Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Adrenalinjunkiemomente (Teil 6)

with 13 comments

Schwester Paula starrt angestrengt auf die Tafel, auf der die Belegung der einzelnen Patientenzimmer eingetragen ist. Dann nimmt sie die Brille ab und runzelt die Stirn.
„Sagen Sie mal, Herr Doktor?“
Ich blicke vom Computer, in dem ich gerade nach Laborwerten gesucht habe auf.
„Ja?“
„Den Walser aus Zimmer siebzehn… könnte man den nicht entlassen?“
„Wie bitte?“
„Ich meine…. nach Hause zum….“
Sie macht ein geheimnisvollles Gesicht.
„Was meinen Sie?“
„Nun ja… der hat ja nicht mehr lange, oder?“
Das ist richtig. Die Prognose ist infaust. Oder auf deutsch gesagt: Herr Walser wird vermutlich innerhalb der nächsten Wochen sterben.
„Dann muss er seine letzten Tage ja nicht unbedingt im Krankenhaus verbringen.“
„Sie meinen…. wir sollten ihn zum Sterben nach Hause entlassen?“
„Hmmm.“
„Das muss die Familie entscheiden!“
„Nun ja… der ist doch nicht von hier, oder?“
„Wieso?“
„Er lebt eigentlich zweihundert Kilometer entfernt. Er hat hier in der Stadt nur seine Tochter besucht.“
„Wo ist das Problem?“
„Also…. könnte man ihn nicht vielleicht in ein heimatnahes Krankenhaus verlegen?“
„Warum sollten wir?“
„Die Sache ist so….“ Schwester Paula räuspert sich, „Den Krankentransport in ein heimatnahes Krankenhaus, den bezahlt natürlich die Krankenkasse. Die Kosten für die Überführung des Leichnams hingegen, bleiben an den Angehörigen hängen…“
„Und was soll ich jetzt tun?“
„Nun, Sie könnten ja mal vorsichtig ansprechen…“
„Was soll ich ansprechen?“
„Na… das Thema….“
Ich runzele die Stirn.
Schwester Paula schaut sich vorsichtig um und senkt die Stimme.
„Na, das Thema Bestattung natürlich!“

Written by medizynicus

24. November 2010 um 07:32

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

13 Antworten

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  1. Und ich dachte erst, die Schwester Paula ist der verlängerte Arm der Hausverwaltung, die das Zimmer doppelt belegen will.

    Der Maskierte

    24. November 2010 at 09:09

  2. Von der Schwester eine richtig gute Idee, Respekt! Sowas erlebt man leider nicht oft. Die Frage ist nur, ob das heimatnahe Krankenhaus auch aufnehmen kann und will?!?
    Und kann man ihn nicht auch nach Hause entlassen? Mit einem KTW? Das mach ich ja auch dauernd und das zahlt auch die Kasse.

    Ihn fern von der Heimat sterben zu lassen…waäre traurig!

    Aber das Gespräch stelle ich mir schwierig vor…ist ja auch so ein heikles Thema. WIe will man das ansprechen?!

    Bin auf die Fortsetzung gespannt.

    rettungsdienstblog

    24. November 2010 at 09:52

  3. „Nun ja… der ist doch von hier, oder?“

    fehlt da nicht ein nicht?

    Blogleserin

    24. November 2010 at 09:55

  4. @blogleserin: danke fürs aufmerksame Lesen! schon korrigiert!

    medizynicus

    24. November 2010 at 10:13

  5. @rettungsdienstblog:
    Und im Krankenwagen zu versterben ist besser? Ich möchte am Ende meines Lebens nicht unterwegs sein und hoffe sehr, dass der Patient in Ruhe dort versterben kann, wo er sich gerade befindet.
    Geld ist doch in so einer Situation erst mal egal.

    golm1512

    24. November 2010 at 17:15

  6. Und? Kann man den so einfach „überführen“?
    (Ich weiss gar nicht wie ich als Angehöriger reagieren würde…immerhin NOCH lebt der Mann ja, und ich denke seine Angehörigen werden sich wohl auch an den Gedanken klammern das der noch lebt, oder?)

    Kat

    24. November 2010 at 18:32

  7. Oh wei, da muss man aber sehr vorsichtig sein.
    Mit manchen Angehörigen kann man darüber ganz gut reden, die haben sich schon damit „angefreundet“ dass der Vater/Mann… sterben wird. Aber ich glaube, wenn das alles noch so frisch ist, muss man um den heißen Brei herumschleichen und das Thema unter Umständen doch lieber lassen, sonst hat man als Arzt für den Rest der Zeit bei denen verspielt.

    Blogolade

    24. November 2010 at 19:24

  8. @golm1512:

    Wo habe ich geschrieben, dass er im Krankenwagen sterben soll, geschweige denn, dass das besser ist?!? Nein, er soll nicht im KTW sterben!

    Nur, was würde dir besser gefallen: Das Risiko einzugehen, ihn zu transportieren und ihn dann in aller Ruhe zuhause sterben zu lassen?!? Oder ihn fernab von Familie, Freunden und Bekannten, abgekapselt in einem Krankenzimmer sterben zu lassen?

    Also für mich ist die Variante zuhause deutlich die bessere! Und dafür würde ich auch das isiko während des Transportes eingehen.

    rettungsdienstblog

    24. November 2010 at 22:24

  9. Sch…, an was man offensichtlich alles denken muß! Und das, wenn jemand im sterben liegt. Und so rüberbringen, daß die Angehörigen nicht als geldgieriges PAck dastehen, wenn sie danach handeln.
    Ein Minenfeld.

    Morgaine

    24. November 2010 at 23:15

  10. @rettungsdienstblog:
    Ich finde, zuhause zu sterben sehr, sehr erstrebenswert! Wenn aber jemand schon sterbend daliegt und das Ganze 200 km von Zuhause entfernt geschieht, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass derjenige auf dem Transport verstirbt nicht klein.Selbst, wenn er auf dem Transport überleben sollte, wäre die Verlegung eine irre Anstrengung. Der besagte Patient ist ja nicht allein. Seine Familie ist doch bei ihm. Meiner Meinung nach, ist für den Patienten in dieser Situation die beste Lösung gefunden. Eine Verlegung fände ich zu diesem Zeitpunkt furchtbar.

    golm1512

    25. November 2010 at 07:11

  11. Wenn ich mir vorstelle, dass ich totkrank in einem Krankenhaus liege und man mir nicht mehr helfen kann, dann würde ich es doch auch vorziehen daheim zu sterben, in meiner gewohnten Umgebung,bei meiner Familie und meinen Freunden.
    Das sich so eine Entscheidung an „wer trägt die Kosten“ aufhängt….mein Gott, wie unmenschlich!

    sweetkoffie

    25. November 2010 at 07:33

  12. Um dem allem aus dem Weg zu gehen bleibt mir als Patient eigentlich nur noch, frühzeitig die entsprechende Bürokratie zu regeln (Patientenvollmacht, Vorsorgeverfügung, Betreuungsvollmacht) oder?

    Klinkenputzer

    25. November 2010 at 08:54

  13. @klinkenputzer:
    Ja, die Patientenverfügung sollte vorhandne sein, weil das vieles vereinfacht. Es macht nicht alles besser, aber vieles einfacher.

    @golm1512:
    Wo sterben gut ist, und das ganze drumherum, ist de facto Ansichtsache. Da muss sich der Arzt mit den Angehörigen absprechen, ihnen die Risiken darlegen und sie dann abwägen lassen. Wird der beste Weg sein…^^

    rettungsdienstblog

    25. November 2010 at 14:23


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