Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Adrenalinjunkiemomente (Teil 5)

with 6 comments

Einmal tief einatmen. Und ausatmen. Dann anklopfen.
Zimmer siebzehn liegt ganz am Ende des Flures. Das ruhigste Zimmer, und auch das Kleinste. Offiziell ist es ein Zweibettzimmer, aber oft liegt nur ein einziger Patient darin, so wie jetzt.
Dennoch ist das zweite Bett frisch bezogen. Wir haben Frau Walser erlaubt, ihren Mann zu begleiten. Das machen wir meistens in solchen Situationen.
Ich trete ein. Den Wagen mit den Akten lasse ich draußen stehen.
„Guten Morgen, wie geht’s?“
Meine Fröhlichkeit wirkt ein wenig gespielt.
Das Zimmer ist abgedunkelt und auf dem Tisch brennt eine Kerze.
Herr Walser hat die Augen geöffnet und atmet regelmäßig. Ich drücke seine Hand.
„Guten Morgen. Hören Sie mich?“
Tatsächlich, er zuckt kaum merklich mit den Augenbrauen.
Seine Frau ringt die Hände und schaut mich an.
„Glauben Sie, dass er Schmerzen hat?“
Ich schüttele den Kopf. Schmerzmittel und Flüssigkeiten, das ist das einzige, was er von uns noch bekommt. Alle anderen Medikamente haben wir abgesetzt. Wenn er wirklich Schmerzen hat, bekommt er soviel Morphium, wie er braucht. Aber im Moment wirkt er recht entspannt.
„Was glauben Sie, wie lange….?“
Abermals schüttele ich den Kopf.
„Das kann ihnen niemand sagen.“
Die Frau richtet Ihre Augen zur Zimmerdecke.
Sie nickt.
„Der Pfarrer war auch schon da.“ sagt sie leise.

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Written by medizynicus

23. November 2010 um 05:23

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

6 Antworten

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  1. > Wir haben Frau Walser erlaubt, ihren Mann zu begleiten. Das machen wir meistens in solchen Situationen.
    Thumbs up!

    retterweblog.de

    23. November 2010 at 05:42

  2. Mir scheint, dies ist die andere Seite der Medizynischen Medaille.
    Leben und Tod..untrennbar miteinenader verbunden…

    sweetkoffie

    23. November 2010 at 07:56

  3. Wir haben eine kleine sehr schöne modernisierte Palliativstation mit zu Hause Charakter, so dass die Angehörigen hier dabeibleiben können, ich finde schön, dass ihr das den Angehörigen erlaubt. Ist leider nicht immer so. Super auch, dass dein OA da gut zu gestanden ist und auch mit den Angehörigen redet. Da hab ich´s im Vergleich zu anderen auch gut, meine beiden OÄ sind da auch immer hilfsbereit und reden mit den Angehörigen oder kommen zumindest mit. Bei uns wird auch nicht jeder über den Tisch gezerrt. Das finde ich gut so. Sterben ist auch in der Chirurgie erlaubt, zumal ja auch unsere Patienten immer älter werden.
    Leicht fällt einem die Visite da nicht, das geht vermutlich den meisten so. Aber ein fröhliches Wort oder Kommentar hilft den meisten immer ganz gut und etwas Ruhe, um Fragen zu beantworten. Aber gar nicht reingehen geht gar nicht!!!!!

    mausel

    23. November 2010 at 10:00

  4. ein bisschen gänsehaut hatte ich jetzt schon beim lesen :/.

    Psychiater in Spee

    23. November 2010 at 16:05

  5. Geht ziemlich nah!
    Wie weit lässt man das als Mediziner an sich heran?

    Klinkenputzer

    23. November 2010 at 17:13

  6. Dafür, dass das Krankenhaus bereit ist, Frau Walser ein bettb zu bieten, Daumen hoch! Auch wenn sie die Kosten für Verpflegung wahrscheinlich selbst zahlen muss…

    Hatte mal einen alten RettAss, der erzählte, das sowas früher gang und gäbe war…die Sozialeinweisungen..kp, ob das so war.

    rettungsdienstblog

    24. November 2010 at 09:56


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