Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Adrenalinjunkiemomente (Teil 4)

with 11 comments

Die Ehefrau des Patienten ist eine resolute Mittsiebzigerin, die sich sichtlich um Fassung bemüht. Ihre Tochter – eine attraktive Enddreißigerin – wirkt deutlich nervöser, ihre Augen sind gerötet, die Hände zittern. Ich geleite die beiden Damen in das kleine Kabuff, welches wir ab und zu als Besprechungszimmer für besondere Zwecke verwenden. Oberarzt Heimbach erwartet uns schon, drückt den beiden schweigend die Hand und deutet ihnen an, Platz zu nehmen. Ich bleibe bei der Tür stehen.
„Wie…?“ die Ehefrau bringt es nicht über die Lippen, den Satz zu beenden.
„Es ist ernst.“ sagt Heimbach.
„Er wird sterben?“
Heimbach nickt.
„Was werden Sie tun?“
„Wenn Sie einverstanden sind, werden wir auf intensivmedizinische Maßnahmen verzichten!“
Die Tochter schluchzt auf.
„Kann man denn… wirklich nichts mehr tun?“
„Er hat eine Hirnblutung erlitten. Ohne seine Grunderkrankung…“
„Sie meinen den Lungenkrebs!“
Heimbach nickt.
„Wenn das nicht wäre, könnten wir ihn mit Hubschrauber in die Neurochirurgie verlegen. Man könnte versuchen, ihn zu operieren. Aber in seinem derzeitigen Zustand wird er die Operation nicht überleben.“
Die Ehefrau atmet hörbar aus.
„Können wir… können wir ihn noch einmal sehen?“
„Selbstverständlich!“
Sie stehen auf. Heimbach führt die beiden Frauen in Kabine drei.
Sarah folgt uns.
„Ich weiß nicht, ob ich mit der Entscheidung einverstanden bin!“ zischt sie mir ins Ohr.

Written by medizynicus

22. November 2010 um 05:11

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

11 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Bronchialkarzinom… er wäre in ein paar Monaten sowiso tot. Er erspart sich damit vieleicht noch ein paar Chemos… Cytostatika sind was teuflisches!

    nanovim

    22. November 2010 at 10:55

  2. @nanovim: Denke ich auch. Ich für meinen Teil wäre in so einer Situation dankbar für jeden Tag, an dem ich mich nicht länger quälen muss.

    Klinkenputzer

    22. November 2010 at 13:55

  3. Ich glaube auch, dass sowas weh tut. Und immer vollgedröhnt mit Schmerzmitteln machen die letzten Wochen wohl auch nicht mehr viel Spaß, oder?

    Aber diese Entscheidung trifft niemand gerne. Da gibts es immer nur Verlierer.

    Blogolade

    22. November 2010 at 14:29

  4. Es fällt uns oft schwer loszulassen. Ich denke, man muss den Angehörigen gegenüber seine Verantwortung wahr nehmen, und sinnlose Therapien gar nicht erst anfangen. Die Angehörigen sind mit der Entscheidung oft überfordert. Und wer kann es ihnen verdenken.

    anna

    22. November 2010 at 15:07

  5. Und als logisch denkender Mensch sollte man vorher eine Patientenverfügung etc. erledigt haben, dann erspart sich schon mal eine Menge Theater, für sich selbst und für Angehörige und Ärzte. Gerade, wenn man eh schon weiß, dass man bald tot ist!

    Chaoskatze

    22. November 2010 at 16:16

  6. Hm, dass sie bald tot sind, wissen die wenigsten. Die meisten, bei denen eine solche Entscheidung getroffen werden muss, werden davon vollkommen überrascht, weshalb eingentlich jeder sowieso eine Patientenverfügung haben sollte, wenn er volljährig ist. Ich gebe allerdings zu, dass ich mit 54 auch nach mehreren Anläufen immer noch keine habe, und gehe in die Schämecke.

    Zumindest den Organspendeausweis hab ich jetzt aber 😉

    drkall

    22. November 2010 at 17:34

  7. *gg* brav ^^

    Ich hab meine erste gemacht, als ich 16 war, wenn ich mich recht erinnere. Spendeausweis hab ich nicht, aber ich darf ja auch nicht ^^

    Chaoskatze

    22. November 2010 at 20:27

  8. […] von der Geschichte des Medizynischen und dem Kommentar von Giftspritze wurde ich an meine Zeit als Zivildienstleistender in einem Alten- […]

  9. Meine Patientenverfügung werd ich erst mit 50-60 machen, denn wenn ich jetzt, mit 20 Jahren, ne Hirnblutung hätte, würd ich gern die Chance haben mich nochmal rehabilitieren zu können. Was mit 50-60 schon viel schwieriger ist. Mal schauen, vielleicht mach ich wenigstens mal eine für den Fall der Fälle, wenn es total hoffnungslos erscheint. :\

    Tobi

    22. November 2010 at 21:11

  10. @Tobi

    Wenn es da nicht bereits zu spät ist…

    Der Maskierte

    22. November 2010 at 21:13

  11. @Tobi: genau, wer sagt dir, dass du morgen keinen Autounfall hast? Oder dein Körper längst irgendwas in sich trägt, was noch nicht rausgekommen ist?

    Die normale Patientenverfügung tritt nur in speziellen Fällen ein wie zb bestimmte Komaarten etc. – allgemein Dinge, nach denen ich definitiv nicht wiederbelebt werden will, denn danach bist du ein sabbernder Wrack, der jahrzehntelang in der Ecke sitzt und jeden Tag von wildfremden Leuten angefasst wird, ohne Möglichkeit, sich dazu zu äußern. Nein danke.

    Chaoskatze

    23. November 2010 at 13:25


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: