    Andersherum sagte ja oben schon mal ein Mitkommentator etwas sehr wahres, nämlich, dass es kaum einen Patienten gibt, der hören möchte, dass seine Schmerzen im Kopf entstehen. Dass das weder ihn noch seine Beschwerden abwertet, realisieren die meisten nicht, denn es bedeutet ja noch lange nicht, dass man sich diese Dinge einbildet und bloß einen Schalter im Kopf umlegen muss und *schwupps* ist alles weg. Die meisten Patienten verbindet damit ein bißchen balla-balla-sein und das möchte schließlich keiner von sich denken. Da ein Umdenken zu erreichen ist meiner Meinung nach extrem mühsam, denn wir sind keine Psychologen und die Patienten auch nur für eine Vorstellung dahin zu bewegen klappt fast nie.

    Ein wirkliches Dilemma… meiner Meinung nach 🙂

    Sophie

    16. November 2010 at 22:06

  19. Jain. Natürlich ist das sicher nicht ganz einfach, und sicher gibt es Patienten, bei denen das verlorene Liebesmüh ist.
    Und es stimmt auch sicher, dass viele, wenn nicht die meisten Patienten ein Problem damit haben, wenn man ihnen nahe bringen will, dass ihre Beschwerden auch was mit dem Kopf zu tun haben. Das habe ich selbst bei mir erfahren.
    Und vermutlich sind dagegen selbst viele Ärzte nicht gefeit, wenn ihnen das ein Kollege versichen sollte nahe zu bringen.
    Das funktioniert eben sehr viel besser oder überhaupt erst dann, wenn ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient existiert (und zunächst ist das _nicht_ der „Seelenklempner“, der kommt erst später ins Spiel), das wiederum sehr sensibel sein kann. Jemand, der sich nicht ernst genommen fühlt, wird den Hinweis auf die Psyche von vornherein nicht akzeptieren.

    drkall

    16. November 2010 at 22:42

  20. Hm. Hmhmhm.

    Nein, Sarahs Reaktion ist nicht in Ordnung. Mir geht es vor allem um das Abwuergen des Patienten. Er hat Fragen, und die kann man sich zumindest (respektvoll) anhoeren, finde ich. Sie muss ja keine Antwort wissen. Wenn er fragt, woher seine ganzen Beschwerden kommen, kann sie immer noch deutlich sagen dass das nicht in ihren Fachbereich faellt und sie da keine kompetente Antwort drauf geben kann; dass er da mit seinem Hausarzt weitergucken muss.
    Sie muss ihm den Verdacht auf Somatisierung ja nicht mitteilen. Sie muss sich nicht seine Lebensgeschichte anhoeren. Aber ihn ernst nehmen in seiner Angst, das sollte sie schon. Und so jemanden auf eine falsche Faehrte schicken, das ist nicht fair.

    Ich hab aber auch ne Frage an die Aerzte hier: Wird einem im Studium tatsaechlich nicht beigebracht, wie man dieses Thema anspricht?
    Ich hab Psychologie studiert, und obwohl ich mich nie auf klinische Psychologie spezialisiert habe, wurde uns in verschiedenen Faechern nahegelegt, wie wir damit umgehen sollen, wenn wir z.B. im Diagnoseprozess mit eingebunden wird und die Patienten ueber unser Erscheinen entruestet sind ;).

    Alba

    17. November 2010 at 12:04

  21. Hm. Eindeutig hm.
    Somatisierungsdingsbums, das hats bei mir auch geheißen, nach 5 Jahren Ärzte und Notaufnahme wegen Koliken (bis man dann doch irgendwann die Diagnose Zöliakie stellte – seitdem gehts mir gut!). Meiner Meinung nach, sind die Ärzte damit immer recht schnell bei der Hand. Andererseits, wenn der Verdacht besteht, dass es dieses Dingsbums ist, weil alles andere organische halt einfach net zutrifft, dann sollte die Sarah doch mit dem Herrn das Gespräch suchen, um die Persönlichkeit und die eventuellen Sorgen des Herrn kennen zu lernen, und ihn dann eventuell kompetent weitervermitteln zu können! So weit muss doch ein Arzt Verantwortung zeigen können, finde ich!

    Mel

    24. November 2010 at 15:41


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