Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Diagnose Krebs und Spaß dabei

with 12 comments

Schwester Gaby schüttelt ärgerlich den Kopf.
„Da hat schon wieder jemand die Zeitung geklaut!“
„Wie bitte?“
„Die Illustrierte aus dem Wartezimmer! Eben war sie noch da.“
„Und jetzt?“
„Jetzt ist sie weg.“
„Na und?“
„Da war ein Artikel drin über…. aber ist auch egal!“
Sie seufzt.
„Kann man nichts machen!“
„Kann man doch!“ sagt Marvin.
Gaby runzelt die Stirn.
„Unsere Ambulanz-Kundschaft klaut doch alles, was nicht niet- und nagelfest ist!“
„Lass mich mal machen!“
Am nächsten Tag liegen auf den niedrigen Tischchen im Wartezimmer ein paar knallrote Hefte. Am übernächsten Tag liegen die Dinger immer noch da. Und am überübernächsten Tag auch noch, und zwar genau so, wo sie hingelegt worden sind. Kein Mensch rührt sie an. Die Patienten starren angestrengt daran vorbei in die Luft.
In einer stillen Stunde fasse ich mir ein Herz und nehme eines der Hefte in die Hand.
Ich muss mich arg zusammenreißen um nicht sofort laut loszulachen,
„Diagnose Krebs“ lautet der Titel, „Das Magazin für Tumorkranke.“
Ohne es zu wollen fallen mir ständig weitere potentielle Titel ein: Wie wäre es mit: „Das Tuberkel“ oder Oder: „HIV-Plus – positiv leben mit dem Virus“. Und dann gäbe es noch: „Die Pumpe – das Zentralorgan für Koronare Herzkrankheit“.
Wer hat weitere Ideen?
p.s.: Das Ding gibt’s übrigens wirklich! Ächt jetzt, kein Scherz!
p.p.s.: Nee, ich will mich wirklich nicht über Selbsthilfegruppen oder Patienteninformationen lustig machen – aber ein bißchen mehr Sensibilität wäre doch schon angezeigt, oder?

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Written by medizynicus

17. November 2010 um 05:03

12 Antworten

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  1. Hm, das ist der erste Beitrag, der mir nicht gefällt. Liegt vllt. aber auch daran, dass vor wenigen Tagen ein Freund, Vater von 3 Kindern, an einem Sarkom gestorben ist.

    Nina

    17. November 2010 at 09:16

  2. Wenn’s nur die Zeitschriften sind … Ich kenne Praxen, da wurden sogar Toillettenbrillen Waschbecken und Wartezimmerstühle w ä h r e n d der laufenden Praxis gestohlen!

    der Landarsch

    17. November 2010 at 09:41

  3. Nu ja, ich weiß nicht was unsensibler ist, ein Infomagazin mit einem vielleicht etwas ungeschicktem Titel oder das, was Krebspatienten von manchen Ärzten zu hören bekommen.
    Einen Patient, der bereits über seine Diagnose Bescheid weiß, wird ein solches Magazin kaum abschrecken. Wenn es tatsächlich von einer Selbsthilfeorganisation stammt, könnte es ihm sogar nützlich sein.
    Wenn er nicht von einer Krebsdiagnose betroffen ist, wird er wohl pikiert darüber hinweg schauen, was aber weniger mit der Sensibilität der Macher als vielmehr damit zu tun hat, wie Krebs heute immer noch in der Öffentlicheit dargestellt und diskutiert wird. Es ist immer noch ein Tabuthema, offenbar auch noch bei sehr vielen Ärzten. Die Art und Weise, wie einem z.B. eine Verdachtsdiagnose oder eben auch der bösartige Befund nahegebracht wird, und vor allem wie einem dann mögliche Hilfen für den Umgang damit eben gerade _nicht_ oder nur ausgesprochen zögerlich angeboten werden, ist schon teilweise recht frustrierend.
    Kleine Auswahl? „Also da ist was, was mir nicht so gefällt, das wird Ihnen dann Ihr Hausarzt erklären (wenn er in 3 Wochen den Befund, vielleicht, mal in den Händen hat, und DER ist natürlich auch DER Experte auf dem Gebiet)“ „Ähm, wir müssten sie morgen früh nochmal operieren …“ „Also wenn ich mir einen aussuchen könnte, dann Ihren …“ „Ach übrigens, es ist bösartig …“
    Was dann an Informationen über den weiteren Fortgang und das, was einen noch erwartet, ankommt, reicht von maßlos übertrieben über völlig verharmlosend bis zu definitv falschen Informationen.

    Angesichts dessen, was man in der Selbsthilfe immer wieder zu hören bekommt, ist eine Infoschrift mit einem etwas dümmlichen Titel (bessere Vorschläge sind willkommen) noch das kleinste Übel.

    drkall

    17. November 2010 at 10:39

  4. Dass die Hefte keiner lesen wollte wundert mich dann doch. Liest man in einem langweiligen Wartezimmer nicht sowieso alles?
    Mich jedenfalls hätte es von einer Lektüre nicht abgehalten, dass die Titel etwas „speziell“ sind, aber ich klaue auch keine Hefte (oder Anderes) und zähle dann evt auch nicht zum Klientel.

    fishly

    17. November 2010 at 11:44

  5. Was ist denn an dem Titel der Zeitschrift so dümmlich? Ich finde die Überschrift dieses Beitrags ganz furchtbar. Sobald ich mein Postfach öffne, springt er mir entgegen. Werd das jetzt mal schnell löschen

    Nina

    17. November 2010 at 12:50

  6. Ich verstehe nicht ganz, was an dem Heft so schlimm sein soll.
    Ich würde es, auch ohne aktuellen Anlass, sicher Durchblättern oder Lesen. Es ist doch immer gut, etwas über ein Thema zu erfahren das jeden Treffen kann.
    Das Zeitschriften gestohlen werden ist natürlich nicht schön, es hilft aber auch (solange es sich in Grenzen hält), das Sortiment aktuell zu halten, Wartezimmer mit schmierigen, zerfledderten Heften von anno dazumal sind auch nicht das Gelbe vom Ei und Altpapier-Bündeln muss man dann auch nicht 🙂

    wiederhoeren

    17. November 2010 at 12:56

  7. Pilze –
    die Fachzeitung für den Sammler- wo ich sie finde, wie ich sie ernte und verwerte, wie ich sie von meinen Füssen fernhalte!

    sweetkoffie

    17. November 2010 at 13:18

  8. @Nina: Was mich an dem Ding gestört hat ist, dass es erstens erstaunlich professionell gemacht ist (es kommt definitiv nicht von einer echten Selbsthilfegruppe) und inhaltlich zwischen Apothekenumschau („es gibt was ganz tolles Neues – fragen Sie Ihren Arzt!“) und doch – zumindest aus meiner Sicht – eher schleimig-anbiederndes hat. Meine Vermutung: Finanziert von der Pharmaindustrie, die irgendwelche teuren Medikamente verkaufen wollen. Also wieder mal Direkt-zum-Patienten-Marketing. Das ist ja ja in Deutschland bekanntlich nur auf Umwegen erlaubt. (und das ist wieder mal ein Riesenthema für sich…)

    medizynicus

    17. November 2010 at 13:24

  9. @medizinycus: Was ist daran so schlimm? Der Umweg über Urlaube/“Fortbildungen“, Golfturniere u.s.w. für Ärzte wird ja auch noch immer gegangen, oder ist bei mir etwas vorbeigegangen?

    REALM

    17. November 2010 at 14:34

  10. Mich erinnert das an eine Dokumentation die mal im Fernsehen lief….

    HIV – Positiv durchs Leben

    … fand ich irgendwie, dezent makaber.
    Aber man wird die Doku nie vergessen. ^^

    svuechiatrie

    17. November 2010 at 21:54

  11. Und warum kennt Tante Google das Magazin nicht?

    Mario

    17. November 2010 at 22:33

  12. Hm, manchmal kann das schon irritierend sein. Werde nie vergessen, wie ich mal recht ruhig war und einer hat mich tierisch genervt, was denn los sei, ich solle mich nich so anstellen, ich würde ja aussehen, als ob ich auf einmal Krebs hätte oder so… Da war ich erstmal wortlos…
    Prinzipiell find ich solche Zeitungen nicht schlimm, da nervts mich eher, wenn nur so Tussenzeugs da ist, über Mode und Frisuren und so ein Mist, aber im Normalfall nehm ich mir eh immmer ein Buch mit.
    Aber ja, auch so mancher Arzt hat Probleme, einem sowas zu sagen – kann ich iwie verstehen, aber es gehört halt zum Job dazu, auch wenns keinen Spaß macht…

    Chaoskatze

    17. November 2010 at 23:27


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